"Kuschelhormon" Oxytocin: Geschlechtsspezifische Wirkung

Oxytocin verstärkt die Zustimmung zu Lob oder Kritik. Forscher aus Chengdu (China) und Bonn fanden nun heraus, dass das Hormon sehr unterschiedlich auf Männer und Frauen wirkt.

Paar beim Schaukeln

Das Hormon Oxytocin beeinflusst Frauen und Männer auf unterschiedliche Art und Weise. | Syda Productions/Fotolia

Das Hormon Oxytocin hat eine wichtige Bedeutung bei der Geburt, beeinflusst aber auch das Verhalten zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Geschlechtspartnern. Es stärkt die Bindung von stillenden Müttern an ihre Säuglinge, hilft Ängste zu bewältigen und stärkt die Paarbeziehung. „Oxytocin erhöht allgemein die Sensitivität für soziale Reize“, sagt Prof. Dr. René Hurlemann von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. Der Botenstoff spiele insbesondere auch für den ersten Eindruck, den neue Bekanntschaften hinterlassen, eine große Rolle. Lernt man zum Beispiel bei einer Party neue Leute kennen, kann auch das Oxytocin mit darüber entscheiden, ob aus den zuvor Unbekannten neue Geschäfts- oder sogar Ehepartner werden.

Der Frage, ob das Hormon bei Männern und Frauen auf die gleiche Art und Weise wirkt, gingen nun Wissenschaftler um Prof. Dr. Keith M. Kendrick von der University of Electronic Science und Technology of China in Chengdu zusammen mit Prof. Hurlemann nach. Die Forscher zeigten Frauen und Männern Fotos von verschiedenen Personen und Objekten. Zu den Bildern wurden Aussagen eingeblendet, die entweder einen sehr positiven, lobenden Charakter oder einen sehr kritisierenden, negativen Inhalt hatten. Die 80 Studienteilnehmer sollten Auskunft darüber geben, ob ihnen die jeweilige Meinungsäußerung der auf den Fotos gezeigten Personen sympathisch oder unsympathisch war.

Erhöhte Amygdala-Aktivität unter Oxytocineinfluss

Die Probanden erhielten entweder Oxytocin über ein Nasenspray verabreicht oder ein Placebo. Im Magnetresonanztomographen beobachteten die Forscher außerdem die Gehirnaktivität, besonders des Mandelkerns (Amygdala). Diese Struktur in den Schläfenlappen übernimmt die emotionale Bewertung von Informationen, die auch im menschlichen Miteinander eine Rolle spielen. Unter Oxytocineinfluss war bei allen Teilnehmern die Aktivität der Amygdala erhöht. „Jedoch hatte Oxytocin auf die beiden Geschlechter sehr unterschiedliche Effekte hinsichtlich der Präferenz“, sagt Prof. Hurlemann.

Das Hormon verstärkte bei Frauen deutlich die Sympathie für Personen, die mit lobenden Aussagen verbunden waren. Bei den Männern steigerte Oxytocin hingegen die Zustimmung zu Fotos, die mit sehr kritischen Meinungsäußerungen in Zusammenhang gebracht wurden. „Das ist ein überraschender Befund, den Oxytocin wirkt ansonsten bei Frauen und Männern in vielen Situationen sehr ähnlich“, berichtet Prof. Hurlemann.

Männer vom Konkurrenzgedanken angetrieben

Nach den Vermutungen der Forscher kommen bei diesen Ergebnissen zwei unterschiedliche, geschlechtsspezifische Modelle zum Tragen, die in der Wissenschaft schon seit Längerem diskutiert werden. In sozialen Gruppen fühlen sich Frauen eher wohl und betonen stärker die positiven Aspekte. Männer hingegen fürchten viel mehr die Konkurrenz durch ihre Artgenossen und scheinen deshalb emotional negativer getönt. „Diese Tendenz scheint das Oxytocin zu verstärken“, fasst Prof. Hurlemann zusammen. „Frauen fühlen sich unter dem Einfluss des Hormons nicht so schnell bedroht wie Männer.“

Quellen: Universitätsklinikum Bonn, Wikipedia.org, Publikation: Oxytocin, the peptide that bonds the sexes also divides them, Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).