Endlich Ärztin: Gedanken vor dem ersten Arbeitstag

Für Operation Karriere-Bloggerin Eileithyia steht ein neuer Lebensabschnitt unmittelbar bevor: der Berufseinstieg. Am Tag vor ihrem ersten Arbeitstag macht sie sich Gedanken: Hat sie für ihre Weiterbildung auch die richtige Fachrichtung gewählt? Und wie wird sie mit der neuen Verantwortung umgehen?

In der griechischen Mythologie ist Eileithyia die Göttin der Geburt und Beschützerin gebärender Frauen. Unsere Autorin wollte eigentlich immer Gynäkologin werden. Da es in ihrem Blog um sehr persönliche Themen geht, schreibt sie unter einem Pseudonym. | privat / DÄV

Plötzlich ist der Moment da.

Mir war klar, dass der erste Arbeitstag schneller kommen würde als gedacht und vor allem schneller als einem dann lieb ist. Aber daran denkt man nicht, wenn man zum Vorstellungsgespräch geht, zur Hospitation und schließlich einen Vertrag unterschreibt. Solange man sich noch nicht überlegen muss, um welche Uhrzeit man den Wecker stellt, ist alles noch viel zu surreal.

Nachdem ich jahrelang überlegt habe, in der Gynäkologie zu beginnen, trete ich jetzt meine erste Stelle in der Hämatologie und Onkologie an. Im Bewerbungsgespräch wurde ich gefragt, ob ich damit umgehen kann, wenn junge Menschen sterben und wie ich mit Stress umgehe. Nach zwei Jahren habe ich durchaus Strategien entwickelt und kann mich in einem gewissen Maße auf mich verlassen. Wenn aber plötzlich der erste Arbeitstag ansteht, sieht die Welt plötzlich ganz anders aus. Wie reagiere ich wirklich darauf, wenn ich mich monatelang mit einem – vielleicht gleichaltrigen – Patienten beschäftige und ihm von einem Tag auf den anderen plötzlich sagen muss, dass er bald sterben wird.

Während meines FSJs im Krankenhaus, während meiner Famulaturen und schließlich auch im PJ hatte ich Kontakt zu sterbenden Patienten. Nun aber stellt sich mir die Frage: Wie viel verändert die Verantwortung, die man auf einmal trägt? Und: bin ich vielleicht über die Jahre sensibler geworden, weil ich verstehe, was die eine oder andere Diagnose für einen Menschen tatsächlich bedeutet – weil ich es in der eigenen Familie erlebt habe? Bin ich durch die Gedanken, die ich mir mache vielleicht zugänglicher für die Patienten, aber gefährde damit meine eigene Psyche? Ganz bewusst habe ich mir meine letzten Stunden in der Therapie für die Zeit nach dem Arbeitsbeginn aufgehoben – als eine Art Rettungsanker, falls alle Stricke reißen.

Und doch: so viele Gedanken ich mir auch mache – ich versuche mir zu sagen, dass ich mich die letzten Wochen immer auf den Job gefreut habe. Natürlich nicht ohne einen großen Respekt im Hinterkopf. Ich versuche mir zu sagen, dass ich nicht von Anfang an die gesamte Verantwortung alleine trage. Ich bin nicht die erste Berufsanfängerin, die eingearbeitet wird und die vielleicht am Anfang mehr fragen muss als ihr selbst lieb ist. Wenn ich in den vergangenen Jahren etwas gelernt habe, dann, dass ein offener Umgang mit meinen Gefühlen eine große Wirkung auf mich hat.

Morgen um diese Zeit habe ich vielleicht schon ein Telefon und die erste Berufskleidung. Und am Ende der Woche weiß ich vielleicht schon, ob das Fachgebiet das richtige für mich ist. Und wenn nicht: dann kann man im Leben immer nachjustieren.

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