Vom Blitz getroffen – Wenn der Körper unter Strom steht

Das diesjährige „Rock am Ring“-Wochenende stand unter keinem guten Stern. Durch Blitzeinschlag kam es zu zahlreichen Verletzten. Was geschieht nach einem Blitzeinschlag? Einen Einblick in die Thematik Blitzunfallopfer gibt Privatdozent Dr. med. Fred Zack, Rechtmediziner in Rostock.

Blitze

Bei einem Blitzschlag können bis zu 100 Millionen Volt und mehrere 10.000 Ampere innerhalb von 0,02 Sekunden auf einen Menschen einwirken. | Pixabay

Dass es am Wochenende in der Eifel zu schweren Gewittern kommen würde, hatte der Deutsche Wetterdienst bereits vor der Veranstaltung vorausgesagt. Trotzdem erschienen die „Rock am Ring“-Besucher zahlreich. Die Bilanz nach dem Wochenende: 71 Menschen sind durch Blitzeinschläge verletzt worden, zwei Verletzte mussten sogar reanimiert werden. Die Behandlung erfolgte im Krankenhaus, die Patienten sind aktuellen Berichten zufolge mittlerweile auf dem Weg der Besserung.

Jedes Vierte Blitzopfer stirbt

Der Rechtsmediziner PD Dr. med. habil. Fred Zack beschäftigt sich seit 1995 mit den medizinischen Folgen von Blitzunfällen und ist an der Universitätsmedizin Rostock im Arbeitsbereich Forensische Medizin des Instituts für Rechtsmedizin beschäftigt. In Deutschland werden jährlich schätzungsweise mehrere Hundert Menschen vom Blitz getroffen oder indirekt geschädigt. Leider gebe es für Überlebende in der Bundesrepublik keine statistische Erfassung. Daher analysierte der Rechtsmediziner statistische Daten aus aller Welt und stellte fest: „Jedes Vierte Blitzopfer stirbt.“ In Deutschland sind im Zeitraum von 1998 bis 2013 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich bis zu acht Menschen bei schweren Gewittern ums Leben gekommen.

Bereits 2011 erklärte Zack gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt „Blitzunfälle, insbesondere auf großen freien Plätzen, sind gar nicht so selten“. Er selbst hat bereits Blitzopfer obduziert. Zack beschreibt einen Fall, bei dem ein junger Mann bei einem Sportfest durch einen Blitzeinschlag in einen Baum verletzt wurde. Äußerlich sah das Opfer nahezu unauffällig aus, doch unter der intakten Haut kam dann flächenhaft verkochte Brustmuskulatur zum Vorschein. Das Herz war ebenfalls schwer geschädigt.

100 Millionen Volt

Bei einem Blitzschlag können bis zu 100 Millionen Volt und mehrere 10.000 Ampere innerhalb von 0,02 Sekunden auf einen Menschen einwirken. Diese enormen Werte machen deutlich, dass die Kräfte eines Blitzschlags nicht mit denen aus einer Steckdose vergleichbar sind. Infolgedessen sind die Verletzungen schwerer und vielfältiger als die von normalen Stromschlägen.

Besonders häufig sind nach Blitzunfällen die Haut, das Herz, das Gehör, die Augen, das Gehirn und die Nerven betroffen. Gesundheitliche Schäden können manchmal auch erst eine gewisse Zeit nach dem Unfall auftreten. Zu den typischen Blitzunfallschäden gehören Verbrennungen der Haut, Hörstörungen, Tinnitus, Missempfindungen und Lähmungen, so Zack. Darüber hinaus sind psychischen Störungen möglich. Sie reichen von Denk- und Konzentrationsstörungen über Depressionen bis hin zu Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen. „Die Behandlung der Blitzopfer erfolgt wegen der Komplexität der möglichen Schädigungen in der Regel interdisziplinär. Aufgrund der relativ guten Erfolgsaussichten bei der Reanimation Blitzgeschädigter hat bei einem Massenunglück die Notfallbehandlung von scheinbar leblosen Personen Priorität.“

Auf welche Arten kann ein Mensch vom Blitz getroffen werden?

