Glück im ärztlichen Arbeitsalltag – was ist wichtig?

Ärztinnen und Ärzte verbringen so viel Lebenszeit am Arbeitsplatz. Doch wie glücklich sind sie in all diesen Stunden eigentlich? Und was kann man tun, um den persönlichen Wohlfühlfaktor im Job zu erhöhen? Ein Interview mit Dr. Ricarda Rehwaldt, die zu diesem Thema forscht und publiziert.

Forscht zum Thema Glück und Arbeit: Dr. Ricarda Rehwaldt, Geschäftsführerin der FELICICON GmbH und Autorin der Bücher „Die glückliche Organisation“ und „Positive Psychologie für Unternehmen", erschienen im Springer Gabler Verlag. | © Alexander Rentsch

Frau Dr. Rehwaldt, Geld, nette Kollegen, spannende Aufgaben? Was macht im Beruf glücklich?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Sinnempfinden, Selbstverwirklichung und Gemeinschaft. Viele denken, es müssten mehr als diese drei Faktoren sein oder das wäre individuell verschieden. Das ist aber höchstens marginal der Fall. Wir haben 2019 und 2020 über 1.000 Menschen aus der Gesundheitsbranche zu ihrem Glücksempfinden am Arbeitsplatz befragt. Dabei konnten wir feststellen, dass sie durchschnittlich etwas glücklicher sind als andere Berufe. Denn bei ihnen ist das Sinnempfinden viel stärker ausgeprägt als in fast jeder anderen Branche. In meinen Seminaren erlebe ich oft, dass viele Teilnehmer, die in anderen Wirtschaftszweigen tätig sind, nicht wirklich wissen, welchen Sinn ihre Arbeit hat. In punkto Selbstverwirklichung und Gemeinschaft sieht es bei Ärzten und in der Pfleger jedoch wenig rosig aus: Sie erleben weniger Gemeinschaft als andere und der Faktor Selbstverwirklichung ist bei ihnen sogar ziemlich im Keller.

Woran hapert es bei diesen beiden Punkten?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Die Selbstverwirklichung kommt zu kurz, weil es kaum Handlungsspielräume gibt. Das gilt insbesondere für das Personal in Kliniken, in denen alles stark an Budgets hängt, sehr eng getaktet ist und somit relativ wenig Zeit bleibt, um wirklich am Patienten zu arbeiten. Aber genau deswegen haben Pfleger und Ärzte ihren Beruf ja ursprünglich gewählt. Sie starten mit hohen Idealen, die sich dann im Alltag nicht umsetzen lassen. Stattdessen erleben sie ein schnelles Hinterherhasten in einem vorgegebenen Zeitfenster, um im vorgegebenen Kostenrahmen zu bleiben. Außerdem arbeiten die Angestellten in der Klinik im Schichtdienst und müssen sehr schnell auch weitreichende Entscheidungen treffen. Das ist ein zusätzlicher hoher Stressor. So bleibt wenig Zeit für den kollegialen Austausch, was zu Lasten der Gemeinschaft geht. Das gilt erst recht für die aktuellen Pandemiezeiten, wo ihnen oft nicht einmal mehr die fünf Minuten an der Kaffeemaschine bleiben.

Ist Geld nicht auch wichtig?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Es gibt reichlich Studien, die zeigen, dass mehr Geld nicht glücklicher macht. So liegt das vielzitierte Bhutan in Sachen Glück weit vor allen anderen Ländern, obwohl das Bruttosozialprodukt dort viel niedriger ist als bei uns. Aus der Sozialforschung ist ebenfalls bekannt, dass die Deutschen in den 1950er Jahren auf der Glücksskala einen höheren Wert angegeben haben als heute. Dabei besaßen sie damals meist nicht mal ein Telefon, geschweige denn eine Waschmaschine.

