Interview mit einem Überzeugungstäter - Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen

Tankred Stöbe ist Internist, Rettungsmediziner und überzeugter Notfallmediziner für Ärzte ohne Grenzen. Im Interview sagt er, wie ein Einsatz abläuft und verrät, warum seine Frau mit seinem vorgeschlagenen Auslandsziel "Afghanistan" letztlich überaus einverstanden war.

Tankred Stöbe

Wurde für seien Einsatzbereitschaft von der Bundesärztekammer mit der Paracelsus-Medaille 2016 ausgezeichnet. | Barbara Sigge

Herr Stöbe, Ihren ersten Einsatz für Ärzte ohne Grenzen, haben Sie mit 33 Jahren absolviert. Sie haben zu dieser Zeit als Notarzt und Intensivmediziner am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen ins Ausland zu gehen?

Nach einigen Jahren klinischer Tätigkeit in der Akutmedizin merkte ich, dass ich etwas ändern wollte und besann mich auf meine Studentenzeit. Während Famulaturen in Kenia, Lesotho und Indien hatte ich mir vorgenommen, erst wieder in strukturarmen Ländern zu arbeiten, wenn ich mit besserer Kenntnis etwas beitragen könnte. Ich bewarb mich bei Ärzte ohne Grenzen, kündigte meine Assistenzarztstelle, verstaute meine Habseligkeiten in verschiedenen Kellern, meldete mein Auto ab und zog los. Die beste Entscheidung meines Lebens!  

Wo gings bei Ihrem ersten Auslandseinsatz hin? Wie haben Sie ihn erlebt?

Das erste Projekt führte mich in den Urwald von Myanmar, dort haben wir 10 Vertriebenen-Dörfer mit Medikamenten, medizinischem Material und Training unterstützt. Wir haben über 10.000 Patienten mit akuter Malaria behandelt, aber auch alle anderen Krankheiten, wie Dengue-Fieber, Schlangenbisse, Wildschweinverletzungen oder Kriegswunden durch die Rebellen-Kämpfe. Es war ein dramatischer Wechsel von der sterilen Intensivmedizin in Deutschland zum Dschungel-Leben, in der Regenzeit blieben wir oft mit den Geländewagen auf den Schlammpisten stecken. Auch mit Rebellen zu verhandeln, musste ich lernen, oder die ungewöhnlichen Delikatessen des Waldes zu genießen. Am vielleicht eindrucksvollsten war für mich, wie ich mit den basalen ärztlichen Tugenden einer guten Anamnese und körperlichen Untersuchung in über 85% der Fälle zur richtigen Diagnose finden kann, das schulte meine klinischen Fähigkeiten.

Ab welchem Abschnitt der medizinischen Ausbildung würden Sie Interessierten eine Tätigkeit für Ärzte ohne Grenzen empfehlen?

Zwei Jahre praktische ärztliche Tätigkeit sind Voraussetzung für einen Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen. In jungen Jahren ist die Freiheit und Unabhängigkeit oft noch größer, ins Ausland zu gehen, wenn die Einbindung in eine Klinik oder Praxis und auch die Familiengründung noch ausstehen. Aber jeder soll für sich entscheiden, wann es passt. Auch ältere Kollegen können eine große Bereicherung für ein Team sein. Wichtig: Für jeden ist gerade im ersten Projekteinsatz viel Neues zu lernen, daher sind Offenheit und Neugier hilfreich.

Der Einsatz katapultiert einen gewöhnlich in ein völlig anderes kulturelles, technisches und religiöses Umfeld. Welche psychischen und sozialen Vorrausetzungen muss man mitbringen?

Etwas Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aber auch Empathie und Offenheit gegenüber fremdem Leid sind wertvolle Voraussetzungen. Teamfähigkeit ist sehr wichtig, weil nur eine funktionierende Arbeitsgemeinschaft in Krisengebieten etwas erreichen kann. Und bei allem Leid kann in der Gruppe auch die Freude geteilt werden.

Wie genau läuft ein Auslandseinsatz ab, wie lange ist man unterwegs, was tut man genau?

Wenn die Bewerbung erfolgreich war, nenne ich einen verbindlichen Termin, ab wann ich verfügbar bin. Dann sucht Ärzte ohne Grenzen in den 400 Projekten in über 70 Ländern nach einer passenden Position und bietet diese an. Im Idealfall kann es dann nach einer Vorbereitungswoche in Bonn, Impfungen und Briefings losgehen. Das erste Projekt sollte 9-12 Monate dauern. Je nach Qualifikation werde ich entsprechend eingesetzt, wobei ich immer vieles mache, was ich neu lernen muss und da ist oft Improvisationstalent und Fantasie gefragt. In der humanitären Hilfe gibt es selten Ideallösungen aber oft Kompromisse, die das Elend ein bisschen weniger unerträglich machen und das allein ist dann schon ein Erfolg.