Experte im Gespräch: Prof. Fritsche über Diabetes

Prof. Dr. Andreas Fritsche ist Inhaber des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin und Prävention im Bereich Diabetologie des Universitätsklinikums Tübingen. Im Interview erzählt er, warum die Diabetologie eine der schwierigsten Disziplinen innerhalb der Inneren Medizin ist und wie Assistenzärzte trotzdem zu Erfolgserlebnissen kommen.

Experte für Diabetes: Prof. Dr. med. Andreas Fritsche | Privat

Herr Prof. Fritsche, viele Studierende der Medizin stellen sich vor der Weiterbildung die Frage, in welche Richtung es gehen soll. Wie kam es dazu, dass Sie sich für den Fachbereich Diabetologie entschieden haben?

Für die Diabetologie habe ich mich interessiert, weil Diabetes eine weit verbreitete Erkrankung ist. Sie betrifft sechs bis acht Millionen Deutsche, also fast jeden zehnten. In einer Klinik der Maximalversorgung, wie in der Universitätsklinik Tübingen, hat circa ein Drittel aller Patienten Diabetes. Es ist interessant und gleichzeitig für den Patienten schlimm, dass die Erkrankung sehr viele Organsysteme betrifft. Die Pathophysiologie ist kompliziert und teils noch ungeklärt, auch die Therapie ist sehr komplex und interdisziplinär. Das macht die Diabetologie für mich so interessant. 

Hat sich die Zahl Diabetes-Erkrankter in Deutschland in den vergangenen Jahren erhöht? Was ist die Ursache, eine mangelhafte Ernährung?

Ja, die Anzahl der Diabetes-Erkrankten nimmt zu. Dies trifft für Deutschland zu, aber vor allem für Länder der zweiten und dritten Welt wie Indien, China, Mexiko und Länder des arabischen Raumes. Es wird immer die Ernährung als Hauptursache angeführt. Das ist aber zu einfach gedacht. Der wichtigste Faktor für die zunehmenden Diabeteserkrankungen ist, dass unsere Bevölkerung immer älter wird. Das Alter ist der stärkste Risikofaktor für eine Typ-2-Diabeteserkrankung. Faktoren wie Bewegung und Ernährung sind für Herzerkrankungen oder Kreislauferkrankungen genauso wichtig wie für die Diabeteserkrankung. Seltsamerweise wird eine falsche Ernährung immer hauptsächlich mit Diabetes in Verbindung gebracht. 

Diabetes ist aber viel komplexer als die einfache Ernährungserkrankung, als die es häufig gesehen wird. Auch Demenzerkrankungen können beispielsweise mit Diabetes zusammenhängen. In der Schwangerschaft gibt es Probleme mit vorbestehendem Diabetes, es gibt den neu in der Schwangerschaft auftretenden Gestationsdiabetes, bei Diabetes kann es Augen-, Nieren-, Nerven- und Gefäßprobleme geben. Es gibt sehr viele Faktoren, die man miteinbeziehen muss, wenn man Diabetes-Erkrankte betreut. Man darf die Erkankung nicht auf das Kalorienzählen reduzieren.

Gibt es Fortschritte im Bereich der Therapie der Krankheit? Hat sich die Behandlung in den letzten Jahrzehnten verändert? 

Wenn man sich die medikamentöse Therapie anschaut: da gab es vor zwanzig, dreißig Jahren Insulin und ein bis zwei Wirkstoffe in Tablettenform. Und jetzt hat man sowohl mindestens fünf unterschiedliche orale Therapiemöglichkeiten, als auch unterschiedliche Insulinsorten und Insulintherapien zur Verfügung. Damit ist die Therapie von Diabetes Typ 1 und Typ 2 sehr viel besser geworden. 

Können Sie etwas zu dem Arbeitsalltag auf Ihrer Station sagen. Wie ist die Organisation, wie sind die Arbeitszeiten, wie findet der Austauscht mit den Patienten statt?

