Experte im Gespräch: Dr. Berberich über Zwangsstörungen und die psychosomatische Medizin

Dr. med. Götz Berberich ist Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Windach. Er ist Prüfer der Bayerischen Landesärztekammer und Lehrbeauftragter für Psychosomatische Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Interview spricht er über Zwangsstörungen, die Zusammenarbeit mit Psychologen an der Klinik Windach und die Herausforderung für angehende Psychotherapeuten und Therapeutinnen.

Dr. med. Götz Berberich | Martin Bursch

Herr Dr. Berberich, Sie arbeiten als Mediziner in einer Psychosomatischen Klinik und stehen in engem Austausch mit dort beschäftigten Psychologen. Wie profitieren Sie von den Einschätzungen Ihrer Kollegen aus dem Fachbereich der Psychologie?

Das Konzept der Kooperation von Ärzten und Psychologen in einem Krankenhaus unter der Leitung eines Facharztes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie stammt bereits aus den Anfangsjahren der Psychosomatischen Klinik Windach, ist also bereits 40 Jahre alt und hat sich sehr bewährt. Sowohl die psychologischen als auch die ärztlichen Kollegen arbeiten letztlich als Psychotherapeuten, wobei jede Berufsgruppe ihre besonderen Stärken einbringen kann. Während die Ärzte also Spezialisten für die somatische Medizin und Pharmakotherapie sind, bringen die Psychologinnen und Psychologen ihre besonderen Kenntnisse aus dem Bereich der psychologischen Grundlagenfächer mit (z.B. differentielle oder Emotions- und Kognitionspsychologie) und kennen sich auch besonders gut in Testtheorie, Psychometrie und Statistik aus. Aber auch die Sozialisation im Studium läuft anders. So ist bei den Ärzten in der Regel mehr der Gedanke der optimalen Versorgung der Patienten verankert, während Psychologen die therapeutische Beziehung von vorneherein mehr in den Fokus stellen. Letztlich können wir alle voneinander lernen. Dieser stete Austausch belebt die Arbeit und verbessert die Qualität.

Gibt es manchmal Abstimmungsschwierigkeiten bei komplexen Fällen? Wie werden sie gelöst?

Natürlich gibt es in einem Behandlungsteam immer wieder Abstimmungsschwierigkeiten, jedoch eher selten zwischen Psychologen und Ärzten. Überhaupt ist die Zusammenarbeit der Berufsgruppen – hier ist ja auch an Physiotherapeuten, Kunst- und Körpertherapeuten, Sozialtherapeuten etc. zu denken – relativ unkompliziert und bereichernd. Die Abstimmungsschwierigkeiten haben häufig mit der Pathologie der Patienten zu tun. Ganz zentral ist daher eine Kommunikationskultur in der Klinik und insbesondere auf den Stationen aufrecht zu erhalten mit regelmäßigen Stationsbesprechungen (Kurvenvisiten), Gruppensupervisionen und Fallbesprechungen.

Fachärzte der Psychosomatik lassen sich oft nieder, Sie selbst bevorzugen als Arbeitsort eine Klinik. Aus welchem Grund?

 Der Unterschied zwischen einer Psychosomatischen Klinik und einer Praxis ist im Grunde noch größer als die Unterschiede zwischen unterschiedlichen Behandlungsverfahren (tiefenpsychologisch bzw. psychoanalytisch vs. verhaltenstherapeutisch). Die Klinik bietet vor allem die Möglichkeit des intensiven Austausches mit Kollegen. Wir behandeln immer im Team. Dadurch wird das Behandlungsgeschehen komplexer, oft auch interessanter, jedoch in der Regel weniger belastend. Viele erfahrene Kollegen in unserer Klinik bevorzugen wie ich die Klinik aufgrund der Präsenz eines haltgebenden, ausgleichenden und reflektionsverstärkenden Teams. Salopp gesagt: Es macht viel mehr Spaß im Team zu arbeiten und tatsächlich lachen wir auch eine Menge in unserer Klinik.

Sie wurden uns als Experte für Zwangsstörungen empfohlen, sind in der Focus-Ärzteliste 2016 gerade erst auch für die beiden Bereiche Depression und Bipolare Störung als renommierter Arzt ausgezeichnet worden. Was würden Sie sagen, bei welcher der drei Krankheiten kann man sich als Lernender am schnellsten einen Überblick verschaffen?

Die größte Diagnosegruppe in unserer, wie in fast allen psychosomatischen Kliniken, ist die Depression. Natürlich gibt es hier einen weiten Bereich von Ausprägungsgraden und Spielarten, trotzdem sind depressive Patienten, vor allem bei geringer Bedeutung von Komorbiditäten, auch für Anfänger meist recht gut zu behandeln. Mit den bipolaren Störungen kommt dann noch die Problematik der manischen Symptomausprägung und der komplizierteren psychopharmakologischen Behandlung hinzu. Zwangsstörungen sind an sich relativ komplex. Allerdings haben wir in unserer Klinik den Vorteil, dass das Behandlungskonzept sehr klar strukturiert ist, so dass auch junge Kollegen durch die Einbettung in das Behandlungsteam einen schnellen Kompetenzzuwachs erreichen können.

In den U.S.A. hat psychotherapeutische Betreuung Tradition. Aber auch in Deutschland ist es inzwischen gesellschaftlich akzeptierter sich Rat zu suchen. Zeigt sich diese Tendenz auch in den Patientenzahlen Ihrer Klinik?

Gott sei Dank reduzieren sich langsam die Vorbehalte gegenüber Psychotherapie, so dass zum einen Patienten schneller und weniger chronifiziert in die Behandlung finden und zum anderen hinterher auch weniger Befürchtungen haben, über ihre Psychotherapie zu sprechen. Bei den Patientenzahlen unserer Klinik zeigt sich das insofern nicht, als wir ohnehin bereits seit kurz nach der Eröffnung der Klinik immer voll belegt sind und die Patienten – leider – bei einigen Indikationen auch mit Wartezeiten rechnen müssen. Durch die massive Aufstockung von psychotherapeutischen Behandlungsplätzen auch im stationären Bereich in den letzten Jahren ist die Situation aber besser geworden.