Experte im Gespräch: Dr. Kästner über Risikogeburten und die Anforderungen für Fachärzte in der Geburtshilfe

Dr. Ralph Kästner ist Oberarzt am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Abteilung für Geburtshilfe. Im Interview spricht er über seine komplizierteste Entbindung in diesem Jahr, die Zukunft der Frauenheilkunde und worauf er bei der Bewerbung für die Assistenzarztausbildung Wert legt.

Dr. Ralph Kästner | Klinikum der Universität München

Herr Dr. Kästner, Sie sind Oberarzt in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Uniklinik München und besitzen im Bereich der Risikogeburten eine große Expertise. Wie kam es, dass Sie sich gerade in diesem Spezialgebiet so gut auskennen? 

Ich denke, wenn man eine Arbeit 25 Jahre lang mit einer Kombination aus Verstand und Herz ausführt, wächst die Erfahrung zwangsläufig. Bei mir war es so, dass mich dieser Bereich der Medizin und des Lebens und auch besonders die psychosomatischen Anteile dabei sehr interessiert haben und sich dieses Interesse in einer so renommierten Klinik sehr gut erfüllen ließ.

Welche Vorteile hat man als Mann bei der Geburtshilfe? Gibt es Aufgaben, die vorzugsweise Ihre Kolleginnen übernehmen?

In der Geburtshilfe meiner Klinik arbeiten oberärztlich ein Mann und zwei Frauen, darüberhinaus zwei Funktionsoberärztinnen. Nein, ich sehe keine Vorteile als Mann in der Geburtshilfe. Ich finde es ideal wenn männliche und weibliche Haltungen sich wohlwollend ergänzen.

Bei intimen Untersuchungen bitte ich IMMER eine Frau dazu, dies ist bei meinen Kolleginnen oft nicht erforderlich.

Es gibt nicht wenige Schwangere, die z.B. sexuelle Gewalt durch Männer erlebt haben, die nur von Frauen behandelt werden sollen. Auch Schwangere aus dem islamischen Kulturkreis lehnen manchmal eine Behandlung durch männliche Ärzte ab. Wir richten uns möglichst danach.

Was war die komplizierteste Entbindung in diesem Jahr für Sie?

Eine Schwangere, die bereits zwei Kinder geboren hatte. Das erste durch Kaiserschnitt, das zweite vaginal. Nun lag das Kind quer und die Plazenta reichte bis knapp an den Muttermund heran (Plazenta prävia marginalis). Daher musste wiederum ein Kaiserschnitt durchgeführt werden. Vorher hatten wir im Ultraschall eine sehr gut durchblutete Gebärmutter gesehen und uns bereits auf eine verstärkte Blutung eingestellt. 

Bei der Operation haben wir aber erst erkannt, dass die Gebärmutter weitgehend von der Plazenta durchsetzt war, auch an Stellen an denen die eigentliche Plazenta weit entfernt war. Es blieb nichts anderes übrig als die Operation zu erweitern und die Gebärmutter komplett zu entfernen. Es hat sehr stark geblutet, insgesamt hat sie etwa sieben Liter Blut verloren, Gott sei Dank hat sie sich durch intensive Substitution mit Blutprodukten und Gerinnungsfaktoren gut stabilisieren und letztlich retten lassen. Dem Kind geht es gut, der Mutter mittlerweile auch wieder. 

Ich war sehr dankbar, in dieser großen Klinik für derartige Notfälle genügend Reserve an Personal und auch an Blutkonserven und anderem Material zu haben.

Wenn man die beiden Jahreszahlen 1916 und 2016 vergleicht: Was glauben Sie ganz grob geschätzt: Wie viele Säuglinge können heutzutage im Vergleich zu früher dank der technischen Voraussetzungen und dem breiteren Wissen der Ärzte gerettet werden? 

1916 wurde unsere Klinik in der Maistraße eröffnet! Die Kindersterblichkeit ist seither wirklich erheblich gesunken. Vor allem die extrem kleinen Frühgeborenen können dank der Entwicklung in der Neonatologie oft schon gerettet werden, wenn 1916 noch nicht mal davon gesprochen wurde, dass überhaupt ein Mensch geboren wurde. Die Zeiten lassen sich überhaupt nicht vergleichen. Die Kaiserschnittrate ist dafür 30 mal so hoch, heute deutschlandweit fast bei einem Drittel aller Gebärenden – welch eine Fehlentwicklung. Die psychosozialen Folgen der extremen Machbarkeitsgefühle in der Perinatalmedizin für die Kinder und Familien werden leider oft unterschätzt.

Mittels pränataler Diagnostik, im wesentlichen durch spezialisierte Ultraschalluntersuchungen, lässt sich der Zustand des Feten oft sehr präzise einschätzen. Dadurch können Kinder gerettet werden, die im Mutterleib in Not geraten und Schaden nehmen oder sterben würden. Andererseits entsteht auch oft durch Befunde aus der Pränataldiagnostik eine erhebliche Verunsicherung bei den werdenden Eltern und es resultieren unnötige Interventionen. Letztlich ist kaum bekannt, wie sich diese Zweifel und Sorgen auf die weitere Beziehung der Eltern mit ihren Kindern auswirken.

Die Geburtenzahl sinkt in Deutschland, der Anteil an alten Menschen steigt. Wie sehen Sie die Zukunft für Ärzte und Ärztinnen der Geburtenhilfe?

Ich mache mir da keine Sorgen. Immer wenn einer Gesellschaft der Nachwuchs verloren geht oder verloren zu gehen droht, finden sich Steuermechanismen um die Menschen wieder zur Elternschaft zu ermutigen. Wir haben dies in Frankreich deutlich gesehen. Schwangere wird es immer geben und wir betreuen ja auch gerne die fliehenden oder zureisenden Menschen in Not. Hier gibt es darüber hinaus besondere medizinische und auch kulturelle Herausforderungen, so dass meines Erachtens eher ein Mehrbedarf an Ärztinnen und Ärzten in der Geburtshilfe zu erwarten ist.