"Anteil der Chefärztinnen wird auf acht bis zehn Prozent geschätzt": Interview mit Dr. Christiane Groß

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. Doch wie steht es um die Gleichbehandlung der Frau in der Medizin im Jahr 2016? Ein Interview mit Dr. med. Christiane Groß, M.A., Präsidentin Deutscher Ärztinnenbund e.V.

Dr. Christiane Groß ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapie und ärztliches Qualitätsmanagement und seit 2015 die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes e.V. | Deutscher Ärztinnenbund

Frau Dr. Groß, laut aktuellem „Stepstone Gehaltsreport für Fach- und Führungskräfte“ liegt das Durchschnittsgehalt einer Ärztin/eines Arztes ohne Personalverantwortung bei rund 64.000 Euro. Schaut man sich die Durchschnittsgehälter nach Geschlecht an, so verdient ein Arzt rund 74.000 Euro jährlich, während eine Ärztin in einer vergleichbaren Position im Schnitt 56.000 Euro pro Jahr verdient. Wie ist diese Diskrepanz ihrer Einschätzung nach zu erklären?

Für den Deutschen Ärztinnenbund ist die schlechtere Bezahlung von Frauen alles andere als überraschend, sondern bestätigt die Erfahrungen aus Kliniken und Praxis, in denen Frauen als angestellte Ärztin und auch als Selbstständige - trotz gleicher Qualifikation - deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. Dies gilt übrigens nicht für die Ebene der Assistenzärzte - hier gelten in den Krankenhäusern Tarifverträge. Unterschiede in der Entlohnung entstehen aber auch hier durch die unterschiedliche Zahl an Bereitschaftsdiensten. So leisten Ärzte - wahrscheinlich oftmals noch ungebunden oder auch als Hauptverdiener in der Familie - zum Teil mehr Dienste als die Kolleginnen. Bei den AT-Verträgen sehen wir das gleiche Problem wie in der Wirtschaft. Ärztinnen verlangen häufig weniger als ihre männlichen Kollegen, einfach weil sie nicht ausreichend informiert sind bzw. werden. Nach einer US-Studie verhandeln Ärztinnen häufig schlechter, wenn es um leitende Positionen geht.

Bei den selbständigen Ärztinnen liegt es zum einen daran, dass sie über alle Fachgebiete hinweg mehr Zeit für ihre Patienten aufwenden, weniger Patienten behandeln und bis auf einige Ausnahmen auch weniger Privatpatienten haben ihre niedergelassenen Kollegen. Unterschiede im niedergelassenen Bereich ergeben sich aber vor allem aus der Spezialisierung. So arbeiten besonders viele Frauen in den Facharztgruppen, die innerhalb der Ärzteschaft im unteren Einkommensbereich zu finden sind, wie Allgemeinmedizin und Kinderheilkunde. Sie kommen im Schnitt auf 38,3 Minuten je Patient und 763 Patienten, Ärzte nur auf 31,1 Minuten, aber 1138 Patienten. Frauen machen zudem eine andere Medizin als Männer. Sie nehmen sich nicht nur mehr Zeit für Gespräche, sie sind auch eher für Präventionsangebote erreichbar. Seit langen Jahren wird die sogenannte "sprechende Medizin" im Vergleich zur "Gerätemedizin" nicht adäquat honoriert. Neuere US-Studien haben ergeben, dass Ärztinnen patientenzentrierter arbeiten. Sie fragen eher nach Ursachen, beziehen einen größeren Lebenskontext mit ein und haben weniger Scheu vor psychosozialen Themen.

Seit 1999 gibt es mehr weibliche Medizinstudierende an deutschen Universitäten als männliche. Dennoch scheint die Ärzteschaft in leitenden Positionen weiterhin eine Männerdomäne zu sein. Woran liegt das?

Bundesweit beträgt derzeit der Frauenanteil der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte rund 45 Prozent – hochgerechnet anhand der bisherigen Steigerungsraten werden Ärztinnen in Kliniken und Praxen frühestens etwa im Jahr 2027 entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung vertreten sein. 

Nur rund 26 Prozent der Leitungsfunktionen in deutschen Krankenhäusern sind aktuell von Frauen besetzt, der Anteil der Chefärztinnen wird auf acht bis zehn Prozent geschätzt. Bei den W3/C4 Professuren stellen Frauen gerade einmal 5,6 Prozent. Liegt der Frauenanteil bei den Doktoranden bei über 50 Prozent, so sind Ärztinnen bei der Habilitation noch mit 20 Prozent vertreten. Bei den Wahlen zu den ärztlichen Körperschaften werden Wahllisten fast flächendeckend nach wie vor nicht paritätisch nach Geschlecht besetzt.  

 

 

 

Es muss also ein Kulturwandel stattfinden, damit sich perspektivisch ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in Führungspositionen wie bei Chefärztinnen oder in den Klinikleitungen, in den Gremien ärztlicher Selbstverwaltung und in der Wissenschaft widerspiegelt. Der DÄB thematisiert diese Themen und stellt entsprechende Forderungen. Wir ermutigen die Kolleginnen aktiv, denn ohne dass sie darum gekämpft hat, ist nach unseren Erfahrungen kaum eine Ärztin auf eine leitende Position oder gar auf einen Lehrstuhl gelangt. Wir raten den Kolleginnen, selbstbewusst zu verhandeln, sich nicht einschüchtern zu lassen, Vergleiche zu ziehen und vor allem, nicht aufzugeben.

