Überblick: Weiterbildung Herzchirurgie

Die Herzchirurgie – eine Männerdomäne? Stimmt, aber die Anzahl an Frauen nimmt zu. Hier steht, welche Fertigkeiten in der Weiterbildung erlernt werden, wie lange die Spezialisierung dauert und welche Untersuchungs- und Behandlungsverfahren Gegenstand der Weiterbildung sind.

Teil 3: Weiterbildung Herzchirurgie

Dr. Dilek Gürsoy: "Die Herzchirurgie ist Kunst." | Tomasz Zajda/Fotolia.com

Herzklappe, Bypass, Transplantation und Einsatz von künstlichen Organen und Schrittmachern sowie gezüchtetem Gewebe – das alles macht der Herzchirurg oder die Herzchirurgin. Ärzte und Ärztinnen dieser Fachrichtung sind ebenso aktiv in der Vorbeugung und Erkennung von Erkrankungen und Verletzungen von Herz und herznahen Organen sowie den dazugehörigen Gefäßstrukturen. In den kritischen Tagen nach einer schwierigen Operation auf höchstem Niveau begleiten sie die Patienten zusätzlich als Intensivmediziner.

Ein häufiger Eingriff, den Herzchirurgen in Deutschland vornehmen, ist die Bypass-Operation. Wenn Patienten an der Koronaren Herzerkrankung leiden, dann verengen sich die Herzkranzgefäße, die den Herzmuskel mit Blut versorgen. Mit dem Bypass wird eine Blutgefäßbrücke gelegt, die eine Verengung umgeht und die nachgeschalteten Gefäßabschnitte sicherstellt. Aber auch Herzklappenoperationen und Stunts-Operationen nehmen Herzchirurgen vor. Über die Gesamtzahl der herzchirurgischen Eingriffe informiert die Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. 

Einen besonders komplizierten Eingriff hat die Herzchirurgin Dr. Dilek Gürsoy vorgenommen, die am Helios Klinikum Siegburg arbeitet. Als erste Frau in Europa hat sie einem Patienten ein Kunstherz eingepflanzt. "Sich durchzusetzen, war vielleicht nicht immer leicht. Aber auf meine Art habe ich es immer geschafft", sagt sie. Tatsächlich gibt es, wie in allen chirurgischen Fächern, auch in der Herzchirurgie mehr Männer als Frauen. Derzeit sind es 896 Männer und 165 Frauen. Aber das Fach wird weiblicher. Inzwischen ist jeder vierter Absolvent dieser Facharztrichtung eine Frau. 

Auf der Homepage des Berufsverbandes der Deutschen Chirurge (BDC) erklären Ärzte, warum sie sich für ihr Fachgebiet entschieden haben. Hier geht es zur Herzchirurgie.

Fakten zur Weiterbildung

Die Dauer der Weiterbildung

Die Weiterbildungszeit in der Herzchirurgie beträgt 72 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte, davon

  • müssen 48 Monate in Herzchirurgie abgeleistet werden
  • müssen 6 Monate in der Notfallaufnahme abgeleistet werden
  • müssen 6 Monate in der Intensivmedizin abgeleistet werden
  • (können zum Kompetenzerwerb bis zu 12 Monate Weiterbildung in anderen Gebieten erfolgen)

Der Inhalt der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte im Gebiet Chirurgie

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Chirurgische Techniken und Instrumentengebrauch, insbesondere Inzision, Präparation, Retraktion, Naht- und Knotentechniken einschließlich Laseranwendung unter Berücksichtigung der verschiedenen Gewebestrukturen
  • Chirurgische perioperative Behandlung einschließlich Vorbereitung, Lagerungstechniken, Nachsorge und Komplikationsmanagement sowie Indikationsstellung zu weiterführenden Maßnahmen
  • Techniken der temporären Ruhigstellung und Fixationsverbände
  • Prophylaxe, Diagnostik und Therapie von Thrombosen
  • Wundheilung und Narbenbildung
  • Wundmanagement und stadiengerechte Wundtherapie sowie Verbandslehre einschließlich verschiedene Wundauflagen, Unterdruck- und Kompressionstherapie
  • Defektdeckung bei akuten und chronischen Wunden
  • Grundlagen der medikamentösen Tumortherapie
  • Basisbehandlung palliativmedizinisch zu versorgender Patienten
  • Scoresysteme und Risikoeinschätzung

