Digitalisierung in der Dermatologie – nicht "ob", sondern "wie"

Nie zuvor wurde die digitale Transformation des Gesundheitswesens von allen Berufsgruppen derart vorangetrieben wie in den letzten Monaten. Wo es möglich war, wurden persönliche Arzt-Patienten-Kontakten vermieden und auf digitale Alternativen gesetzt.

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Ängste wurden geradezu weggespült und neue Techniken, aber auch ein neuer Umgang mit den Patienten  ausgetestet. Ein Handlungsmuster, was die jungen Ärztinnen und Ärzte als "digital natives" beherrschen. Dennoch benötigt es auch eine Weiterentwicklung der Aus- und Weiterbildung von Ärzten, um den wachsenden Ansprüchen der Patienten und neuen Techniken wie Big Data, Augmented Reality (AR) und künstlicher Intelligenz (KI) gerecht zu werden.

Die Versorgung dermatologischer Patienten ist bereits heutzutage von vielen digitalen Features geprägt: Die Bilddokumentation durch Digitalkameras wird zunehmend durch Smartphones ersetzt, da diese eine einfachere und schnellere Handhabung ermöglichen. Innovative Dokumentationssysteme integrieren bereits heute KI und das Wissen aus großen Datensätzen in die Auswertung der dermatoskopischen und klinischen Bildbefunde.

Telemedizin

Die Telemedizin hat in den vergangenen Jahren mit mehreren Anbietern in der Dermatologie Einzug gehalten. Unterschiedliche Lösungen werden angeboten, mit Videokonsultationen als synchrones Verfahren oder mittels asynchroner "Store-and-Forward"-Technologie. Bei Letzterem werden die Bilder des Patienten räumlich wie zeitlich getrennt beurteilt.

Eine lokale Verknüpfung mit der Hautarztpraxis, wo im Anschluss an die teledermatologische Beurteilung ein konkreter physischer Vorstellungstermin vereinbart werden kann, bietet etwa Online-Doctor. Weitere Lösungen wie derma2go oder dermanostic setzen jeweils auf ein Expertenteam, die Auswahl des Arztes durch den Patienten ist jedoch nicht möglich.

In einer Umfrage des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen (BVDD) unter 3.500 Mitgliedern beantworteten 38,8 Prozent die Frage nach einem Angebot der Videosprechstunde positiv und somit ca. 4 mal mehr als vor der Pandemie. Dennoch besteht auch hier noch weiterhin Ausbaubedarf, denn vor der Pandemie pflichtete die Telemedizin in den meisten Fächern lediglich ein Schattendasein.

Digitale Gesundheitsanwendungen

Kurz bevor steht die Zulassung von #AppsaufRezept, den sogenannten Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die Fortschritte unter anderem in der Betreuung von Patienten mit chronischen Dermatosen bringen werden. Vereinzelt sind diese auch bereits im App- und Google Play Store erhältlich.

In der Umfrage der BARMER, welche sich an 1.000 Haus- und Fachärzte richtete, zeigte sich eine überwiegende Zustimmung der befragten Ärzteschaft hinsichtlich DIGAs. Es wünschen sich 74 Prozent der befragten Ärzte einen Überblick über das App Angebot und 61 Prozent Informationen über den Nutzen von Apps für die Patienten. Die Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen werden als wünschenswerte Informationsquellen angesehen.

Weitere Anwendungsmöglichkeiten

Die Vernetzung des Gesundheitswesens, gerade auch die Kommunikation über die Sektoren hinweg, muss verbessert werden. Wieso ist bis heute kein einheitlicher Messenger-Dienst für Mitarbeiter im Gesundheitswesen zur Kommunikation auch mit Patientendaten etabliert? Warum werden bürokratische Prozesse nicht digitalisiert und automatisiert? Warum sind Fax und Brief weiterhin unsere Haupt-Kommunikationsinstrumente? Wieso wird KI nicht verstärkt für die Patientenedukation genutzt?

Im Zusammenhang mit der Coronapandemie hat die Digitalisierung der Medizin in Deutschland einen „erheblichen Schub“ erfahren. Diese Zwischenbilanz der vergange­nen Monate zog Klaus Reinhardt, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK).

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Dies sind nur einige der Fragen, die digital affinen, jungen Ärztinnen und Ärzten häufig durch den Kopf gehen. Den entsprechenden Gremien im Gesundheitswesen fehlt diese digitale Affinität aber oft. Der Bezug zu praktischen Anwendern ist unerlässlich. Hier ist der generationsübergreifende Informationsaustausch wichtig und muss dringend durch Einbindung von jungen Ärztinnen und Ärzten etabliert werden.

