Rassismus im Klinikum: "Ohne diese Kolleginnen und Kollegen könnten wir den Betrieb zumachen"

Die Assistenzärztin Dr. Ann Kristin Schmitz hat zuhause gelernt, dass man freundlich und hilfsbereit gegenüber anderen Menschen ist. Andere zu maßregeln, kostet sie Überwindung. Doch was tun bei offenkundig rassistischen Patienten?

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Wenn ich zu meiner Bank gehe, um einen Kredit zu beantragen, stelle ich mich dem Sachbearbeiter freundlich vor und schildere mein Anliegen. So erlebe ich auch die meisten Patienten in der Klinik: freundlich ihr Anliegen schildernd. Doch es gibt Ausnahmen. Unvermittelt stürmt ein Patient in der Ambulanz auf mich zu und schreit: »Wissen Sie eigentlich, wie lange ich hier schon warte?!«

Nein, das weiß ich in diesem Moment noch nicht. Auch nicht, wer das ist und um welches Problem es geht. Also ist Deeskalation angesagt: »Guten Tag, ich bin Dr. Schmitz. Was kann ich für Sie tun?«

Das hilft, mal mehr und mal weniger. Von Hause aus habe ich gelernt, freundlich und hilfsbereit zu sein und Erwartungen anderer an mich möglichst zu erfüllen. Typ: Harmonie. Und das ist erst einmal OK, aber was ist mit Patienten, die schlicht unverschämt sind?

Ich weiß: Ein Patient ist in einer Ausnahmesituation. Das entschuldigt manches, aber eben nicht alles. Ganz sicher entschuldigt es keinen Rassismus. Und leider erlebe ich den auch in deutschen Kliniken immer wieder. Zum Beispiel gegenüber José Ruiz, meinem Kollegen aus Guatemala. Mit ihm habe ich als junge Assistenzärztin bei meiner ersten Arbeitsstelle zusammengearbeitet. Fürs Protokoll – er spricht ausgezeichnet Deutsch.

Er ist vollkommen aufgebracht, als ich ihm auf dem Flur begegne.

»Weißt du, was der alte Mann aus Zimmer 12 gerade zu mir gesagt hat? ›Von Ihnen lasse ich mich nicht behandeln! Von meinem Arzt kann ich ja wohl erwarten, dass er vernünftig Deutsch spricht‹.«

»Was für eine Unverschämtheit! Wie hast du reagiert?«

»Gar nicht! Ich bin einfach aus dem Zimmer gegangen. Doch eins ist klar: Zu dem gehe ich nicht mehr!«

»Da würde ich mich am liebsten sofort anschließen, denn zu mir ist er immer zuckersüß … total unangenehm.«

Es geht mal wieder um Willy Sauter, den Patienten in Zimmer 12. Rentner, 75 Jahre, nie zufrieden. Typ Hausmeister, der am Fenster auf Falschparker wartet, um sie anzuzeigen. Keiner auf der Station hat gerne mit ihm zu tun: Weder die deutschen Schwestern, die er morgens anflötet – »So hübsche Mädels, da kommen ja meine Hormone so richtig in Wallung.« –, noch die ausländischen Schwestern, die er gerne herumkommandiert.

»Ach, die junge, hübsche Frau Doktor, und blond ist sie auch noch«, begrüßt er mich und schwärmt von seinem Schrebergarten. »Da gibt es noch richtige Gemeinschaft. Wir können wirklich froh sein, dass wir in Deutschland noch so etwas haben. Ja, das ist Heimat und deutsche Kultur. Dafür brauche ich keine Ausländer. All die Flüchtlinge, die jetzt kommen, weil sie unseren Wohlstand wollen.«
»Herr Sauter, ich bin hier um mit Ihnen die anstehende Operation zu besprechen«, unterbreche ich seinen Redeschwall.