Zack, nach eigener Aussage infiziert vom Thema Blitzunfälle und den Folgen für betroffene Menschen, recherchierte und analysierte, auf welche Art und Weise ein Blitz überhaupt einen Menschen schädigen kann. Insgesamt fünf verschiedene Übertragungsmechanismen der elektrischen Energie konnten festgestellt werden. Die gefährlichste Art des Blitzschlags ist selbstverständlich der direkte Blitzeinschlag, bei dem der Strom häufig durch den Kopf fährt und lochartige Durchschläge an den Füßen hinterlässt. Dieser Treffer endet häufig tödlich.

Der sogenannte Kontakteffekt tritt ein, wenn der Blitz in ein Objekt schlägt, das sich in direktem Kontakt zum Blitzopfer befindet, wie ein Golfschläger oder ein Regenschirm. Der bereits vorher bekannte Überschlagseffekt („side splash“) tritt ein, wenn der Blitz beispielsweise in einen Baum einschlägt und Teile der Energie auf eine Person übertragen werden, die sich in der Nähe befindet.

Skillstraining im Schockraum

Ein neues Lehrkonzept der Uni Mainz bereitet Studierende des Fachbereichs Universitätsmedizin auf die besonders schwierige Versorgung schwerstverletzter Patienten vor. Unter dem Namen „Praktisches Jahr – Trauma-Team“ wird es gegenwärtig als Pilotprojekt in das Studium integriert.

weiterlesen

 

Des Weiteren gibt es die Schrittspannung, bei welcher der Strom in der Nähe des Einschlages über ein Bein in den Körper und über das andere Bein hinaus fließt. Der leitervermittelte Blitzeffekt stellt die fünfte Möglichkeit dar, wie ein Mensch vom Blitz getroffen werden kann. Hierbei trifft ein Blitz eine Telefonleitung oder ein Elektrokabel. Gefahr besteht beim Benutzen eines Schnurtelefons oder beim Bedienen von Elektrogeräten während eines Gewitters. Darüber hinaus können Blitze den Menschen aber auch indirekt beispielsweise durch ein Knalltrauma, umher fliegende Gegenstände oder ein blitzbedingtes Feuer schädigen, so Zack.

Mit alten Ratschlägen aufräumen

Der Rechtmediziner möchte mit dem längst überholten Ratschlag aufräumen, sich bei einem Gewitter im Freien flach auf den Boden zu legen. Dies vergrößere lediglich die Angriffsfläche, die man dem Strom biete, der dann über das Herz fließen und tödliche Rhythmusstörungen auslösen kann. Zack empfiehlt stattdessen in die Hocke zu gehen, die Füße dicht aneinanderstellen und die Ohren mit den Händen zu halten. In Häusern sollte man Fenster und Türen zur Gewitterzeit geschlossen halten und elektrische Geräte nicht benutzen.

Auch die einfache Aussage, dass man in einem Auto einhundertprozentig sicher sei, stimmt so nicht ganz. Als Insasse sollte man bei Gewitter nie die Blechanteile im Auto berühren und das Fahren mit dem Auto unterlassen. Denn wenn der Blitz einschlägt, kann das Licht so grell sein, dass eine Orientierung danach kaum möglich ist. Weiterhin besteht für die Fahrzeuginsassen die Gefahr eines Knalltraumas mit Hörschädigung.

Gewitter-Experte Zack betont, dass durch Beachtung der Wettervorhersagen und entsprechende Verhaltensweisen die meisten Blitzunfälle vermeidbar sind.

Quellen: Pressemittelung der Universität Rostock „Rostocker Gewitter-Forscher bringt Licht in Opferzahlen von Blitz-Unfällen“, Dtsch Arztebl 2007; 104(51-52) „Blitzunfall – Energieübertragungsmechanismen und medizinische Folgen“