Lokalanästhesie und Schmerztherapie

  • Lokal- und Regionalanästhesien
  • Abklärung peri- und postoperativer Schmerzzustände
  • Diagnostik und Therapie nach dokumentierten Schmerztherapieplänen
  • Behandlung von Patienten mit komplexen Schmerzzuständen
  • Injektionen und Punktionen

Notfall- und Intensivmedizin

  • Erkennung und Behandlung akuter Notfälle einschließlich lebensrettender Maßnahmen
  • Kardiopulmonale Reanimation
  • Pathophysiologie von schweren Verletzungen, des Polytraumas und deren Folgen
  • Indikationsstellung zur Notfall-Laparotomie und Thorakotomie
  • Überwachung, Monitoring, Dokumentation und Betreuung von intensivmedizinischen Patienten
  • Differenzierte Beatmungstechniken
  • Atemunterstützende Maßnahmen bei intubierten und nicht-intubierten Patienten
  • Beatmungsentwöhnung bei langzeitbeatmeten Patienten
  • Mitbehandlung bei septischen Krankheitsbildern
  • Pharmakologie der Herz-Kreislauf-Unterstützung
  • Infusions-, Transfusions- und Blutersatztherapie, enterale und parenterale Ernährung
  • Zentralvenöse Zugänge (Richtzahl: 20)
  • Arterielle Kanülierung und Punktionen
  • Thorax-Drainage
  • Legen eines transurethralen und/oder suprapubischen Katheters

Dr. Dilek Gürsoy (Bremen) hat als erste Frau in Europa einem Patienten ein Kunstherz eingepflanzt und auf dem Operation Karriere-Kongress in Hamburg davon berichtet. Im Audio-Interview erklärt sie, warum Coolness in der Herzchirurgie so wichtig ist.

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Spezifische Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Herzchirurgie

Kreislaufassistenzsysteme

  • Pathophysiologie der myokardialen Ischämie und der Myokardprotektion einschließlich der Techniken
  • Grundlagen von Herzassistenzsystemen, Links- und Rechtsherzunterstützungssystemen sowie Kunstherzsystemen
  • Indikationsstellung zur mechanischen Herz-Kreislaufunterstützung in der prä-, peri- und postoperativen Anwendung
  • Indikationsstellung zur Anwendung, technische Durchführung, postoperative Überwachung und Komplikationsmanagement von konventionellen und/oder perkutanen Herz- Kreislauf- und/oder Lungenunterstützungssystemen, z. B. extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO), extracorporal Life Support System (ECLS), intraaortale Ballonpumpengegenpulsation (IABP) - (Richtzahl: 20)
  • Pharmakotherapie der akuten Herz- und Lungeninsuffizienz
  • Aufbau und Funktion der extrakorporalen Zirkulation
  • Intra- und postoperative Überwachung der extrakorporalen Zirkulation (Richtzahl: 50)

Angeborene Erkrankungen des Herzens und der thorakalen Gefäße

  • Grundlagen der angeborenen Erkrankungen des Herzens und der thorakalen Gefäße, insbesondere Symptomatik, Diagnostik und differenzierte Indikationsstellung zur Therapie

Erworbene Erkrankungen des Herzens und der thorakalen Gefäße

  • Symptomatik, Diagnostik und differenzierte Therapie von erworbenen Erkrankungen des Herzens und der thorakalen Gefäße, insbesondere
  1. koronare Herzkrankheit
  2. Vitien der Aorten- und Pulmonalklappe
  3. Vitien der AV-Klappen
  4. Aneurysmen und Dissektionen der thorakalen und thorako-abdominellen Aorta
  5. brady- und tachykarde Rhythmusstörungen
  6. Herztumore und Erkrankungen des Perikards
  7. Verletzungen des Herzens und des Mediastinum
  8. Infektionen des Herzens und der Herzklappen
  9. Wundmanagement und stadiengerechte Wundtherapie, z. B. bei Sternuminstabilität, Mediastinitis
  • Indikationsstellung zur Implantation und Funktionsweise von implantierbaren kardialen elektronischen Geräten