Und für die Zufriedenheit im Job?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Aus der Forschung weiß man, dass die Lohnhöhe dafür nur eine ganz untergeordnete Rolle spielt. Wer nur wenig verdient, kann mit seiner Stelle rundum zufrieden sein, wenn er seine Arbeit sehr gern macht, während Topverdiener wiederum sehr unglücklich sein können. Hier liegt ein Denkfehler vor. Wir haben die Menschen der Wirtschaft angepasst, unsere Ökonomie ist rein auf Umsatzsteigerungsziele ausgerichtet. Gleichzeitig werden überall auch Mitarbeiter über Geld und Boni geführt. Dabei macht dies niemanden am Arbeitsplatz glücklicher oder motivierter, auch nicht Ärzte, weil Menschen sich einfach schnell an ihr Gehalt gewöhnen. Wichtig wird der persönliche Kontostand nur, wenn Sie feststellen, dass ein Kollege mehr verdient, obwohl er die gleiche Arbeit erledigt. Und dafür genügen schon 100 Euro brutto. Dann hilft es Ihnen auch nicht, dass Sie bisher mit Ihrem Geld gut ausgekommen sind. Das nennen wir „soziales Vergleichen“. Beim Pflegepersonal sind die Gehälter wiederum so gering, dass es durchaus ein Thema ist. Da sie so eng mit den besserverdienenden Ärzten zusammenarbeiten, kann sich dies schon auf das Glückserleben auswirken.

Ist Erfahrung mit Leiden und Tod nicht per se ein Glückkiller?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Nein. Denn Glück speist sich unter anderem ja aus Sinnempfinden. Eine Palliativmedizinerin berichtete mir, dass sie ihre Tätigkeit überhaupt nicht als todtraurig empfindet. Denn sie erlebt viel Dankbarkeit, wenn sie ihren Patienten die letzten Tage so schmerzfrei wie möglich macht, sodass sie sanft aus dem Leben scheiden können. Diese Dankbarkeit zeigt sich auch in den sehr persönlichen Lebensgeschichten, die die Patienten mit ihr teilen, was sie als tief befriedigend und erfüllend beschrieb. In anderen Fachrichtungen kann das Glücksempfinden jedoch durchaus eingeschränkt sein. Ärzte wissen oft, was ihren Patienten helfen würde und dann mangelt an der nötigen Compliance. Wenn einem die Hände gebunden sind, ist Selbstverwirklichung nicht mehr möglich. Schwierig wird es auch, wenn Entscheidungen über Dinge getroffen werden müssen, Sie also etwas verantworten, was sie aber nicht bis zur letzten Konsequenz im Griff haben. Das ist ebenfalls ein Stressor. Für das Gemeinschaftsgefühl in Teams ist der größte Glückskiller Konkurrenz, denn darunter leiden alle drei Faktoren enorm.

Was kann man selbst tun, um seines Glückes mehr Schmied zu sein? 

Dr. Ricarda Rehwaldt: Das ist eine Haltungsfrage. Die Erkenntnis aus der Forschung ist, dass das eigene Glücksempfinden nur zu zehn Prozent durch äußere Bedingungen beeinflusst wird. Wir haben es zum größten Teil selbst in der Hand. Wenn ein äußerer Umstand auf Sie zukommt, haben Sie die Chance, diesen auf verschiedene Weise zu bewerten. Aus der Art Ihrer Gedanken entsteht die Emotion, die Sie dann fühlen. Das Gehirn kann man mit einer Wiese vergleichen. Meist benutzen die Gedanken etablierte Wege. Es entwickeln sich Trampelpfade, die breiter werden und vielleicht sogar asphaltiert werden. Dann können die Gedanken wie auf einer Datenautobahn darüber huschen. Dieser Automatismus lässt sich aber unterbrechen, in dem man kurz innehält und überlegt: Muss ich das wirklich so sehen? Welche Emotion wird mir das bringen? Und möchte ich das eigentlich?

