Ich kam, sah und bloggte – Aus dem völlig verrückten Leben eines (Not)arztes. Grund 17

Exklusiv bloggt der Spiegel-Bestsellerautor Falk Stirkat für Operation Karriere. Er erzählt über seinen spannenden Alltag als Notarzt und riskiert einen Blick in die chirurgischen Praktiken des 18. Jahrhunderts. Heute: Einer von 111 guten Gründen Arzt zu sein.

Hier bloggt Falk Stirkat

Grund Nummer 17: Weil Medizinstudenten immer ein gemeinsames Gesprächsthema finden

Lauschen wir doch mal einem Gespräch unter angehenden Ärzten, sagen wir so im sechsten bis achten Semester! Es ist Freitagabend, und man sitzt gemütlich bei einem oder auch mehreren Bierchen zusammen:
Medi A: »Noch ’ne Runde?«
Medis B–F: »Klar!«
Medi C: »Und gleich ’nen Kurzen dazu!«
Medi B: »Wir waren heute das erste Mal im OP. Echt der ­Hammer!«
Medi F (studiert zwei Semester unter den anderen): »Wie cool. Wir dürfen immer nur an Leichen rumschnibbeln. Wobei, heute hatten wir in der Pathologie eine, die hatte ’nen riesigen Tumor im Kopf! So groß«: Bildet mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis, der ungefähr die Ausmaße einer Orange hat
Medi A: »Wahrscheinlich ein Glioblastom, oder?«
Medi F: »Hat der Prof auch gesagt. Muss erst noch histologisch untersucht werden. Aber ehrlich. Dass man mit so einem Ding im Kopf überhaupt leben kann …«
Medi B: »Kann man ja offenbar nicht.«
Alle lachen.
Medi D zu Medi B: »In welchem OP wart ihr?«
Medi B kommt nicht zum Antworten, weil in diesem Moment die Kellnerin die bestellten Getränke bringt. Sofort stürzen sich alle kollektiv auf den Kurzen, prosten sich zu und kippen das Zeug in sich hinein. Erst dann geht das Gespräch weiter.
Medi B: »Allgemeinchirurgie, Rektumkarzinom. Prof. Diel hat mal wieder gezaubert.«
Medi A: »Der macht ja auch den ganzen Tag nichts anderes, für mich wäre das nichts. Gleich nach dem Frühstück in Gedärmen herumwühlen und bis zum Abend nichts anderes tun. Da stinken doch die Hände durch die Handschuhe durch.«
Medi B: »Quatsch, das ist voll geil! Der Tumor war dann doch fortgeschrittener als gedacht. Da hat der Diel dem Patienten den halben Arsch weggeschnitten. Der hat echt was drauf!«

Spätestens jetzt ist den Gästen am Nachbartisch nachhaltig der Appetit vergangen, was den sechs Freunden allerdings überhaupt nicht auffällt. Für die ist das ganz normal. Obwohl sie sich wahrscheinlich vorgenommen haben, nicht über die Arbeit zu sprechen, driftet das Thema immer wieder in die gleiche Richtung ab. Und das ist bei dieser bunten Truppe auch gut so. Denn was Medi A nicht weiß: Medi D findet seine Freundin und ihr blödes Tussigetue zum Kotzen. Medi C hingegen vertritt eine politische Meinung, die mit der Philosophie von Medi F überhaupt nicht zu vereinen ist. Nur Medi E, der zurückgezogene, entspannte Typ, hört allen zu und denkt sich seinen Teil.

Klar, ich hätte den Mitgliedern unserer illustren Runde auch richtige Namen geben können. Menschen mit Buchstaben zu titulieren scheint doch arg despektierlich und erinnert ein bisschen an die Chirurgin Cristina Yang aus der Serie Grey’s Anatomy. In diesem speziellen Fall ist es aber vollkommen unnötig, den Protagonisten einen Namen zuzuweisen, denn dieses Gespräch könnten so oder in ähnlicher Form Hunderte, ja Tausende Studenten oder junge Ärzte führen. Denn weil sie den ganzen Tag eigentlich nicht viel anderes machen, haben die meisten eben nur ein Thema.

Und wenn sich doch einer der Freunde erdreisten sollte, einem anderen Hobby als der Medizin zu frönen, dann teilt er dies sicher nicht mit den übrigen Studenten. Er weiß, dass er die anderen mit Berichten darüber nur langweilen würde. Es hat ja durchaus seinen Sinn, dass Menschen mit gleichen Interessen sich zusammenrotten, um sich über das entsprechende Interessengebiet auszutauschen. So gibt es Tauchklubs, Wander-, Computer- und sogar Schachvereine.

Und es gibt eben Mediziner. Bei denen ist das Hobby meist mit dem (zukünftigen) Beruf identisch. Problematisch wird das nur, wenn einer der Kommilitonen plötzlich einen fachfremden Partner anschleppt. Mit dem weiß man dann oft nicht viel anzufangen.

Quelle: 111 Gründe, Arzt zu sein. 

Vita

Geboren 1984, arbeitet Falk Stirkat seit 2010 als Arzt. Seiner anfänglichen Tätigkeit in einer großen chirurgischen Klinik ging das Studium der Humanmedizin an der renommierten Karls-Universität in Prag voraus. Es folgten Ausbildungszeiten in Notaufnahme und Intensivstation. Heute arbeitet der Autor als Leiter einer großen Notarztwache. Von seinen Erfahrungen als Notarzt erzählt er in seinen Büchern: Ich kam, sah und intubierte und 111 Gründe, Arzt zu sein.

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