Es braucht also zeitnah digital affine Ärztinnen und Ärzte in den Gremien, aber genauso in der alltäglichen Versorgung, die den Anfragen der Patienten gerecht werden können!

Studium

Der Wissensgrundstein späteren Arbeitens wird in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten, also im Studium, gelegt. Wir benötigen im Studium in Deutschland eine schnelle, umfängliche und praxisnahe Einführung digitaler Kenntnisse. Hierzu zählen die technologischen Basics wie Sprache und Aufbau der Informationstechnologie (IT), Begriffskenntnisse, aber auch anwendungsbezogenes Wissen, welches vor allem bei DIGAs und der Anwendung der elektronischen Patientenakte (ePA) zum Einsatz kommen wird. Erste Fortschritte wurden in der Einführung mit Wahlfächern gemacht.

Es ist nun erforderlich, diesen Prozess zu beschleunigen und zusätzlich ärztliches Lehrpersonal aus der Praxis einzubinden.

Weiterbildung

Digitale Kompetenzen sind bisweilen in der Weiterbildungsordnung (MWBO) für Ärzte in Weiterbildung noch nicht abgebildet. Auch in der neuen MWBO, welche aktuell umgesetzt wird, sind digitale Kenntnisse auch nicht vorgesehen. Es obliegt also aktuell noch jedem Weiterbildenden und auch jedem Weiterzubildenden, sich mit Grundkenntnissen der IT und Datenanalyse, aber auch der Anwendung neuer Techniken, vertraut zu machen. Erste Impulse werden aktuell auch durch die Bundesärztekammer (BÄK) mit dem (Muster-)Kursbuch zur Zusatzweiterbildung Medizinische Informatik gesetzt. Inwieweit diese und andere Zusatzqualifikationen angenommen werden, bleibt abzuwarten. Für die Zukunft wünschen sich junge Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung eine grundlegende Kenntnis über digitale Technologien und eine optimale technische Ausstattung am jeweiligen Arbeitsplatz. Dies würde einen weiteren Grundstein für die Transformation und Zukunftssicherheit des deutschen Gesundheitswesens bieten.

Arzt für digitale Medizin

Auch wenn die Implementation digitaler Bildung in Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird, braucht es bereits jetzt Lösungen für den "digitalen" Patienten, der innovative Tools bereits heute nutzt. Gerade durch DIGAs und deren Verordnungsmöglichkeit durch die Krankenkassen bei passenden Diagnosen, werden Patienten den Digitalisierungsschub im Gesundheitswesen erleben können. Bei Rückfragen sollten diese Patienten geeignete Ärzte finden können, die sich neuen Technologien nicht verschließen. Daher hat das Bündnis Junge Ärzte, ein Zusammenschluss von 24 jungen Berufsverbänden und Fachgesellschaften, bereits am 15. Juni 2020 als Übergangslösung einen "Arzt für digitale Medizin" gefordert.

Dass es keinen alleinigen Facharzt für Telemedizin oder digitale Medizin geben kann, hat die Bundesärztekammer (BÄK) bereits 2014 klargestellt. Vielmehr kann die Forderung als Aufruf zur Implementation eines Qualitätssiegels oder Registers verstanden werden. Digital affinen Patienten muss eine Orientierung gegeben werden, um Enttäuschungen und Unverständnis auf Seiten von Patienten, aber auch von Ärzten, zu vermeiden.

Auf Seiten der Ärzteschaft benötigt es zeitnah qualitative Fortbildungsangebote über die verschiedenen, neuen, digitalen Tools, die in einer gesonderten Qualifikation, dem Arzt für digitale Medizin, münden könnten.

Fazit

An der digitalen Transformation des Gesundheitswesens führt also kein Weg vorbei. Die Corona-Pandemie kann als digitaler Evolutionsbeschleuniger wahrgenommen werden. Für die Zukunft müssen aber auch die Grundlagen in Aus- und Weiterbildung geschaffen werden. Ärztinnen und Ärzte stehen der digitalen Transformation offenen gegenüber und müssen proaktiv in die Ausgestaltung der Prozesse eingreifen und eingebunden werden. Nur dann können digitale Innovationen ein Erfolg zum Wohle des Patienten werden.

Der Autor:

Max Tischler ist Sprecher des Bündnisses Junge Ärzte, Junge Dermatologen (JuDerm) im Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) und Stellvertretender Vorsitzender Arbeitskreis Junge Ärzte der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

Quelle: Kompass Dermatologie 2020;8:174–18, Original-Beitrag zum Download (pdf)