Interkulturelle Begegnungen in der Medizin

Anfang Juli fand im Klinikum rechts der Isar der Vierte Klinische Ethiknachmittag statt. Zum Thema "In­ter­kul­tu­relle Be­geg­nung­en in der Krank­heit" erörterten die Referenten Probleme, die sich aus dem Auf­ein­an­der­treffen der Ange­hörigen ver­schie­de­ner Kul­turen und Reli­gionen ergeben.

Symbolfoto | Mumpitz/Fotolia.com

Das vertrauliche Gespräch zwischen Arzt und Patient, in dem Diagnosen mitgeteilt und Therapieoptionen empfohlen bzw. diskutiert werden, ist entscheidend und bei jeder Behandlung vorausgesetzt, der Patient ist bei vollem Bewusstsein unumgänglich. Bei der Begegnung zwischen Arzt und Patient treffen häufig verschiedene Religionen und Kulturen aufeinander, was unter Umständen Probleme für den weiteren Verlauf der Behandlung mit sich bringen kann.

Ein Problem ist die Sprachbarriere. "Viele ausländische Patienten sind der deutschen Sprache nicht mächtig und in der Regel steht kein professioneller Dolmetscher zur Verfügung", sagte İlhan İlkılıç, Mitglied des Deutschen Ethikrats. Häufig würden in solchen Situationen Angehörige des Patienten oder sprachkundige Angestellte des Krankenhauses bzw. der Praxis als Notlösung hinzugezogen. Die fehlende Sprachkompetenz, mangelnde Neutralität und "Zensur" der übermittelten Informationen (bei Angehörigen) könnten zu Fehlübersetzungen führen – der Arzt, der die fremde Sprache selbst nicht beherrscht, kann diese Fehler nicht erkennen. İlkılıç: "Deswegen ist besonders in komplizierten und sensiblen Kontexten – wie bei der Aufklärung über eine Krebsdiagnose oder vor einer risikoreichen Operation – ein professioneller Dolmetscher unverzichtbar. Kann der Patient sich nicht richtig erklären, kann das auch zu einer "Überdiagnostik" führen, da viele zusätzliche Untersuchungen durchgeführt werden müssen, um eine Diagnose stellen zu können."

Kulturelle Praxis und religiöse Rituale

Auch strikt einzuhaltende religiöse Vorschriften können einer effektiven und reibungslosen Therapie im Wege stehen. Als Beispiele dafür nannte İlkılıç das Fasten im Ramadan und ein damit nicht zu vereinbarender Medikationsrhythmus oder die Einnahme von Medikamenten, die Substanzen enthalten, welche von religiösen Speisevorschriften untersagt werden (bspw. aus dem Schwein gewonnene Präparate, Herzklappen oder Arzneibestandteile wie Gelatine). Wichtig sei es, zu wissen, dass beispielsweise im Islam für die genannten Situationen der ethische Grundsatz "Notlage hebt die Verbote auf" gilt. Bei einem entsprechenden Krankheitszustand bedeute dies, dass die im Alltagsleben gültigen religiösen Regelungen ihre Gültigkeit verlieren oder durch eine Erleichterung teilweise und vorübergehend außer Kraft gesetzt werden können. İlkılıç rät deshalb, wenn der Patient das möchte, einen Imam hinzu zu ziehen. So könne man über religiöse Grundpflichten und Speisevorschriften sprechen, die mit den notwendigen Therapiemaßnahmen in Konflikt stehen. 

Der Umgang mit kranken Menschen spielt auch im jüdischen Glauben eine wichtige Rolle. Dr. Tom Kucera, Rabbiner der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München, betonte die Bedeutung psychosozialer und spiritueller Begleitung, etwa in der Palliativbetreuung. Die Praxis des Krankenbesuchs (bikkur cholim) beinhalte einige zentrale Aspekte. Es gehe darum, die Würde (kawod) zu erhalten, Trost (nechama) zu spenden, konkrete Hilfe zu leisten und durch ein Gebet (mischeberach) die Heilung von Körper und Seele zu bekräftigen, erklärte Kucera. Nach dem Tod erfolge eine rituelle Waschung (tahara). Zur Vorbereitung sei alles "nicht-Natürliche", wie z.B. Tubus und Zugänge, vom Körper zu entfernen. Der Tote sollte bereits gereinigt sein, die Hände im Gegensatz zum christlichen Glauben nicht gefaltet, und der Körper ohne Kleidung in ein loses Betttuch gewickelt werden.

Bedürfnis nach Spiritualität

Der katholische Pfarrer Thomas Kammerer unterstrich, dass Menschen im vulnerablen Zustand des Krankseins ein besonderes Bedürfnis nach Spiritualität haben – insbesondere in Zeiten des Wegfalls traditioneller Familienstrukturen und übersteigerter Erwartungen an Autonomie. Der evangelische Seelsorger des MRI, Arthur Stenglein, sprach von der Situation des eigenen "Sich-fremd-Fühlens". Im Wunsch einer individuellen Hilfeleistung stellt die Bereitschaft, das Fremde in seiner Eigenart zu belassen, den ersten Schritt zur anerkennenden Annäherung dar.

Prof. Dr. Reiner Gradinger, ärztlicher Direktor des Klinikums rechts der Isar, sprach sich für eine Entschleunigung im medizinischen Alltagsbetrieb aus, da der Faktor Zeit unmittelbare Relevanz für das interkulturelle Miteinander habe. Unter dem gegenwärtig steigenden Zeit- und Kostendruck erscheine eine derartige Entschärfung der Effektivitäts-Logik jedoch schwer realisierbar.

Gezielte Ausbildung in interkulturellen Kompetenzen

Als Fazit empfahlen die Referenten die Aufnahme interkultureller Kompetenzen sowie der darin enthaltenen Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Kulturwissen, kultursensible Kommunikation, Vermeidung von Stereotypisierung, Selbstreflexion und kritische Toleranz in die ärztliche und pflegerische Aus-, Fort- und Weiterbildung. "Diese Kompetenzen können bei der Überwindung der kulturellen Barrieren sowie bei der Lösung der kulturell geprägten ethischen Probleme einen wichtigen Beitrag leisten", erklärte İlkılıç.

Quellen:

  • Zusammenfassung "Interkulturelle Begegnung in der Krankheit". Vierter Ethiknachmittag am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München am 09.07.2015, Rico Krieger, M.A. und Dr. Francesco Spöring.
  • Medizinethische Entscheidungen im interkulturellen Kontext. İlhan İlkılıç, Deutscher Ethikrat.

Foto: Mumpitz/Fotolia.com