Rückblickend betrachtet: Hat sich aus ihrer Sicht die Situation für Frauen in der Medizin in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundlegend verändert bzw. verbessert?

Grundsätzlich ja, denn es lässt sich doch Einiges kurz nennen:  In der Weiterbildung gibt es positive Veränderungen, die es einer Ärztin mit Familie etwas leichter machen, die Weiterbildung zur Fachärztin abzuleisten. Abschnitte unter sechs Monaten werden in den meisten Ärztekammern anerkannt. Die Teilzeitanerkennung unter 50 Prozent wurde auch durch die Ärztinnen erkämpft. Beides sind Erleichterungen, die mit exorbitanter Verlängerung der Weiterbildungszeit immer noch ein Handicap fürs Leben darstellen.

Dann gibt es zum Beispiel eine ganze Reihe familienfreundlicher Krankenhäuser, die die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fördern.  Die nachwachsenden Kolleginnen können sich also einfacher als früher einen Arbeitsplatz mit Kita aussuchen. Hiervon profitieren aber auch die jungen Ärzte, die inzwischen auch häufiger ihre Elternverantwortung wahrnehmen und daher Familienfreundlichkeit einer Klinik als Kriterium für ihre Arbeitsplatzwahl bedenken.

In den nächsten Jahren gilt es weiterhin, dringend notwendige familien- und frauenfreundliche Arbeitsbedingungen in Kliniken und Praxen forciert umzusetzen, statt den Ärztemangel zu beklagen. Hierzu gehört auch eine Novellierung der Mutterschutzregelungen, die für Ärztinnen häufig zu einem Berufsverbot führen. Neben Einzelfallbeurteilungen werden pragmatische Lösungen hier gefordert, ohne dass der Schutz des Ungeborenen beschnitten werde soll.

Ein Thema, bei dem wir mehr Akzeptanz beobachten können ist die geschlechtsspezifische Medizin. Die Forderung nach Beachtung der somatischen und psychischen Unterschiede bei Männern und Frauen sowohl in der Gesundheitsversorgung als auch in der Gesundheitsforschung hat Früchte getragen.

Dennoch sehen wir in vielen weiteren Bereichen nach wie vor großen Handlungsbedarf, in denen der DÄB in der Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und Fachgesellschaften als berufspolitisches Netzwerk von Ärztinnen aktiv bleiben muss.

Für leitende Positionen in der Wirtschaft galt lange die Regel „Eine Frau muss doppelt so gut sein wie ein Mann, um annähernd so weit zu kommen“. Ist/ war dies auch auf die Medizin zu übertragen?

Gerade jüngere Ärztinnen treten in den DÄB ein, weil sie sich von diesem Verband erhoffen, dass er sie für Beruf und Karriere fit macht und sie in der Weiterbildung unterstützt. Das Gefühl, besser sein zu müssen als ein Mann, tritt bei gleich qualifizierten Bewerberinnen um eine Stelle in der Medizin zwar etwas weniger auf, aber es existiert durchaus noch. In den leitenden Positionen müssen auch Ärztinnen häufig beweisen, dass sie nicht nur gleich gut sind, sie müssen sogar besser sein, denn jedes kleine Missgeschick wird als weibliche Unfähigkeit  gerechnet. Die Tätigkeit von bestimmten, in den Köpfen der Gesellschaft auch eher „männlichen“ Fachdisziplinen wie zum Beispiel Chirurgie, wird Frauen häufig nicht zugetraut.

Bei den Geschlechtsstereotypen handelt es sich um stark vereinfachte Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen rein normativ sein sollten. So wird oft fälschlicherweise eine durchsetzungsfähige Frau als hart oder als „Karrierefrau“ beschrieben, um das Stereotyp der Hausfrau und Mutter unangetastet zu lassen. Leider zwingt dies auch die eine oder andere Chefärztin dazu, besondere „Härte“ zu zeigen.

Der DÄB ist der Meinung, dass allein die fachliche Qualifikation zählen muss und auch, dass mehr weibliche Vorbilder bei den Führungspositionen notwendig sind, um auch in den Köpfen der ganz jungen Kolleginnen andere berufliche Ziele anzuregen. Der DÄB fordert mehr Ärztinnen in Führungspositionen sowohl in der medizinischen Versorgung als auch in den Gremien der Universitäten, der ärztlichen Selbstverwaltung und den Kammern. Nachdem nicht nur wir im DÄB uns diesbezüglich über Jahrzehnte mit leider nur mäßigem Erfolg engagiert haben, fordern wir inzwischen eine gesetzliche Quote für Frauen. Diese wurde für die Aufsichtsräte bekanntlich geschaffen, im Gesundheitswesen sind wir jedoch noch weit und damit noch lange davon entfernt.

Frau Dr. Groß, vielen Dank für das Interview.