„Die Berufsaussichten für künftige Orthopäden sind sehr gut“

Als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sind die Berufsfelder vielfältig. In der Klinik, in der Rehabilitation und auch in der Niederlassung. Mittlerweile haben sich auch in der Chirurgie viele Arbeitsmodelle durchgesetzt, die die Work-Life-Balance des Arztes berücksichtigen.

Dr. med. Mona Abbara-Czardybon

Dr. med. Mona Abbara-Czardybon ist Expertin auf dem Gebiet der Orthopädie und Unfallchirurgie. | Klemt / Ulrich Schepp Fotografie

Darüber spricht im Interview Dr. med. Mona Abbara-Czardybon, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie im Gelenkzentrum Bergisch Land, Remscheid, und leitende Ärztin am Zentrum für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie im St. Josef Krankenhaus in Haan.

Mit dem Fachgebiet Chirurgie geht eine gewisse Faszination einher. Was spricht dafür, sich als Arzt in Weiterbildung auf die Orthopädie und Unfallchirurgie zu spezialisieren?
Für die Wahl des Faches Orthopädie und Unfallchirurgie spricht aus meiner Sicht die besondere Ausgewogenheit an praktischer Tätigkeit mit direktem Handeln am Patienten und theoretischer, wissenschaftlicher Beschäftigung. Das Patientenkollektiv in der Orthopädie und Unfallchirurgie erstreckt sich über alle Altersklassen. Es reicht vom Säugling mit Klumpfüßen oder Hüftdysplasie über unfallbedingte Verletzungen jeder Altersklasse bis zum Greis mit verschleißbedingten Beschwerden, sodass das Spektrum auch für den Behandelnden maximal groß ist.
Die Mobilität eines jeden Einzelnen und seine damit verbundene Selbstbestimmtheit ist in der heutigen Zeit ein hohes Gut. Auch der aktuelle Körperkult mit teilweise sogar extremer sportlicher Belastung bedient das Fach Orthopädie und Unfallchirurgie und erfordert immer modernere Behandlungsstrategien und ständige Aufmerksamkeit für neue Möglichkeiten auch von Seiten des Arztes. Eine aktuelle, plötzlich einsetzende Verletzung, wie sie bei einem Unfall auftritt, beeinträchtigt den Betroffenen sofort und führt oft dazu, dass demjenigen erst dann bewusst wird, was „ihm fehlt“ und wie „schön“ ein gut funktionierender Bewegungsapparat für das gesamte Wohlbefinden ist. Meist erholen sich die Patienten unter der entsprechenden Therapie im Vergleich zu anderen Erkrankungen sehr schnell, sodass die Erfolge für alle „gut sichtbar“ sind, was sich sowohl auf den Patienten als auch den Arzt positiv auswirkt.

Welche Therapieverfahren setzen Sie ein?
Die Therapieverfahren, die bei den verschiedenen Krankheitsbildern zur Anwendung kommen, sind mannigfaltig. Konservative Therapien wie Gipsen, Anlegen von Spezial-Schienen oder Verbänden, Tapen, Spritzen und Stoßwelle sind nur einige Beispiele. Weiterbildungsmöglichkeiten, wie physikalische Therapie mit Elektrotherapie oder Manuelle Therapie ergänzen das Spektrum. Operativ bietet die OR und UCH ebenfalls sehr viele Betätigungsfelder und Möglichkeiten. Neben den konventionellen „offenen“ Operationsweisen finden sich Fachbereiche, die fast überwiegend arthroskopische oder minimalinvasive Methoden anwenden. Von Nutzen ist dabei ein handwerkliches Geschick und eine Technik-Affinität. Ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen hilft, wenn zum Beispiel während der Operation ein ein- oder sogar mehrdimensionales bildgebendes Verfahren (Röntgen, CT) angewandt wird, um sich besser orientieren zu können.

