„Aufschieberitis“ betrifft vor allem junge Männer

Die Verbreitung und Risikomerkmale für die sogenannte Prokrastination – also ein ausgeprägtes Aufschiebeverhalten von wichtigen Tätigkeiten – haben Wissen­schaftler der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz untersucht.

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Laut einer aktuellen Studie vor allem ein Phänomen unter jungen Männern: Prokrastination. | Andreas Hermsdorf/Pixelio

Die Studie bestätigt, dass die „Aufschieberitis“ mit Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung einhergeht sowie die Lebenszufriedenheit verringert. Menschen, die Tätigkeiten häufig aufschieben, leben seltener in Partnerschaften, sind häufiger arbeits­los und verfügen über ein geringes Einkommen. Betroffen sind offenbar vor allem männliche Schüler und Studierende.

Die Untersuchung ist in der Zeitschrift Plos One erschienen (doi:10.1371/journal.pone.0148054). Ein Ziel der Mainzer Wissenschaftler war es, eine Antwort auf folgende Frage zu finden: Warum schieben Menschen Tätigkeiten auf, wenn dies absehbar zu Stress und negativen gesundheitlichen Folgen führt? Die Studienkohorte umfasste 2.527 Personen im Alter von 14 bis 95 Jahren.

Prokrastination ist erlernt

Prokrastination ist laut den Mainzer Wissenschaftlern ein erlerntes Verhalten, das unmittelbar durch Vermeidung unangenehmer Tätigkeiten verstärkt wird. Warum bestimmte Tätigkeiten negative Gefühle hervorrufen, wird von den Betroffenen zu wenig hinterfragt. Leistungsanforderungen sind häufig mit Versagensängsten verbunden, eigene Leistungsansprüche sind möglicherweise zu hoch gesteckt und Zielsetzungen unrealistisch. Ersatzhandlungen wie Medienkonsum haben überdies häufig vordergründig unmittelbar positive Konsequenzen. Nachteilige negative Konsequenzen wie Versagen, Depression oder Einsamkeit treten hingegen erst langfristig auf und sind damit weniger verhaltensbestimmend.

Für Studienleiter und Klinikdirektor Manfred Beutel sind die Studienergebnisse Anlass, um zu handeln: „Aufgrund der steigenden Häufigkeit derartiger Krankheitsverläufe haben wir ein spezielles Behandlungsangebot für junge Erwachsene mit Prokras­tinationsverhalten entwickelt“, erläutert er.

Die Studie zeigte, dass dies vor allem für junge Menschen in Schule oder Studium zutrifft. Doch was sind die Gründe dafür? 

 

Zeitmanagement gegen Prüfungsstress

Dass das Medizinstudium im Vergleich zu den meisten anderen Studiengängen eines der lernintensivsten ist, dürfte kaum jemanden überraschen. Allerdings kann sich angesichts des Lernpensums schnell eine leichte Panik breit machen. Konsequentes Zeitmanagement kann dem Studium die nötige Struktur geben.

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Offenbar gibt ein Beschäftigungsverhältnis eine feste Struktur und Orientierung. Ein Studium erfordert hingegen mehr Selbstorganisation und -disziplin. Doch junge Menschen befinden sich in einem Alter, in dem sie die Zeit als scheinbar unbegrenzt empfinden und ihnen vielfach Gewissenhaftigkeit nicht so wichtig ist. Sie leben in dem Gefühl, dass ihnen das Leben und eine Zukunft offenstehen, die ihnen schier unzählige und vielfältigste Möglichkeiten und Chancen bieten. Der Studienanfänger sieht sich beispielsweise vor die Wahl aus tausenden Studiengängen gestellt. Zudem sind Erwerbsbiographien weniger geradlinig und planbar geworden. Beides kann viele Menschen überfordern und zu einer Prokrastination beitragen. 

Spezielles Behandlungsangebot entwickelt

Für Studienleiter und Klinikdirektor Professor Beutel Anlass genug, um zu handeln: „Aufgrund der steigenden Häufigkeit derartiger Krankheitsverläufe haben wir ein spezielles Behandlungsangebot für junge Erwachsene mit Prokrastinationsverhalten entwickelt. Im stationären Rahmen und der damit verbundenen Struktur dienen aufeinander abgestimmte einzel- und gruppentherapeutische Behandlungselemente der Überwindung der Prokrastination und damit verbundenen, oft tiefgreifenden Entwicklungsblockaden. Der Teufelskreis aus Aufschieben, Vermeidung, Versagensgefühlen, Erschöpfung und Depression wird in der stationären Behandlung sorgfältig aufgearbeitet.“ So konnte beispielweise auch dem jungen Mann aus dem Fallbeispiel geholfen werden: Während seiner Behandlung in der psychosomatischen Klinik normalisierte er seinen Tagesablauf und setzte sich klare und realistische Ziele, die er Schritt für Schritt umsetzte. So klärte er seine Studiensituation beim Prüfungsamt und führte ein offenes Gespräch mit seinen Eltern. 

Für die Wissenschaftler des Schwerpunkts Medienkonvergenz birgt die Studie darüber hinaus weiteres Erkenntnispotenzial: Sie wollen künftige Auswertungen der Studie dazu nutzen, um zu erfahren, inwieweit sich die Nutzung des allseits präsenten Online-Angebots an Ablenkungen durch Computer und Smartphone auf Prokrastination auswirkt. 

 

Quelle: Universitätsmedizin Mainz

Originalpublikation: Beutel, M. E., Klein, E. M., Aufenanger, S., Brähler, E., Dreier, M., Müller, K.W., Quiring, O., Reinecke, L., Schmutzer, G., Stark, B., Wölfling, K. (2016). Procrastination, Distress and Life Satisfaction Across the Age Range – A German Representative Community Study. PLOSONE. [in press] 

DOI: 10.1371/journal.pone.0148054

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