DIABETES MELLITUS - Besorgniserregende Entwicklungen

Wie erklärt man dem Patienten sein Krankheitsbild, so dass er es versteht? In der Reihe „Komplizierte Krankheit - anschaulich dargestellt“, werden exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch von Spiegel-Bestseller-Autor Falk Stirkat veröffentlicht. Dieses Mal im Fokus: Diabetes Mellitus.

Falk Stirkat ist Gastautor bei Operation Karriere

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der noch nichts von der Zuckerkrankheit Diabetes gehört hat. So einfach das klingt – »Zuckerkrankheit« –, so kompliziert ist das gesamte Thema leider. Deshalb und weil die Erkrankung einfach eine so enorme Bedeutung in unserer westlichen Welt hat, werden wir uns auch etwas ausgiebiger mit dem Thema beschäftigen. Beginnen wir mal mit den Basics: Was bedeutet Diabetes eigentlich?

Im Grunde kann man sagen, dass es beim Diabetes (wir lassen das mellitus jetzt mal weg) zu einem Ansteigen des Zuckers im Blut kommt. Der Körper – und speziell das Gehirn – kann ohne Zucker nicht überleben, weil nur der als ultraschneller und hocheffektiver Energieträger zur Verfügung steht. Wie überall im Leben kommt es aber auf das richtige Verhältnis an. Im normalen Blutplasma  beträgt die Glukosekonzentration zwischen 80 und 100 Milligramm pro Deziliter (mg/dl). Gesteuert wird sie durch eine Vielzahl an Hormonen, allen voran dem Insulin. Bei Insulin handelt es sich um ein Enzym, das von der Bauchspeicheldrüse aus speziellen Zellen, den sogenannten Beta-Zellen, direkt ins Blut abgegeben wird. Hier kreist es nun im gesamten Blutstrom und wird an fast allen Zellen im Körper aktiv. Was das Insulin dort macht, wollen Sie wissen?

Es ist dafür verantwortlich, den Glukosestrom zu regulieren. Denn nicht jedes Glukoseteilchen, das aus dem Darm in den Blutstrom aufgenommen wurde, kann auch sofort in die Zelle gelangen, wo es schlussendlich gebraucht wird. Nur wenn Insulin die Türe öffnet, darf die Glukose passieren. Das wird durch ein spezielles Transportermolekül umgesetzt, welches sich in millionenfacher Ausführung in den Wänden unserer Körperzellen befindet. Nur wenn ein Insulinteilchen und ein Zuckerteilchen gleichzeitig andocken, öffnen sich die Tore, und der Zucker darf die Zellwand durchtreten. Ohne diesen Mechanismus wäre der Mensch nicht lebensfähig.

Viele Menschen der westlichen Welt haben das richtige Maß verloren

Funktioniert das Ganze normal, dann befähigt dieser Mechanismus unseren Körper, den Zuckerspiegel in sehr engen Grenzen konstant zu halten. Und das ist wichtig. Nehmen Sie einfach mal ein Glas Leitungswasser, und geben Sie langsam Zucker dazu. Mit jedem Gramm verändern sich die Eigenschaften des Wassers in vielerlei Hinsicht. Vor allem aber wird es klebriger. Wieso sollte sich unser Blut anders verhalten? Es ist aber nicht nur diese Eigenschaft des süßen Blutes, die unserem Organismus auf Dauer zu schaffen macht. Zucker ist lebenswichtig – im richtigen Maß. Leider haben viele Menschen der westlichen Welt dieses Maß verloren, was sicher zumindest teilweise auch am herrschenden Überangebot liegt.

Bei Patienten mit Diabetes ist der Weg des Insulins von der Bauchspeicheldrüse zu den einzelnen Zellen in unserem Körper gestört. Je nachdem, was nicht stimmt, unterscheidet man vier Arten von Diabetes, von denen im Alltag allerdings nur zwei eine übergeordnete Relevanz haben, weshalb wir in unserer Reise durch die Zuckerkrankheit den Diabetes Typ III und Typ IV einfach ignorieren. Das Thema ist ja auch so schon schwierig genug.

Die beiden häufigsten Diabetesformen sind der Diabetes mellitus Typ I und Typ II. Beide gleichen sich in dem, was sie im Körper anrichten (Erhöhung des Blutzuckerspiegels). Der zugrunde liegende Mechanismus ist allerdings ein jeweils völlig anderer. Beginnen wir beim Typ-I-Diabetes. 

Der ist eine reine Autoimmunerkrankung, vergleichbar mit Rheuma. Der Körper erkennt die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse, also die Zellen, die für die Produktion des Insulin zuständig sind, nicht als körpereigen an und attackiert sie. Weil der ganze Mechanismus angeboren ist, tritt der Typ-I-Diabetes schon im Kindesalter auf. Zwar können die Zellen der Bauchspeicheldrüse dem Angriff des Immunsystems für ein paar Jahre standhalten, früher oder später sind sie aber alle zerstört. Wenn nur noch ungefähr 20 % der Zellen übrig sind (also 80 % zerstört), entwickeln sich die Symptome des Diabetes. Dann ist einfach nicht mehr genügend Insulin da, um den Zucker in die Körperzellen zu transportieren. Er sammelt sich im Blut, und der Blutzuckerspiegel steigt. Die Folge: Diabetes.

Bevor wir uns jetzt dem zweiten Typ widmen, habe ich noch eine interessante Info für Sie. Man hört ja immer wieder, der Typ-I-Diabetes sei die vererbte Form der Zuckerkrankheit. Das stimmt so tatsächlich gar nicht. Angeboren (was beim Typ I zutrifft) bedeutet nämlich nicht automatisch auch vererbt, also von den Eltern übertragen. Zwar gibt es eine erbliche Komponente der Erkrankung, jedoch ist die beim Typ-II-Diabetes viel größer, sodass man den eigentlich eher als die vererbte Diabetesform betrachten müsste. Das liegt daran, dass das metabolische Syndrom, also die Grunderkrankung hinter dem zweiten Typ Diabetes, eine erhebliche familiäre Häufung vorweist – ein Hinweis auf eine zumindest teilweise von den Eltern geerbte Veranlagung. Erinnern Sie sich noch an das Herzinfarktkapitel? Auch da war unser Lebensstil schon ein Thema. Und nun schließt sich der Kreis. Denn all diese Erkrankungen – koronare Herzkrankheit, Arterienverkalkung, Übergewicht, Bluthochdruck und auch Diabetes – gehören zusammen und sind das Resultat von jahrzehntelanger hyperkalorischer und kohlenhydratreicher Ernährung sowie fehlender körperlicher Aktivität. Sie werden später, wenn wir uns mit der Therapie des Diabetes beschäftigen, noch genauer sehen, welchen Stellenwert gerade die regelmäßige körperliche Ertüchtigung hat.#