In welchen Berufsfeldern konkret können Ärzte mit der Weiterbildung Orthopädie und Unfallchirurgie tätig werden?
Berufsfelder findet man sowohl in der Klinik oder Rehabilitation als auch in der Niederlassung mit vielen Beschäftigungsmodellen als Einzelperson oder im Team. Die Gestaltung der Arbeitszeit mit ihren Besonderheiten in der Chirurgie spielt zwar immer noch eine wesentliche Rolle, aber auch hier haben sich mittlerweile viele Arbeitsmodelle entwickelt und durchgesetzt, die auch die Lebensqualität des Arztes berücksichtigen und miteinbeziehen.
In der orthopädischen Rehabilitationsklinik behandelt man Patienten, deren organischer Schaden bereits versorgt wurde. Die Patienten kommen mit Funktionsstörungen und daraus resultierenden Behinderungen und nicht selten psychosozialen Problemen. Dabei müssen berufliche Belastungen und das soziale Umfeld sowie die Wohnsituation berücksichtigt werden und in das Therapieziel mit einfließen. Diese ganzheitliche Betrachtung und Behandlung gehört auch zu den Aufgabengebieten des Orthopäden und Unfallchirurgen.
Auf Grund des demographischen Wandels sind die Berufsaussichten für künftige Orthopäden sehr gut. Es wird immer mehr ältere Menschen geben, die an verschleißbedingten Erkrankungen leiden. Darüber hinaus fallen für geschädigte Haltungs- und Bewegungsorgane jährlich sehr hohe Folgekosten an. Hier haben Orthopäden die wichtige Aufgabe, frühzeitig präventiv zu arbeiten, um die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.

Mit dem Schlagwort Fuß-/Sprunggelenk wird gern die typische Sportverletzung assoziiert, z. B. beim Fußball. Was sind weitere typische Krankheitsbilder, die bei Ihnen im Fokus stehen?
Wenn man sich vorstellt, dass der knöcherne Anteil jedes Gelenkes an seinen Belastungszonen von Knorpel bedeckt ist und von Muskeln, Sehnen und Bändern stabilisiert wird, wird schnell klar, dass Verletzungen an auch nur einer dieser Strukturen die Gelenkfunktion und die sensible Statik von Fuß und Sprunggelenk erheblich beeinträchtigen.
So können Unfälle neben Sehnen- und Bandverletzungen mit und ohne Knochenbrüche auch Knorpelschäden verursachen, die im weiteren Verlauf zur Arthrose im entsprechenden Gelenk führen. Langfristige Folgen mit Gelenkerguss, Schwellung, Instabilität oder Deformität führen zu einer Einschränkung der körperlichen Belastung. Der natürliche Gangablauf wird beeinträchtigt, was wiederum zu einer schmerzhaften Überlastung anderer Strukturen führen kann. Aber auch angeborene oder erworbene Fehlstellungen können durch ihre veränderten Gelenkbelastungen eine Ursache für die Entstehung von Verschleißerscheinungen wie Arthrose mit Sehnenverletzungen, -entzündungen oder -degenerationen sein (Knickplattfüße mit Tibialis posterior-Insuffizienz).

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie den Therapieansatz?
Je nach Ausprägungsgrad des Verschleißes, Beschwerden und Alter des Patienten wird der Therapieansatz festgelegt. Es gibt gelenkerhaltende, gelenkersetzende (Prothese) und gelenkversteifende Verfahren. Gelenkentzündungen wie zum Beispiel bei Rheuma und Stoffwechselerkrankungen führen ebenso zum Verschleiß des Gelenkes (Gicht, Diabetes). Seltenere Krankheitsbilder sind Tumore oder Nekrosen des Fußes oder Sprunggelenkes.
Rein topographisch kann man Vorfuß, Mittelfuß und Rückfußerkrankungen, zu denen auch das obere Sprunggelenk gehört, unterscheiden. Beispiele für typische Krankheitsbilder im Vorfußbereich sind: Vorfußballen = Hallux valgus, Hallux rigidus, Hammerzehen und Krallenzehen, im Mittelfußbereich: Metatarsalgien, Arthrosen, Luxationen und im Rückfußbereich: Sehnenpathologien, Osteonekrosen, Fersensporn, Haglundexostose, Plantarfasziitis und Coalitionen, um nur einige zu nennen.