Bündnis Junge Ärzte: „Die Chefärzte sind auf unserer Seite“

Max Tischler macht seine Facharztausbildung in der Dermatologie und ist Sprecher des Bündnis Junge Ärzte. Im Interview verrät er, warum er keinen Chefarzt-Posten anstrebt und was er von Klinikschließungen hält.

Max Tischler ist Sprecher des Bündnis Junge Ärzte. Derzeit macht er seine Facharztweiterbildung im Bereich Dermatologie. | privat

Du arbeitest derzeit in einer Dortmunder Gemeinschaftspraxis. Wie läuft der Praxisbetrieb in Coronazeiten? 
 
Max Tischler: Der Praxisbetrieb läuft mittlerweile unter den gebotenen Abstandsregelungen und veränderten Sprechstundenzeiten weitgehend normal. Man merkt bei den Privatpatienten eine deutliche Zurückhaltung; bei den gesetzlich versicherten Patienten ist sie nicht mehr zu spüren. Sie kommen auch zur Vorsorge wieder in die Praxis. 
 
Du hast davor in einer Klinik praktiziert und gelernt. Willst Du später Chefarzt oder Praxisbetreiber werden? 
 
Max Tischler: Mein Weg führt mich in die Praxis, eine Chefarztposition strebe ich nicht an. 
 
Wieso nicht? In den meisten Landkreisen kann man als Facharzt keine neue Praxis aufmachen, sondern nur eine bereits bestehende Praxis übernehmen, weil die Versorgungsquote erfüllt ist. In den Kliniken ist die Personalknappheit groß. Die Voraussetzungen für eine Chefarzt-Karriere sind günstig. 
 
Max Tischler: Zunächst vorneweg: Man muss auch bei den niedergelassenen Fachärzten sagen, dass viele ihre Praxis in der Rente betreiben oder gerade auf das Rentenalter zusteuern. Auch hier wird es zu Veränderungen kommen und wir müssen schauen, ob manche Kreise insbesondere in ländlichen Gebieten in die Unterversorgung rutschen. Das ist zum Beispiel im Märkischen Kreis so. Warum ich nicht Chefarzt werden will? Ich habe gesehen, dass in den Krankenhäusern die Flexibilität fehlt, dass es nicht so einfach ist, in Teilzeit zu arbeiten. Chefärzte sind einem großen Druck ausgesetzt, weil sie nicht nur die medizinische Verantwortung tragen, sondern auch von der Krankenhausverwaltung Zielvorgaben erhalten, die nicht immer erreichbar sind. Außerdem ist der Bürokratieaufwand hoch. Selbst wenn ein Chefarzt in der Klinik eine Entscheidung schnell getroffen hat, dann dauert es sehr lange, bis sie durch alle Abteilungen durch ist. Ich warte zum Beispiel seit fast einem Jahr auf mein Arbeitszeugnis, das von der Personalabteilung ausgestellt werden muss. 
 
Chefärzte bekommen zwar Zielvorgaben von der Verwaltung, aber auch Praxisinhaber müssen ökonomisch denken. Sind Chefärzte denn betriebswirtschaftlich getriebener als Praxisinhaber? 
 
Max Tischler: Der Praxisinhaber ist intrinsisch betriebswirtschaftlich getrieben, weil die entstehenden Kosten über den Patientenstrom abgedeckt werden müssen. Aber das macht er ja für sich. In den Kliniken werden die ökonomischen Entscheidungen von Betriebswirten getroffen und an die Chefärzte delegiert. Wir merken das als Assistenzärzte immer wieder: Die Chefärzte sind auf unserer Seite. Chef- und Oberärzte würden sich gerne mehr Zeit für die Weiterbildung junger Kollegen nehmen, aber sie treffen eben einmal im Jahr den betrieblichen Leiter, der sagt, dass die Zahlen hochgeschraubt werden müssen oder ein Ziel zu erreichen ist. 
 
Und das würde bedeuten, dass noch weniger Zeit für die Ausbildung junger Ärzte bleibt. In den Weiterbildungsordnungen ist geregelt, wie viele Fallzahlen man bei verschiedenen Prozeduren erreichen muss. Gerade von Chirurgen hört man oft, dass die Fallzahlen nicht eingehalten werden können.  
 
Max Tischler: Das hört man hinter vorgehaltener Hand, richtig! Die Zahlen werden oft nur unterschrieben und damit geschönt. Es ist nichts, was man nachweisen muss. Bei zunehmender Zeitknappheit werden die Operationen eher von den Oberärzten und Chefärzten durchgeführt, weil die dabei durch ihre Erfahrung viel schneller sind. Spätestens als Facharzt muss man dann operieren können, ob man Erfahrung hat oder nicht. Das kann unter Umständen zu einer Patientengefährdung führen. Der ökonomische Druck wird so von der Geschäftsführung eines Krankenhauses bis an die Ärzte in Weiterbildung durchgegeben. 
 
