Blog: Vom Arztdasein in Amerika – Halbtrottel in Weiß

Dr. Peter Niemann schreibt über seine Ausbildung zum Internisten sowie der Zeit danach, aber auch über die Skurrilität eines Arztlebens in den USA. Dieses Mal erzählt er, wie drastisch sich die Arbeit als Arzt in nur wenigen Jahrzehnten verändert hat.

Arzt in Amerika

"Aus Halbgöttern in Weiß ist der Halbtrottel in Jeanshose und zerknittertem Arztkittel geworden." | Pixabay

Es sind Sommerferien, und ich mache mit einigen meiner Kinder Urlaub im außer­europäischen Ausland. Wie so oft begegnen mir andere Deutsche, und wir kommen wiederholt ins Gespräch. Bei einem meiner Gesprächspartner handelt es sich um einen kurz vor der Berentung stehenden Arzt – er hat mehr als 35 Jahre lang in Deutschland gearbeitet und blickt nun auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück.

Doch obwohl uns weniger als 25 Jahre trennen, so wird schnell klar wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen und Medizinlandschaft geworden sind. Seine Ratschläge sind gut gemeint, zerschellen aber an der Realität eines fulminant veränderten Gesundheitssystemes.

Freizeit und Selbstbestimmung ist heute wichtiger

So ist aus einem männer- ein frauendominierter Beruf geworden mit entsprechenden Veränderungen. Es wird viel mehr auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie geachtet und ein Chefarztposten scheint weniger erstrebenswert als eine Stelle mit ausreichender Freizeit und Flexibilität. Selbst wenn ein Arzt überdurchschnittlich gut verdient, so wird ein Großteil von der stets steigenden Steuerlast und immer teureren Lebensbedingungen aufgezehrt. Auch die Selbständigkeit einer Arztpraxis ist wenig verlockend, gerade auch, weil es vielfältige Probleme, Kosten und Unsicherheiten mit sich bringt. Einige frühere Regionen haben ihre Attraktivität verloren und in immer weniger Zentren ballen sich immer mehr Menschen und auch Ärzte, mit entsprechenden Konsequenzen für den ländlichen Raum und auch einigen nord- und westdeutschen Städten.

Aus einer früheren Ärzteflut ist nun ein Mangel geworden und trotzdem steigen die Gehälter nur sehr begrenzt, was gerade auch mit der Öffnung für Ärzte aus dem EU-Ausland und in zunehmenden Maße für Nicht-EU-Ärzte zusammenhängt. Apropos ausländische Ärzte: Ihr Anteil steigt von Rekordwert zu Rekordwert und sie füllen die immer größer werdenden Vakanzen, wobei ihr Weggehen natürlich in ihren Ursprungsländern Versorgungslöcher reißt. Dolmetscher prägen den Alltag, wie auch der immer häufiger geäußerte Wunsch nach interkultureller Kompetenz, wobei meistens damit eher die Ärzte und nicht Patienten gemeint sind. Der Staat reglementiert noch mehr als früher und begrenzt seine Verschreibungs- und Abrechnungsmöglichkeiten.

Der Rat des ärztlichen Dinosauriers ist nicht hilfreich

Aus Halbgöttern in Weiß ist der Halbtrottel in Jeanshose und zerknittertem Arztkittel geworden, der abgehetzt von Patientenzimmer zu Patientenzimmer eilt. Der juristische Druck nimmt stetig zu, wie auch der von Seiten der Krankenkassen und Krankenhäuser, ganz zu schweigen vom schon erwähnten staatlichen Druck.

Und so weiter und so fort.

Mit anderen Worten: Dieser Arzt ist ein Dinosaurier und sein Rat ist nicht besonders hilfreich. Ich lausche lustlos und zum Teil sogar ennuyiert seinen Gedanken, ob nun zur ärztlichen Versorgung, meinem aus seiner Sicht einzuschlagenden Karrierepfad oder seiner Meinung zu politischen Themen. Wenn ich ehrlich bin, dann ist die Situation in Deutschland nicht ganz unähnlich zu der in den USA.

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