Ich kam, sah und bloggte – Aus dem völlig verrückten Leben eines (Not)arztes.

Exklusiv bloggt der Spiegel-Bestsellerautor Falk Stirkat für Operation Karriere. Er erzählt über seinen spannenden Alltag als Notarzt und riskiert einen Blick in die chirurgischen Praktiken des 18. Jahrhunderts. Heute: Eine Anekdote aus seinem Notarztalltag, erschienen in: Ich kam, sah und intubierte.

Hier bloggt Falk Stirkat

Der Kreativität in Sachen, was Menschen sich alles freiwillig in die verschiedensten Körperöffnungen stecken, sind kaum Grenzen gesetzt. So fand es ein Zwanzigjähriger besonders witzig, sich zum Jahreswechsel Wunderkerzen rektal einzuführen, ohne zu bedenken, dass die Dinger auch irgendwann mal runtergebrannt und die Freunde viel zu amüsiert und betrunken sind, ihm beim rechtzeitigen Entfernen behilflich zu sein.

Aber nicht nur im Rettungsdienst erlebt man die kuriosesten Dinge mit der menschlichen Sexualität und ihren Spielweisen. Zu den bekanntesten Röntgenbildern zählt eines, das es wahrscheinlich in der ein oder anderen Form in jeder größeren Klinik gibt. Zu sehen ist die Übersichtsaufnahme eines menschlichen Bauchraumes. Ganz am unteren Ende, dort wo der Mastdarm hingehört, sieht man eine Taschenlampe. Da fragt man sich doch ernsthaft, wer in der Lage ist, eine ganze Taschenlampe zu verschlucken. Ich meine, man müsste doch zumindest ein paarmal kauen, oder?

Während meiner Ausbildungszeit in der Chirurgie kam eines Tages ein junger Mann in die Klinik, der eine seiner Meinung nach furchtbar peinliche Angelegenheit zu berichten hatte. Beim Liebesspiel mit einer Kommilitonin hatte er sich aus Versehen auf deren Vibrator gesetzt und der steckte jetzt irgendwie fest. Ein Röntgenbild und eine digital-rektale Untersuchung später war die Sache klar. Das Ding hatte sich im S-Darm einquartiert und dachte überhaupt nicht daran, dort von selbst wieder herauszukommen. Als wir dem Studenten erklärten, dass wir ihn operieren müssten, brach er in Tränen aus. Seine Sorge galt aber weniger dem Corpus alienum, wie die Diagnose auf Latein lautet, sondern der Gefahr, dass seine Eltern von der Sache Wind bekommen könnten. Das wollte er um jeden Preis vermeiden. Irgendwie schon verständlich, oder? Das wiederum war aber gar nicht so leicht zu bewerkstelligen, denn er würde mit einer großen Narbe vom Bauchnabel bis zum Schambein nach Hause kommen. Und auch den längeren Krankenhausaufenthalt galt es irgendwie zu erklären. Die Idee des Patienten war, man könne es doch aussehen lassen wie eine Blinddarmoperation. Blöd nur, dass wir in Arztbriefen nicht lügen dürfen. Da musste er sich schon selbst irgendwas ausdenken. 

Ein weiteres Problem war der Umstand, dass der batteriebetriebene Freudenspender überhaupt nicht daran dachte, seine Arbeit einzustellen und munter weiter vor sich hin brummte. Weil wir während der Operation aber das sogenannte heiße Messer verwenden, eine elektrische Methode, um blutende Gefäße zu veröden, sollten die Batterien schon entladen sein, bevor wir mit der OP anfingen, sonst drohten ernsthafte Verbrennungen der inneren Organe. Also musste der Student erst mal im wahrsten Sinne des Wortes eine Weile auf die Bank. Der Bursche nahm auf einer unserer gemütlichen Sitzgelegenheiten im Wartebereich Platz, die zu diesem Zeitpunkt noch alle aus rostfreiem Stahl gefertigt waren. Fast drei Stunden lang brummte die Bank vor sich hin wie die Biene Maja, und immer wenn ich in die Notaufnahme kam, um nach dem Mann zu sehen, konnte ich anhand der Geräuschkulisse feststellen, ob es schon an der Zeit war, ihn in den OP zu bringen.

Erst spätnachts holten wir den Vibrator dann mit Hilfe eines Längsschnittes aus dem Bauch des Studenten. Ich hatte den OP zu dieser Uhrzeit selten so voll gesehen. Das gesamte diensthabende Personal der Klinik schien zufällig wichtige Arbeiten in genau dem Saal verrichten zu müssen, in dem wir unserer Tätigkeit nachgingen. Der Student überstand seine Operation gut und wurde nach ein paar Tagen wieder entlassen. Auch der geborgene Fremdkörper wurde dem Mann wieder übergeben. Schließlich gehörte der nicht ihm, sondern seiner Kommilitonin. Ob die ihn allerdings wiederhaben wollte, ist leider nicht überliefert.

Vita

Geboren 1984, arbeitet Falk Stirkat seit 2010 als Arzt. Seiner anfänglichen Tätigkeit in einer großen chirurgischen Klinik ging das Studium der Humanmedizin an der renommierten Karls-Universität in Prag voraus. Es folgten Ausbildungszeiten in Notaufnahme und Intensivstation. Heute arbeitet der Autor als Leiter einer großen Notarztwache. Von seinen Erfahrungen als Notarzt erzählt er in seinen Büchern ich kam, sah und intubierte und 111 Gründe, Arzt zu sein.

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