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Wenn Sie sich beispielsweise über einen Kollegen ärgern, denken Sie vielleicht wenn der reinkommt bereits „oh nein, schon wieder dieses Gesicht…“. Das löst ein negatives Gefühl aus, das in keinem Fall konstruktiv oder lösungsorientiert ist. Stattdessen wird wahrscheinlich das Verhältnis zu dem Kollegen sukzessive schlechter. Jeder von uns hat aber hat die Chance, an dieser Stelle frei über seine Gedanken zu entscheiden nach der Devise: „Ich suche mir lieber eine andere Sicht der Dinge aus, die mir ein positives Gefühl oder zumindest ein neutrales verschafft und mich handlungsfähig und konstruktiv erhält.“ Man könnte den Kollegen auch einfach mit einem freundlichen Lächeln grüßen. Wenn Sie jemanden breit anlächeln, muss der sich richtig anstrengen, nicht zurückzulächeln. Denn Menschen haben Spiegelneuronen. Ich empfehle auch grundsätzlich, nicht über Kollegen zu reden, die nicht zugegen sind. Egal wie gut Sie es meinen – in Bezug auf Glück oder die Zusammenarbeit bringt das rein gar nichts.

Es ist bekannt, dass Wertschätzung durch Vorgesetzte enorm motiviert. Warum geschieht das im Berufsalltag dann doch eher selten?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Viele Führungskräfte wissen, was wichtig ist, zumindest in der Theorie. Offensichtlich existieren in der Praxis aber Hürden. Bei historisch gewachsenen Unternehmen geben es die starren Strukturen oft nicht her, etwas zu ändern. Unsere Forschung hat zudem aufgezeigt: Je größer das Unternehmen, desto weniger glücklich sind die Mitarbeitenden. Außerdem werden Führungskräfte aufgrund fachlicher Kompetenzen ausgewählt, nicht aber nach ihrer Eignung, zu führen. Plötzlich müssen sie aber in einem fort etwas entscheiden, das auch kommunizieren und sind für Mitarbeiter verantwortlich. Doch die Fähigkeiten, die sie dafür benötigen, werden im Medizinstudium oder der Pflegeausbildung nicht gelehrt.

Warum sollte sich die Personalabteilung im Krankenhaus mit dem Thema Glück beschäftigen?

Dr. Ricarda Rehwaldt: Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Zum einen trägt die Kultur, die in einer Klinik herrscht, auch zum Finden und Binden der begehrten Fachkräfte bei. Ist sie positiv, spricht sich das herum, von Mund zu Mund oder in den Bewertungsportalen. Das kann wie ein Magnet auf Fachpersonal wirken. Zum anderen verbessert sich die Konfliktfähigkeit untereinander. Glücklichere Menschen gehen viel unbeschwerter auf ihre Kollegen zu und sagen: „He, was ist denn hier los, wollen wir nicht mal sprechen?“ Bei einem kalten Konflikt kommt es dagegen zu einem Vermeidungsverhalten, das die Auseinandersetzung oft weiter schürt. Besonders wichtig für Kliniken ist das Thema Glück aber, weil es gleichfalls die Patienten betrifft. Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen mit positiven Emotionen schneller genesen. Das ist für die Erfolgsquote einer Klinik also gleich doppelt relevant. Und obwohl der Stress im Klinikalltag oft hoch ist, sind genau deswegen gute Beziehungen unter Kollegen so bedeutsam. Das funktioniert wie ein Beziehungskonto: Wenn Sie darauf einzahlen, können Sie auch etwas abheben. Dann werden Mitarbeiter wie Patienten Ihnen auch mal etwas Barschheit in der Hektik verzeihen.

Die Expertin:

Dr. Ricarda Rehwaldt forscht zum Thema Glück und Arbeit und ist Geschäftsführerin der FELICICON GmbH und Autorin der Bücher „Die glückliche Organisation“ und „Positive Psychologie für Unternehmen", erschienen im Springer Gabler Verlag.

Weitere Informationen: www.happinessandwork.de