LUNGENKREBS - Smoking kills

Für den Arzt fängt die Arbeit aber jetzt erst richtig an. Er muss sich nun überlegen, wie er all die Fragen beantwortet. Bisher weiß er ja nur, dass der Patient einen Schatten in der Lunge hat, der sich in der feingeweblichen Untersuchung als bösartiger Tumor entlarven ließ. Gut, in der computertomographischen Untersuchung kann der Doktor schon die Lymphknoten begutachten und sich fragen, ob die größer sind als normal, was einen Hinweis auf eine Streuung des Krebses sein könnte. Genau sagen, ob die Lymphknoten befallen sind, kann man aber auch erst, nachdem sie ihrerseits wieder feingeweblich untersucht wurden.

Um eine optimale Behandlung dieser schwerwiegenden und komplexen Erkrankung zu gewährleisten, wird der Arzt seinen Patienten nun in aller Regel an ein sogenanntes Tumorzentrum überweisen. Dabei handelt es sich um Krankenhäuser, die eine unglaublich große Expertise in der Behandlung bestimmter Krebsarten haben. So gibt es für so gut wie jede Tumorerkrankung einen speziellen »Expertenrat« (auch Tumorboard genannt), der den Patienten die besten und aktuellsten Therapien anbieten kann.

Dort treffen sich dann in regelmäßigen Abständen die Koryphäen der verschiedenen mit Krebserkrankungen in Verbindung stehenden Fachgebiete und beraten über die Patienten, um ihnen dann ein individuell auf ihre Erkrankung zugeschnittenes Therapiekonzept empfehlen zu können. Denn jeder Tumor liegt ja anders und muss somit anders behandelt werden.

Um aber zu wissen, welche Behandlung die beste ist, muss der Patient vorher noch von Kopf bis Fuß durchgecheckt werden, um eventuelle Metastasen, also Tochtergeschwülste, zu finden. Denn ein Patient mit Metastasen muss anders behandelt werden als einer ohne. In den meisten Fällen (es gibt Ausnahmen) macht die Entfernung des eigentlichen Tumors keinen Sinn mehr, wenn Absiedlungen in anderen Organen gefunden werden. Eine Chemotherapie kann dann, eventuell in Verbindung mit einer Bestrahlung, Linderung schaffen und erreichen, das Leben ein kleines bisschen zu verlängern. Sie sehen also: Es sind viele Untersuchungen und Überlegungen notwendig, bis am Ende ein individueller Therapieansatz gefunden wird. Das macht die Krebsmedizin so komplex und schwierig. Ich werde versuchen, Ihnen die wichtigsten Therapieoptionen beim Lungenkrebs zu erläutern.

Am besten ist es eigentlich, immer alle Krebszellen aus dem Körper zu entfernen. Das geht nur durch eine schwierige Operation. Je nachdem, wo das Geschwür sitzt, wird der Brustkorb des Betroffenen dazu meist von der Seite geöffnet, und die Lunge wird freigelegt. Bei Tumoren am Rande des Organs ist das natürlich weniger schwierig, als wenn der Krebs ganz tief sitzt, wo er oft überhaupt nicht operiert werden kann. Denn wenn er sich schon in die Atemwege gefressen hat, dann ist es nicht mehr möglich, ihn zu entfernen, ohne dabei Strukturen zu zerstören, ohne die der Mensch nicht leben kann. Ist der Tumor aber operabel, so wird der Chirurg versuchen, das Übel an seiner Wurzel zu packen und gänzlich zu entfernen.

Um ganz sicher zu sein, schneiden die Ärzte nicht nur den Krebs, sondern auch einen ganzen Saum gesunden Gewebes mit heraus. Nichts ist nämlich schlimmer, als wenn während der Operation in den Tumor hineingeschnitten wird. Dann besteht die Gefahr der Tumorzellverschleppung, und es können sich Metastasen bilden, obwohl die Erkrankung noch hätte geheilt werden können. Im Optimalfall sieht der Arzt das Geschwür also während der Operation überhaupt nicht. Er orientiert sich durch den Tastsinn, denn Tumorgewebe ist viel härter als das der normalen Lunge. In den meisten Fällen wird dann der Lungenlappen  herausgeholt, in dem der Tumor sitzt. Aber damit nicht genug. Ebenfalls enorm wichtig ist die Entfernung der lokalen Lymphknoten. 