Mit kühler Distanz kläre ihn über den Shunt auf, den wir legen wollen. Herr Sauter leidet unter einem Normaldruckhydrozephalus. Das heißt, er hat zu viel Nervenwasser im Gehirn und deswegen u. a. Probleme beim Laufen. Über den Shunt soll dieses Wasser abgeführt werden. Die medizinische Fachsprache hilft mir, Distanz aufzubauen. Aber reicht das? Hätte ich ihn nicht zurechtweisen müssen?

Doch kann ich mir das als Jüngste im Team erlauben? Gerade als junge Ärztin in der Chirurgie finde ich es manchmal nicht leicht, meinen Platz zu finden. Obwohl sich für Ärztinnen in den Kliniken manches getan hat und Gleichberechtigung ein Thema ist, wird man immer noch besonders beäugt: Wie verhält sie sich? Ist sie zickig? Besserwisserisch oder kollegial? 

Und natürlich sind unsere Krankenhäuser nach wie vor streng hierarchisch organisiert. Eine klare Ansage kann in diesem System eigentlich nur der Chef- oder der Oberarzt machen, die anderen haben zu schweigen. Doch leider hat der Oberarzt hier keine deutliche Position bezogen. Klar, mein Kollege José musste den Patienten nicht weiter behandeln, aber die klare Ansage fehlte: »So geht man nicht mit meinen Mitarbeitern um!«

Manchmal ist da dieser Patient, der einen nicht loslässt: Weil er den eigenen Blick auf die Medizin verändert oder weil man ihn einfach besonders sympathisch findet. Der Onkologe PD Dr. Jens Ulrich Rüffer hat gemeinsam mit seinem Freund und ehemaligen Patienten Michael Lohmann ein Buch über besondere Patientenbegegnungen veröffentlicht.

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Das habe ich in Südafrika anders erlebt, wo ich nach meinen Examen drei Monate in einer Klinik für Kinder-Neurochirurgie gearbeitet habe. Dieses Krankenhaus in Kapstadt gilt als eines der besten weltweit und ich war froh, dort lernen zu können.

Tom, drei Jahre alt, gehörte zu meinen Patienten. Er hatte einen gutartigen Tumor im Kleinhirn, der operiert werden sollte. Aufgrund des Tumors war sein Gleichgewichtssinn gestört, weswegen er immer wieder hinfiel. Wie das in Kinderkliniken üblich ist, durften die Eltern bei ihrem Kind sein. Toms Mutter blieb Tag und Nacht auf seinem Zimmer, der Vater kam meistens tagsüber. Smartes Unternehmerpaar, sportlich, schlank, dynamisch. Weiße Hautfarbe. Eigentlich Leute, mit denen ich mir vorstellen könnte, ein Bier trinken zu gehen – zumal sie mit Ende zwanzig in meinem Alter waren.

Auch Tom war ein netter, aufgeweckter Junge. Ich hatte ihn aufgenommen, untersucht und für die OP vorbereitet. Gleichzeitig war auch meine Kollegin Ndiliswa Feza dabei. Eine stolze, schwarze Frau, die bereits ihren Facharzt für Neurochirurgie besaß. Sie war deutlich erfahrener als ich.

Natürlich waren Toms Eltern sehr besorgt und wollten sicherstellen, dass ihr Sohn die bestmögliche Behandlung bekommt, Ndiliswa Feza war also genau die Richtige. Doch bald bemerkte ich, wie distanziert sie im Umgang mit ihr waren. »Wir wollen nicht, dass sie unseren Sohn behandelt«, sagten sie schließlich zum Oberarzt. Für mich war das ein Schock. Das waren junge, aufgeklärte Leute und keine Hinterwäldler. 

»Was immer Ihre Überzeugungen sind, auf dieser Station beurteile ich meine Mitarbeiter nicht nach Hautfarbe, sondern nach Qualifikation. Und Dr. Ndiliswa Feza ist eine sehr qualifizierte Ärztin.«

»Das mag ja sein, aber wir wollen lieber, dass die deutsche Ärztin unseren Sohn behandelt«, insistierten die Eltern.