Diagnostische Verfahren

  • 12-Kanalableitungs-Elektrokardiogramme
  • Indikationsstellung zu und Befundinterpretation von Langzeit-Elektrokardiogrammen
  • Indikationsstellung zu und Befundinterpretation von Ergometrien, Spiroergometrien und spirometrischen Untersuchungen der Lunge
  • Indikationsstellung zu und Befundinterpretation von Koronarangiographien und Herzkatheteruntersuchungen einschließlich interdisziplinärer Therapieentscheidung
  • Kontrollen von permanenten Herzschrittmachern und implantierbaren kardialen elektronischen Geräten
  • Sonographie der Thoraxorgane und der thorakalen Gefäße einschließlich Doppler- und Duplexuntersuchungen (Richtzahl: 200)
  • Mitwirkung bei intra- und/oder perioperativer transoesophagealer Echokardiographien einschließlich interdisziplinärer Befundinterpretation
  • Mitwirkung bei transthorakalen Echokardiographien einschließlich interdisziplinärer Befundinterpretation
  • Indikation, Durchführung und Befunderstellung der intraoperativen und intraprozeduralen radiologischen Befundkontrolle
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation weiterer bildgebender Verfahren

Therapeutische Verfahren

  • Indikationsstellung zu konventionell chirurgischen, minimal-invasiven und interventionellen Eingriffen bei angeborenen und erworbenen Erkrankungen des Herzens und der thorakalen Gefäße
  • Indikationsstellung zu herzchirurgischen Eingriffen und Hybridverfahren bei multimorbiden Patienten Operative Eingriffe mit Hilfe oder in Bereitschaft der extrakorporalen Zirkulation (Richtzahl: 100), davon
  1. an Koronargefäßen (Richtzahl: 40)
  2. an Herzklappen, konventionell und/oder kathetergestützt (Richtzahl: 25)
  3. bei angeborenen Herzfehlern
  4. an der thorakalen Aorta, konventionell und/oder kathetergestützt
  5. am Reizleitungssystem
  6. am Perikard
  7. bei Verletzungen, Tumoren und Thromboembolien
  • Erste Assistenz bei komplexen fachspezifischen Operationen, z. B. Kombinationseingriffe und Re-Operationen (Richtzahl: 20)
  • Operative Eingriffe ohne Einsatz der extrakorporalen Zirkulation (Richtzahl: 170), davon
  1. Anlage von passageren Schrittmachersonden (Richtzahl: 25)
  2. Implantation von kardialen elektronischen Geräten (Richtzahl: 25)
  3. Thorakotomie und Exploration des Situs, z. B. bei Thoraxstabilisierung, Fremdkörperexstirpation, Thoraxverletzungen, Implantatentfernung (Richtzahl: 35)
  4. Operationen an der Lunge und am angrenzenden Mediastinum in Zusammenhang mit herzchirurgischen Eingriffen (Richtzahl: 10)
  5. Operationen an peripheren Gefäßen in Zusammenhang mit herzchirurgischen Eingriffen, z. B. Rekonstruktionen peripherer Gefäße nach Einsatz von Kreislaufassistenzsystemen und/oder der extrakorporalen Zirkulation, Entnahme von Bypassconduits, Thrombektomien (Richtzahl: 50)

Strahlenschutz

  • Grundlagen der Strahlenbiologie und Strahlenphysik bei der Anwendung ionisierender Strahlen am Menschen
  • Grundlagen des Strahlenschutzes beim Patienten und Personal einschließlich der Personalüberwachung und des baulichen und apparativen Strahlenschutzes
  • Voraussetzungen zur Erlangung der erforderlichen Fachkunden im gesetzlich geregelten Strahlenschutz

Quellen: Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC), www.chirurg-werden.deÄrztestatistik 2018 und Musterweiterbildungsordnung 2018 (beide Bundesärztekammer)

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.