Frauen in der Chirurgie: Keine Männerdomäne

Es herrscht kein eitel Sonnenschein im Fach Chirurgie, es gibt aber auch keine unlösbaren Probleme, die Chirurginnen entmutigen sollten, meint die Autorin – selbst tätig als Ärztin in Weiterbildung in der Chirurgie/Common Trunk.

Chirurgin

Sie werden in Zukunft dringend gebraucht: Chirurginnen | koszivu/Fotolia

Die Medizin wird weiblich – überall ist es zu lesen und auch im Berufsleben jeden Tag zu sehen: 70 Prozent der Medizinstudierenden, 65 Prozent der Medizinabsolvierenden, aber lediglich 18 Prozent der in der Chirurgie Tätigen sind weiblich. Die Schlussfolgerung ist für viele klar: Frauen möchten nicht in der Chirurgie arbeiten. Doch ist das wirklich so?

Chirurgie noch immer eine Männerdomäne

Die meisten Ärztinnen arbeiten in den Fachgebieten Innere Medizin, Allgemeinmedizin, Pädiatrie, Gynäkologie und Anästhesie. Warum nicht in der Chirurgie? Ein häufiges Vorurteil beschreibt die Chirurgie als ein familienunfreundliches, zeitintensives, schlecht planbares Fach. Der Alltag in einem regionalen Krankenhaus sieht etwa folgendermaßen aus: 7 Uhr Arbeitsbeginn, 45 Minuten Zeit für die Visite von 30 Patienten, 7.45 Uhr Frühbesprechung, ab 8.30 Uhr OP-Programm bis zur Nachmittagsbesprechung um 15 Uhr. Stationsarbeit, die noch nicht erledigt wurde, schließt sich an. Fünf bis acht 24-Stunden-Dienste pro Monat. An einem Haus der Maximalversorgung verlässt man aufgrund des dichten OP-Programms nicht vor 18 Uhr den OP-Saal, Spätvisiten folgen danach. An Unikliniken gehört außerdem wissenschaftliches Engagement, welches nicht selten nach Feierabend beginnt, dazu. Familienfreundlich klingt das tatsächlich nicht. Doch auch in anderen Fachrichtungen gibt es teilweise lange Arbeitstage, viele Dienste und wenig Freizeit. Was spricht in vielen Köpfen gegen die Chirurgie?
Häufig gilt sie als eine Männerdomäne. Man müsse sowohl körperlich als auch charakterlich dafür geschaffen sein, heißt es. Als Frau würde man schikaniert und belächelt. In der Tat: Lange OP-Zeiten, die das Ausschalten von körperlichen Bedürfnissen wie Durst, Hunger und Harndrang erfordern, höchste Konzentration zu jedem Zeitpunkt der Operation, auch nachts, und die Mobilisation von Kräften bei Eingriffen machen den Beruf des Chirurgen zu einem „Knochenjob“. Es ist tatsächlich körperliche und mentale Fitness gefordert. Da bringen die Männer oberflächlich betrachtet bessere körperliche Ausgangsbedingungen mit. Als Frau in der Chirurgie kann man das zu spüren bekommen. Belächeln, aber auch chauvinistische Sprüche, gut gemeintes Mitleid bis hin zum handfesten Mobbing sind keine Seltenheit

Schwangerschaft und Chirurgie schwer miteinander vereinbar

Und wie steht es um die Karrierechancen einer Frau in der Chirurgie? Zahlen der Bundesärztekammer belegen, dass es deutlich weniger Frauen als Männer in Führungspositionen in allen Fachdisziplinen gibt, wobei sich die Chirurgie zusätzlich noch auf den hinteren Rängen bewegt. Der Grund ist nicht nur eine männerdominierte Führungsriege, sondern auch der mangelnde Ehrgeiz vieler Chirurginnen, das Karrieretreppchen zu erklimmen. Bereits während des Studiums fassen viele Frauen den Entschluss, ihre Karriere nach der Familienplanung auszurichten. Unsere Vorstellungen sehen noch immer die klassische Rollenverteilung von Männern und Frauen vor. Doch es geht auch anders: „Meine Kollegen reagierten durchweg positiv auf meine Schwangerschaft und mein Chef sowie unsere Anästhesisten unterstützten mich in meiner Idee, auch weiterhin am OP-Tisch zu stehen“, berichtet Dr. med. Jana Rehm, Ärztin in Weiterbildung in der Unfallchirurgie und Orthopädie. „Allerdings gab es etliche rechtliche und organisatorische Hürden zu nehmen, die ich so nicht erwartet hatte.“ Zudem habe sie die körperliche Belastung durch die Schwangerschaft unterschätzt.
Wer eine Familie mit mehreren Kindern plant, kann schwerlich in der gleichen Zeit wie die männlichen Kollegen die Weiterbildung absolvieren. Für viele werdende Mütter wird direkt nach Bekanntgabe der Schwangerschaft das Beschäftigungsverbot ausgesprochen. Dabei gibt es bereits Möglichkeiten, das Operieren auch für Schwangere zu realisieren. Die Initiative der beiden Chirurginnen Dr. med. Maya Niethard und Dr. med. Stefanie Donner „Operieren in der Schwangerschaft“ der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) hat 2015 für viel Aufsehen gesorgt. Sie riefen dazu auf, das Mutterschutzgesetz von 1952 zeitgemäß auszulegen. Nach geltendem Recht unterliegt eine Schwangere sofort nach Bekanntgabe der Schwangerschaft dem Mutterschutzgesetz. Ein gesetzlicher Mitteilungszwang besteht jedoch nicht. Der Arbeitgeber ist daraufhin verpflichtet, eine Gefahrenprüfung des Arbeitsplatzes durchzuführen und Maßnahmen zum Arbeitsschutz zu treffen. Kann eine Gefährdung für Mutter oder Kind nicht durch Umgestaltung des Arbeitsplatzes behoben werden und ist ein Arbeitsplatzwechsel nicht möglich, muss ein Beschäftigungsverbot ausgesprochen werden. Bezüglich des Punktes der Umgestaltung des Arbeitsplatzes sehen Niethard und Donner noch viel Potenzial. Elektive und weniger anstrengende, kürzere Eingriffe sind auch Schwangeren zuzumuten. Geeignet sind Eingriffe ohne Röntgenstrahlung. Fruchtschädigende inhalative Narkosegase können durch Totale Intravenöse Anästhesien oder Regionalanästhesien umgangen werden. Das Risiko einer Infektion mit parenteral übertragbaren Krankheiten minimiert sich durch das vorherige Screening der Patienten auf HBV, HCV und HIV. Bisher sind diese Maßnahmen jedoch nur von wenigen Häusern konsequent umgesetzt worden.

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