»Tut mir leid. Dr. Feza ist die erfahrenere Kollegin, daher wird sie die Behandlung durchführen.«

»Wir haben ja auch gar nichts gegen Farbige, aber wir hatten in der Vergangenheit schon mal Probleme«, versuchte die Mutter es nochmal.

»Hier werden Sie keine Probleme haben«, antwortete der Oberarzt knapp und damit war der Fall für ihn erledigt.
Natürlich war er das nicht für meine Kollegin. Das Verhalten von Toms Eltern hatte sie tief verletzt. »So etwas ist mir leider schon häufiger begegnet und dennoch bin ich jedes Mal schockiert«, sagte sie zu mir. »Zu Recht«, antwortete ich. »Es ist verstörend zu sehen, wie schlimm dieser Rassismus aus Zeiten der Apartheid auch heute noch ist.« 

Meine Kollegin hat dann weitgehend auf den direkten Kontakt mit Tom und seinen Eltern verzichtet. Nur bei den Visiten kam sie mit in Toms Zimmer.
Genauso verletzend gingen die Eltern mit den schwarzen Stationsschwestern um. Wenn die etwa Essen aufs Zimmer brachten, wurde das von Toms Mutter zurückgewiesen. Von Schwarzen nahm sie grundsätzlich nichts, von der weißen Schwester hingegen schon. Es war solche Gesten, die ihre Gesinnung zeigten. 

Für mich war es das erste Mal, dass ich mit offenem Rassismus konfrontiert war und ich fühlte mich ziemlich hilflos. Wie sollte ich diesen Eltern begegnen? Zumal ich nicht wollte, dass am Ende der kleine Tom der Leidtragende ist. So bin ich seinen Eltern weiter freundlich, aber distanziert begegnet und habe immer betont, wie viel ich noch von Ndiliswa Feza lernen könne. Später habe ich mich manchmal gefragt, ob das genug war.

Mittlerweile bin ich an der Uniklinik in Bonn und gehöre dort zu den Alt-Assistenten im letzten Stadium der Facharztausbildung. So habe ich jetzt mehr Verantwortung im Team und die will ich auch nutzen. Wir haben viele philippinische Schwestern und Pfleger auf der Station, ohne sie würde der Betrieb hier zusammenbrechen. Leider wird das von manchen Patienten nicht wertgeschätzt. Im Gegenteil. Kürzlich sagte ein Patient bei der Chefvisite vor allen Ärzten und dem Pflegepersonal: »Es ist ja schlimm auf dieser Station, keiner spricht hier richtig Deutsch. Und die ausländischen Schwestern hier sind ja wohl kaum geeignet, mich fachgerecht zu behandeln.«

Rücksicht auf den Patienten nehmen, über Äußerungen hinweg gehen, das funktionierte nicht mehr – also – Mund aufmachen: »Jetzt sage ich Ihnen auch mal was: Ohne diese Schwestern und Pfleger könnten wir den Betrieb hier zumachen. Das sind allesamt sehr qualifizierte Mitarbeiter, und wir sind stolz auf sie!«

Ende der Durchsage. Der Patient guckte mich ganz verdattert an und war still. Und noch besser: Auch von meinem Chef bekam ich Rückendeckung und keine Maßregelung hinterher. Im Gegenteil, es gab anerkennende Blicke meiner Kollegen.

Es war ein befreiendes Erlebnis: Ich kann mich also zur Wehr setzen! Das ist gut für mich und für andere. Auch wenn es mir nicht in die Wiege gelegt wurde, so bin ich doch lernfähig. Auch gegenüber unverschämten Patienten.

So habe ich durch den grantigen Herr Sauter etwas Wichtiges begriffen: In diesem Beruf brauche ich Rückgrat und kann nicht immer nur die freundliche Frau Doktor sein.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch: Wenn eine Begegnung alles verändert - Ärztinnen und Ärzte erzählen. Hier schildern Ärztinnen und Ärzte prägende Begegnungen mit Patienten. ©atp Verlag, Köln 2021.

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