Flüchtlinge auf Lesbos – es geht ums Überleben

Die Medizinstudentin Annika Welte berichtet über ihre Erlebnisse im Sommer dieses Jahres auf der griechischen Insel Lesbos.

Flüchtlingsboot

Auf kleinen Booten kommen die Flüchtlinge auf Lesbos an. | Pixabay

Als ich am 3. September mit meiner Freundin Paula in Athen lande, ist es sehr heiß, die Stadt ist lebendig und wir sind gespannt auf Einblicke in die politische Situation. Gemeinsam besuchen wir eine Woche lang Clinics of Solidarity und erfahren viel über die solidarische Bewegung in Griechenland. Besonders für uns als zukünftige Ärztinnen sind die solidarischen Kliniken sehr spannend und inspirierend. Auch über das Leid der Flüchtlinge diskutieren wir viel.

Als es Zeit für unsere Rückreise ist, bietet sich uns am Victoria Square ein beeindruckendes Bild: Etwa 300 Menschen liegen dort auf Pappen und versuchen einen Schattenplatz unter wenigen Bäumen zu ergattern. Kleine Kinder rennen umher, aber die meisten schauen schwitzend und mit leeren Augen in die Gegend. Als wir den Platz verlassen möchten, kommen wir mit einer britischen Hilfsorganisation ins Gespräch, die uns um Mithilfe bittet. Und so fahren wir auf die griechische Insel Lesbos.

Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, dem Iran, Irak, Somalia und anderen Ländern kommen dort ebenfalls an. Zuvor haben sie etwa 1.200 Euro an Schlepper in der Türkei gezahlt, sind in schwarze Schlauchboote gepackt und aufs Wasser geschubst worden. Sobald sie Lesbos erreichen, fangen die meisten an zu weinen. Eine große Last und Angst fällt von ihnen ab. In ihrer Vorstellung haben sie es geschafft. Sie sind in Europa und rufen „Welcome“ und „I love you“. Die Freude und Dankbarkeit der Menschen berühren mich sehr.

Lebensretter bei der Ankunft

Ein Pärchen aus England, welches vor vielen Jahren auswanderte, und eine kleine niederländische Hilfsorganisation fahren die Küste entlang und beobachten das Meer. Sobald ein Boot sich nähert, schätzen sie die Landestelle ab und empfangen die Flüchtlinge mit Wasser, Essen, Erster Hilfe, Babytragen, Sonnenhütten und Rehydrierungsmedikamenten. Ohne die selbstlose, dauerhafte Unterstützung und Hilfsbereitschaft dieser Menschen würden viele vielleicht nicht überleben.

Die Ankömmlinge – es sind zwischen 1.000 und 3.500 pro Tag – müssen sich stärken. Über Serpentinen versuchen die erschöpften, aber euphorisierten Menschen in ein 15 km entferntes Dorf zu gelangen, wo sporadisch ein Bus in die verschiedenen Lager fährt. Nach ein bis drei Tagen Marsch erreichen sie diese. Die Syrer kommen in das Transitlager Kara Teppe, wo sie sich nur einige Stunden aufhalten sollen. Verschiedene Organisationen haben ihr Lager auf Lesbos aufgeschlagen, wie UNHCR (Flüchtlingswerk der UNO), Ärzte ohne Grenzen und Ärzte der Welt.

Die Mitarbeiter der UNHCR reden jedoch nach meinem Eindruck erschreckend realitätsfern, wenn sie erzählen, wie ausgezeichnet die Verhältnisse in Kara Teppe sind. Sie behandeln die Flüchtlinge zudem häufig wie kleine Kinder. Ich wünsche mir, dass sie ihre Arbeit mit mehr Idealismus verfolgen würden, schließlich haben sie deutlich mehr Erfahrung und Ressourcen zur Lösung derartiger Katastrophen als ich momentan.

Behörden und Bürokratie die größte Hürde

Die Helfer von „Ärzte der Welt“ scheinen mir deutlich engagierter zu sein und kümmern sich um einzelne Schicksale. Außerdem versuchen sie, nichts schönzureden, auch wenn ihnen selbst keine Lösung einfällt. Sie erzählen, dass die Behörden und die Bürokratie die größten Hürden sind – vor allem für kleinere Hilfsorganisationen. Es gibt kein großes Netzwerk, in dem sich alle Helfer koordiniert für Flüchtlinge einsetzen können. Daher arbeitet jede Organisation alleine für sich.

Ganz anders ist das Lager für die Nicht-Syrer. Es liegt in Moria, in einem alten Gefängnis. Dort sind die Umstände noch viel schlimmer und absolut unmenschlich. Bis zu 3.000 Menschen warten dort auf ihre Papiere. Zelte, Isomatten, Nahrung, Getränke und Plastikschuhe werden zu überteuerten Preisen aus Kofferräumen heraus verkauft. Sobald ich versuche, ein Foto zu machen, werde ich von den Verkäufern angeschrien. Viele Flüchtlinge können sich die teuren Güter nicht leisten und hungern teilweise tagelang. Es gibt auch nur einen einzigen Wasserhahn, aus dem eigentlich Wasser fließt. Wir hören von Gewaltausbrüchen, Vergewaltigungen, Krankheit und Diebstählen. Hunger, Ungewissheit verwandeln die Flüchtlinge manchmal in Tiere. In Moria geht es an manchen Tagen nur noch ums Überleben.

Außer Kara Teppe und Moria gibt es noch ein kleines Flüchtlingslager namens Pigpa. Es wird von linken Inselbewohnern betrieben und erinnert mich an die solidarischen Kliniken. Hier kommen Geflüchtete hin, die zwei Wochen oder länger eine Pause brauchen, weil sie krank, erschöpft, hochschwanger oder von Müdigkeit und Hunger geschwächt sind. Die 50 Bewohner wirken sehr ausgeglichen und alle Kinder spielen gemeinsam auf einem alten Spielplatz. Ein Syrer zeigt mir seine Familie, seine geschwollenen Füße, seine schwangere Frau, seine beiden lachenden Kinder. Sein Haus und seine Arbeit in Damaskus gibt es nicht mehr. Mit Tränen in den Augen sagt er, dass er wieder ein menschenwürdiges Leben führen möchte.

Ich bin froh, dass ich auf Lesbos war und hautnah erkennen durfte, wie es den Flüchtlingen ergeht, sobald sie das erste Mal europäisches Land betreten. Ich sehe auch ein größeres Ziel für mich: Die Arbeit eines Arztes kann vielseitig und auch politisch sein und ich wünsche mir, dass die Europäer sich in die Lage der Flüchtlinge versetzen und hinterfragen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und ein menschenwürdiges Leben zu führen. Immerhin ist es auch nur Glück oder Zufall, dass wir in Deutschland geboren wurden, dass hier kein Krieg herrscht und dass es uns gut geht. Als angehende Ärzte haben wir die Möglichkeit, Menschen in solchen Situationen direkt zur Seite zu stehen und sollten nicht zögern, auf Missstände aufmerksam zu machen.

Quelle: Dieser Beitrag ist in Heft 4/2015 von Medizin Studieren, dem Magazin des Deutschen Ärzteblattes für Studierende der Medizin, S. 10, erschienen.