Ärzte ohne Grenzen: „Die Nicht-Routine ist die Routine“

Gibt es weitere Punkte, auf die man schon während der Ausbildung achten sollte, wenn man sich für die humanitäre Hilfe interessiert?

Eine breit angelegte Ausbildung ist von Vorteil. Es werden natürlich auch Chirurgen und Anästhesisten gebraucht und es gibt Projekte mit Kinder- und Frauenärzten. Außerdem ist es wichtig während des Studiums und der Ausbildung, die in einem Land wie Deutschland sehr technisch sein kann, immer wieder darauf zu achten, die „Fingerfertigkeiten“ nicht zu verlieren. Wie untersuche ich jemanden? Was würde ich ohne technische Hilfsmittel machen? Arbeiten Sie an Ihrer ärztlichen Intuition! Denn wer keine Geräte hat, muss sich auf das verlassen, was er spürt.

Welche Charaktereigenschaften sollten Ärzte mitbringen?

Auf jeden Fall ist es wichtig, offen für alles Neue zu sein. Kandidaten müssen sich auf unterschiedlichste Wetterbedingungen und zum Teil sehr rudimentäre Unterbringungsmöglichkeiten einstellen. Wer sich scheut auf dem Boden zu schlafen oder, wenn zum Beispiel ein Flüchtlingslager aufgebaut wird, im Zelt zu übernachten, ist fehl am Platz. Flexibilität ist auch im Team gefragt, denn jeder spricht eine andere Sprache und hat eine andere Mentalität. Aber genau dieser internationale Austausch bereitet auch große Freude. Geduld und Frustrationstoleranz sind auch von Vorteil. Zum Teil werden zwar großartige Erfolge gefeiert, aber in der humanitären Hilfe bricht auch vieles sehr schnell wieder zusammen, weil die Bedingungen sehr einfach und unsicher sind. Man muss in der Lage sein, jeden Tag wieder bei Null zu starten.

Eine optimistische Lebenseinstellung schadet also nicht.

Richtig. Man darf nicht blauäugig mit dem Gefühl „ich rette die Welt“ hingehen. Das wird schiefgehen. Häufig sind es die kleinen Dinge, die wichtig sind, kleine Schritte in die richtige Richtung. Bei einem Rückschritt darf man nicht verzagen, sondern muss weitermachen.

Gab es einen Einsatz, der Sie besonders geprägt hat?

Mein zweiter Einsatz für „Ärzte ohne Grenzen“, drei Jahre später, war ein dreimonatiger Noteinsatz im Süd-Sudan. Dort war eine Epidemie, Kala-Azar bzw. viszerale Leishmaniose, ausgebrochen. Tragischerweise flammte während dieser Zeit auch ein Bürgerkrieg auf, so dass wir vor Ort Kriegsverwundete mitversorgen mussten. Alles passierte sehr plötzlich und was wir uns aufgebaut hatten, brach zusammen. Dort habe ich gelernt, mich an die Situation anzupassen. Doch eine solche Stimmung möchte ich nie wieder erleben.

Ein so gefährlicher Einsatz hinterlässt Spuren. Wie haben Sie das Erlebte verarbeitet?

„Ärzte ohne Grenzen“ hat viel Erfahrung in Krisengebieten, daher sind die Sicherheitsvorkehrungen und die psychologische Betreuung der Ärzte hochprofessionell. Es gibt eine eigene Psycho-Social-Unit. Für mich war im Headquarter jemand rund um die Uhr telefonisch erreichbar und hat mir nach einem tragischen Erlebnis sehr geholfen. Am Ende eines Projekts findet ein De-Briefing in dem Headquarter statt, wo man mit den Landkoordinatoren Inhaltliches und Strategisches bespricht. Dort trifft man auch einen Psychologen und hat die Möglichkeit, noch bevor man nach Hause kommt, über das Erlebte zu sprechen. Diese Person kann man später noch anrufen. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben.

Herr Dr. Villalobos, vielen Dank für das Gespräch! 

Operation Karriere Frankfurt, 11.02.2017. „Ärzte ohne Grenzen“, Dr. med. Matthias Villalobos, Oberarzt Thoraxklinik Universitätsklinikum Heidelberg, für Ärzte ohne Grenzen, Berlin