Sie werden jetzt vermutlich dagegenhalten, dass wir ja im Kapitel über das Herz und die großen Gefäße des Menschen besprochen haben, dass die Abfallstoffe eigentlich über die Venen zurück zum Herzen (oder auch zur Leber) transportiert werden, um dann dort aus dem Kreislauf entfernt zu werden. Das stimmt auch. Nur existieren – und hier wird die Sache kompliziert – mehrere Kategorien an Abfallprodukten des Stoffwechsels. Einige werden entsprechend in den Venen »entsorgt«, andere nehmen den Weg über die Lymphknoten. Tumorzellen können beide Wege nutzen, streuen aber meistens viel schneller über die Lymphknoten als über die Venen. Vereinfacht kann man sagen, dass Tumorzellen, die in Venen eingebrochen sind, früher oder später Fernmetastasen bilden. Weil die Wände der Blutgefäße aber viel schwieriger zu infiltrieren sind als die der Lymphgefäße, geht die Streuung über diesen Weg fast immer viel schneller.

Die Gründe, weshalb der Chirurg also auch die Lymphknoten entfernt, sind – Sie ahnen es sicher schon – zum einen der Wunsch nach einer genauen Einteilung des Tumorstadiums, zum anderen die Sicherheit, auch wirklich jede Zelle des bösartigen Gewebes entfernt zu haben. Weil man das während der OP nicht sehen kann (wenn alles bestens läuft, kann der Chirurg ja nicht einmal den Tumor sehen, und auch den Lymphknoten sieht man meist mit bloßem Auge nicht an, ob sie befallen sind oder nicht), wird das gesamte entfernte Gewebe – also Lunge und Lymphknoten – wieder in die Pathologie geschickt, um es dort unter dem Mikroskop zu untersuchen.

Die weitere Behandlung richtet sich nach dem, was der Pathologe entdeckt. Ist der komplette Tumor raus, und die Lymphknoten sind nicht befallen, dann ist die Prognose gut, und manchmal ist nicht einmal mehr eine Chemotherapie vonnöten. Oft ist genau die aber wichtig, um einen eventuellen Tumorrest zu zerstören. Nachdem das endgültige Ergebnis des Pathologen eingetroffen ist, wird der Fall aber nochmals in jener Tumorbesprechung erläutert, in der alle Experten gemeinsam nach einem individuellen Therapieplan suchen.

Sie sehen also: Die Therapie eines bösartigen Lungentumors – wie auch aller anderen Krebsgeschwüre – ist eine unglaublich schwierige und auch herausfordernde Angelegenheit, die extrem viel Expertise bedarf. Um hier ein Profi zu werden, muss der Arzt wirklich viele Jahre Erfahrung und eine grundsolide Ausbildung mitbringen.

Übrigens: Nachdem alles überstanden ist, muss der Patient kontinuierlich untersucht werden. Nach genau festgelegten Nachsorgeschemata wird anfangs alle paar Monate nach neuen Tumoren oder Fernmetastasen gefahndet. Denn eine frühe Entdeckung ist absolut wichtig. Später werden die Zeitspannen zwischen den Nachsorgeuntersuchungen dann größer.

Wir haben uns jetzt intensiv damit beschäftigt, was die Ärzte tun, wenn der Tumor operabel ist. In diesem Fall besteht immer der Wunsch, die kompletten Zellen aus dem Körper des Betroffenen zu entfernen, um die Krankheit im Optimalfall sogar zu heilen . Geht das nicht, weil der Krebs vielleicht schon gestreut hat oder nicht operabel ist, können die Mediziner nur auf sogenannte palliative Konzepte zurückgreifen. Hierbei wird dem Patienten eine Chemotherapie verabreicht, oder der Tumor wird bestrahlt. Man versucht damit, den Krebs »in Schach zu halten«. Die Wahrheit ist aber, dass uns das in der Regel nur wenige Monate lang gelingt. Die Patienten sterben leider an ihrer Erkrankung. Die palliative Therapie erkauft ihnen lediglich Zeit.

Vita 

Geboren 1984, arbeitet Falk Stirkat seit 2010 als Arzt. Seiner anfänglichen Tätigkeit in einer großen chirurgischen Klinik ging das Studium der Humanmedizin an der renommierten Karls-Universität in Prag voraus. Es folgten Ausbildungszeiten in Notaufnahme und Intensivstation. Heute arbeitet der Autor als Leiter einer großen Notarztwache. Von seinen Erfahrungen als Notarzt erzählt er in seinen Büchern ich kam, sah und intubierte und 111 Gründe, Arzt zu sein. Im März 2017 ist sein neues Buch "Was uns krank macht" im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen. 

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