Anästhesie und Intensivmedizin – am Puls der Zeit

Ein gängiges Vorurteil über den Fachbereich der Anästhesie lautet: „Der Patient schläft – der Anästhesist auch“. Dass die Realität ganz anders aussieht, sagt Prof. Dr. Ralf Michael Muellenbach, MHBA, im Interview.

Prof. Dr. Ralf Michael Muellenbach sprach über die Facharztausbildung zum Anästhesisten

„Es gibt auch immer Kaffee“ - so beschrieb Prof. Dr. Ralf Michael Muellenbach mit einem Augenzwinkern einen weiteren Vorteil des Fachbereichs Anästhesie und Intensivmedizin. | Stefanie Hanke

Im Interview sprach der Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Kassel darüber, wie die Facharztweiterbildung in diesem Bereich genau abläuft und warum das Fach so beliebt ist.

Welche Fähigkeiten muss ein Assistenzarzt mitbringen, um später ein guter Facharzt im Bereich der Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin zu sein?

Wichtig ist zunächst Spaß an dem Fachgebiet – aber auch an Pathophysiologie, denn es geht viel um die Funktionen des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge, der Niere und anderer Organe. Außerdem sollte man Interesse am Thema Pharmakologie mitbringen. Man muss Spaß an interdisziplinärer Arbeit haben – denn man arbeitet viel mit verschiedenen Fachgebieten zusammen, z.B. mit Chirurgen oder Gynäkologen. Und man muss gern mit Menschen zu tun haben – denn zu diesem Beruf gehört natürlich auch die Fürsorge für den Patienten. Wichtig ist auch ein gutes Kommunikationsvermögen: Im OP ist man oft der Vermittler – wenn es da mal heiß hergeht, muss man die Ruhe bewahren und vielleicht auch den Operateur beruhigen.

Worauf achten Sie besonders bei der Weiterbildung der Nachwuchs-Anästhesisten?

Die Nachwuchs-Kollegen kommen meistens frisch von der Uni – das heißt, sie werden langsam an das Fachgebiet herangeführt. Sie werden zuerst im OP bei kleineren Eingriffen eingearbeitet: Am Anfang lernen sie die verschiedenen Anästhesietechniken kennen und üben einzelne Techniken unter Supervision ganz häufig – wie zum Beispiel die Intubation. Man lernt auch die verschiedenen Narkoseverfahren kennen. Nach etwa 1-1,5 Jahren wird man zum ersten Mal auf der Intensivstation eingesetzt und betreut dann vielleicht zum ersten Mal mehrere Patienten. Wenn man das hinter sich hat, ist man eigentlich gut für den Notarzt-Dienst gewappnet. Danach macht man noch Schmerztherapie – und dann nach etwa fünf Jahren ist man Facharzt. Es ist ein relativ vielseitiges Fach mit einer gut strukturierten Ausbildung.

Bei der Frage nach den beliebtesten Facharzt-Disziplinen ist die Anästhesie weit vorne mit dabei. Warum ist das Fach so beliebt?

Entscheidend ist die Vielfältigkeit. Es sind eben vier Säulen: Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Dazu kommt noch die Palliativmedizin. Außerdem ist es ein familienfreundliches Fach: Anders als in anderen medizinischen Bereichen gibt es planbare, geregelte Arbeitszeiten. Auch Teilzeitarbeit lässt sich gut umsetzen. Man kommt auch nach der Elternzeit gut wieder ins Fach rein. Es ist Arbeit am Menschen, es macht Spaß, und es gibt eine gewisse Flexibilität.

Warum haben Sie persönlich sich für diesen Fachbereich entschieden?

Die Chirurgie wäre prinzipiell auch eine Alternative gewesen. Ich wollte universitär arbeiten und forschen, aber gleichzeitig wollte ich ein Fach, in dem ich auch schnell nah am Menschen arbeiten kann. Meine Liebe ist die Intensivmedizin, die Extremmedizin, die Notfallmedizin. Ich wollte den Patienten helfen, denen es ganz schlecht geht und deren Organsysteme nicht mehr funktionieren. Das ist meine Motivation. 

Operation Karriere Frankfurt, 03.02.2018. „Anästhesie und Intensivmedizin – am Puls der Zeit“, Prof. Dr. Ralf Michael Muellenbach, MHBA, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Kassel