Diabetes zeigt sich in vielen unterschiedlichen Symptomen, daher muss der behandelnde Arzt sehr interdisziplinär denken. In unserer Klinik ist die Versorgung so organisiert, dass wir eine Diabetes-Spezialstation haben, wo die Patienten Montags aufgenommen werden und Freitags entlassen werden. Wir verfolgen ein besonderes Konzept: Patienten und Ärzte sitzen zusammen am Tisch und wir therapieren teilweise in der Gruppe. So entsteht ein möglichst großer Lerneffekt und eine möglichst große Motivation beim Patienten, aber auch beim Assistenzarzt oder der Assistenzärztin. Es ist auch sehr vorteilhaft, dass nach Entlassung der Patienten eine – wenn auch begrenzte – ambulante Nachbetreuung durch die gleichen Ärzte erfolgt. Der Assistenzarzt sieht die chronischen Patienten also sowohl akut, auf der Station, als dann später auch in der Spezialambulanz. Dadurch erfährt er: wirkt die Therapie, die ich angesetzt habe, oder muss man da noch Korrekturen machen. 

Wie sieht es aus mit Erfolgserlebnissen in der therapeutischen Praxis der Diabetologie. Was motiviert Assistenzärzte bei Ihnen auf der Station? Was motiviert Sie selbst?

Eine unmittelbare Erfolgskontrolle findet statt, wenn Sie die Patienten ambulant wiedersehen. Meistens geht es ihnen dann besser durch unsere Therapie. Außerdem findet ein ausführliches Aufnahme- und Entlassungsgespräch statt, bei dem der Arzt und der Assistenzarzt zusammen mit dem Patienten die Therapie besprechen und festlegen. Die „Entlassungszeremonie“, so würde ich das Entlassungsgespräch fast nennen, ist ein sehr großes Erfolgserlebnis für die Assistenzärzte, weil sich die meisten Patienten sehr nett bedanken. Da hat man dann ein anderes Feedback als von Notfallpatienten, die zwei, drei Tage behandelt werden.  

Wen man sich für eine Weiterbildung in der Inneren Medizin interessiert: welche Fähigkeit sollte man mitbringen, um in der Diabetologie tätig zu werden? Wie treffen Sie die Auswahl bei potenziellen Bewerbern?

Speziell bei uns in der Universitätsklinik ist Mitvoraussetzung, dass man auch wissenschaftlich interessiert ist. Aber allgemein in der Diabetologie ist aus meiner Sicht Voraussetzung, dass man sich für pathophysiologische Grundlagen interessiert. Man muss komplizierte Stoffwechselvorgänge und ihre Interaktionen durchblicken. Dies ist das, was eben auch ein Endokrinologe können muss: In Prozessen denken und komplizierte Zusammenhänge durchdringen. Intellektuell halte ich die Diabetologie für eine der schwierigsten Disziplinen in der Inneren Medizin, weil die Zusammenhänge so kompliziert sind. Außerdem muss man den Patienten motivieren und führen können, weil es sich um eine chronische Krankheit handelt. 

Sie nennen das Alter als wichtige Ursache für die Diabetologie, dieses nimmt in unseren westlichen Gesellschaften zu. Was müsste passieren, damit die Patientenzahlen sinken?

Sie fragen mich als Präventionsmediziner. Es gibt zwei Arten der Prävention: die Verhaltensprävention und die Verhältnisprävention. Die Verhältnisprävention ist vor allem auch Sache der Politik und der Gesellschaft. Unser Lebensumfeld muss so verändert werden, dass es gesünder wird. Hierzu gehören Maßnahmen, um die stark gezuckerten Lebensmittel zu reduzieren, aber auch eine gesunde Umwelt zu bieten, mehr Möglichkeiten sich zu bewegen zu schaffen, eine gesündere Luft in Städten zu erwirken. In der Verhaltensprävention geht es um den einzelnen Menschen. Da gilt wie für jedes ärztliche Tun: ich muss die mit dem größten Krankheitsrisiko ausgestatteten Menschen finden. Das ist Teil unserer Forschung, die Gruppen mit dem höchsten Diabetesrisiko zu identifizieren. Dann muss diesen gefährdeten Menschen durch spezifisch angepasste und individuelle Präventions- und Behandlungsprogramme geholfen werden. 

Herr Prof. Fritsche, vielen Dank für das Gespräch.

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