Ich kam, sah und bloggte – Aus dem völlig verrückten Leben eines (Not)arztes.

Exklusiv bloggt der Spiegel-Bestsellerautor Falk Stirkat für Operation Karriere. Er erzählt über seinen spannenden Alltag als Notarzt und sagt, warum es vorteilhaft ist Arzt zu sein. Heute: eine rührende Geschichte über ein älteres Pärchen, die, es ist ja bald Weihnachten, natürlich gut ausgeht.

Hier bloggt Falk Stirkat

Hallo miteinander, 

bald nun ist Weihnachten! Ich liebe diese Tage vor dem großen Fest. Sowohl die Abende auf dem Weihnachtsmarkt, als auch diese festliche Stimmung, der zumindest ich mich selbst im stressigen Berufsalltag nicht verwehren kann. Die Straßen erstrahlen im Glanz tausender Lichter und selbst die Notaufnahmen der Kliniken sind festlich geschmückt – soweit das eben möglich ist. 

Allerdings werde ich jeden Tag daran erinnert, dass es viele Menschen gibt, denen es nicht so gut geht. Gerade in der (Vor)weihnachtszeit wird einem das oft schmerzlich bewusst. Wenn beispielsweise die Frankfurter Obdachlosen kollektiv zum Gänsebraten-Essen eingeladen werden und dieser eine Abend zum Höhepunkt eines ganzen Jahres wird, dann kann man schon mal rekapitulieren, wie gut es einem selbst geht. Hinzu kommt, dass neben der Armut auch die Krankheiten zur Weihnachtszeit nicht einfach Urlaub machen. So mussten wir gestern ein älteres Pärchen behandeln, das gerade so überhaupt keine Zeit hatte ins Krankenhaus zu fahren. Schließlich mussten noch die Geschenke für die Enkel besorgt werden. Den Tannenbaum galt es in Bälde aufzubauen und auch um den Weihnachtsschmaus musste sich schließlich irgendwer kümmern. So war es nicht verwunderlich, dass der Rettungsdienst erst gerufen wurde, als der systolische Blutdruck auf über 220 schoss und sich zum Schwindel, den die ältere Frau bereits seit ein paar Stunden empfand, auch noch das Sehen von Doppelbildern dazu gesellte. Als wir vor Ort – einem kleinen Mehrfamilienhaus mit perfektem Blick über die ganze Stadt – eintrafen, wurden wir direkt mit den Worten: „Aber ins Krankenhaus fahre ich nicht mit", begrüßt. Selbstredend konnte ich ein derartiges Versprechen kaum machen bevor ich nicht genau wusste, was hier los war. Es stellte sich heraus, dass das Blutdruckmessgerät der älteren Frau nicht etwa defekt war und einen unglaubhaft hohen Wert angezeigt hatte – nein – der Blutdruck lag tatsächlich bei besorgniserregenden 230/120 mmHg. Ihre Symptome spielte die Patientin vermutlich auch eher herunter.

„Haben Sie denn sonst irgendwelche Erkrankungen?", fragte ich, während ich ihr einen Venenzugang im Arm legte, um die notwendigen Blutdrucksenker zu verabreichen. 

„Nein, nein!", antwortete die Frau umgehend. „Ich bin gesund." 

Zurückblickend auf eine gewisse Erfahrung in meinem Beruf, formulierte ich die Frage um und wollte stattdessen wissen, welche Medikamente man denn so nahm. Das waren dann doch einige und hinter: „Ich bin gesund!" verbarg sich dann noch ein Raucherasthma, eine Arteriosklerose und der bereits bekannte hohe Blutdruck. Außerdem musste die ältere Frau Medikamente nehmen, um den Cholesterinspiegel auf normalem Niveau zu halten. 

Um nicht zusätzlich Komplikationen durch ein zu schnelles Absenken des Blutdruckes zu verursachen, spritze ich nur verhältnismäßig wenig des gewählten Medikaments und erklärte der sturen Patientin, dass es eigentlich nicht verantwortbar war sie im häuslichen Umfeld zu belassen. Am Ende kann man aber niemanden zwingen und gegen seinen Willen einfach mitnehmen, weshalb ich meiner Patientin alle möglichen Komplikationen ihrer Entscheidung erläuterte und sie darauf hinwies, dass sie eine Transportverweigerung unterschreiben müsse, wenn sie wirklich nicht mit uns kommen wollte. 

„Sie müssen das verstehen!", versuchte sie sich zu rechtfertigen. „Ich habe im letzten Jahr so viel durchgemacht. Erst im Sommer wurde bei mir ein Hirnaneurysma operiert.", sagte sie, als sei diese Info im Grunde völlig irrelevant. „Und auf der anderen Seite habe ich auch noch eins, was noch weggemacht werden soll."

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