Immerhin ist die Chirurgie für viele junge Mediziner attraktiv. In Orchideenfächern, wie der Hygiene und Umweltmedizin, der Psychosomatischen Medizin oder der Laboratoriumsmedizin ist der Mangel an Bewerbern dagegen groß. Wie können die betroffenen Fachgesellschaften tun, um das eigene Fachgebiet attraktiver zu machen? 
 
Max Tischler: Es steigt und fällt mit einer guten Weiterbildung. Eine gute Weiterbildung führt zu einem guten Ruf nach außen. Als Fachgesellschaft muss ich das Fach bekannt machen. Die Hygiene und Umweltmedizin habe ich beispielsweise kurz im Studium, zu Beginn des klinischen Abschnitts, kennengelernt, und seitdem keinen Kontakt mehr zu dieser Fachrichtung gehabt. Sie ist also weit weg vom ärztlichen Alltag.

Die drei genannten Fachrichtungen haben eine flexible Struktur und können gut in Teilzeit abgeleistet werden. Das wäre vielleicht auch ein Argument für manche Orchideenfächer.  
 

Max Tischler: Das könnte in der Tat für manche dieser kleinen Fächer ein Hebel sein, um sich aufzustellen. Allerdings müssen flexible Modelle von der Klinik dann auch ermöglicht werden. Flexibilität kann auch bedeuten, zunächst eine gemischte Weiterbildung aus zwei Fächern zu beginnen und sich erst im Verlauf zu entscheiden. 

Junge Ärzte

In der letzten Woche fand der 121. Deutsche Ärztetag in Erfurt statt. Bereits im Vorfeld diskutierten Ärztinnen und Ärzte über ihre beruflichen Erfahrungen und Erwartungen und benannten zielsicher Probleme. Dabei prallten die unterschiedlichen Ansichten der Generationen aufeinander.

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Auch Klinikschließungen werden diskutiert, um die Personalnotlage in Krankenhäusern zu entschärfen. Sind sie eine Option? 
 
Max Tischler: Es wurden in der Vergangenheit ja schon diverse, vor allem ländliche Kliniken geschlossen. Bis zu einem gewissen Grad war das sicherlich sinnvoll. Jetzt müssen wir schauen, wie wir es weiterentwickeln wollen – als Ärzte. Jeder kennt die Bertelsmann-Studie. Das ist die eine Seite der Medaille, die andere Seite ist der Ist-Zustand und dazwischen liegt für mich die Wahrheit. Es gibt viele Städte, in denen große Häuser verschiedener Träger existieren und versuchen, sich in den Fallzahlen zu überbieten. Wir müssen einen sinnvollen Strukturwandel hinbekommen. Wir sollten fragen: Muss in jedem Haus jede Operation angeboten werden oder kann durch intelligente Verbundstrukturen über die Träger hinweg nicht ein größerer Mehrwert geschaffen werden? Sehen wir das nicht auch gerade jetzt in den Herausforderungen um die Corona-Pandemie? Und bevor ein Haus geschlossen wird, sollten wir uns fragen: Was passiert mit dem Personal? Wo kann der Chefarzt der Abteilung hinkommen? Er wird sicherlich nicht sagen: „Ich mach‘ als Arzt in der Notaufnahme weiter!“ Wir benötigen eine sozialverträgliche und vor allem sinnvolle Personalzusammenführung. Ein Konzept muss proaktiv von der Ärzteschaft aufgestellt werden. 
 
Tatsächlich müssten vor allem Chefärzte und nicht Chefärztinnen an andere Häuser wechseln. Warum gibt es so wenige Chefinnen und so viele Chefs im Krankenhaus? 
 
Max Tischler: Ich bin in der Dermatologie und hatte nur Chefärztinnen, aber dass der Chefarzt-Anteil in vielen Fächern überwiegt, ist mir bewusst. Ich glaube, es ist eine Generationsfrage. Es tritt eine Feminisierung der Medizin ein, aber Ärztinnen sind oftmals noch nicht in einem Alter, in der ein Chefarztposten besetzt wird. Oftmals sind es eben die Frauen, die sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen, zumindest bei den jetzigen Chefärztinnen. Das sollte sich ändern. 
 
In der Ärztestatistik der Bundesärztekammer kann man ablesen, wie viele Mediziner nicht ihren Arztberuf ausüben. Beim Grund "Elternzeit" für die Berufspause bilden Frauen die klare Mehrheit. 97,5 Prozent der Elternzeitnehmer sind Frauen (6.860 Ärztinnen), 2,5 Prozent sind Männer (178 Ärzte). Ärztinnen scheinen sich für das Kind und Ärzte für die Karriere zu entscheiden.  
 

Max Tischler: Ich kann mich an das Dialogforum vor zwei Jahren in Erfurt erinnern. Da wurde die Frage in den Raum geworfen: Wie reagieren Vorgesetzte, wenn ein Arzt sagt: "Ich möchte in Elternzeit gehen." Prof. Izbicki von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf sagte, dass ein guter Chirurg kein guter Vater sein kann. Ich bin anderer Meinung. Es gibt für jedes Problem eine Lösung, man muss sich nur intensiv genug auf die Suche begeben!