Chinesisches Gesundheitswesen: Patienten kontra Ärzte

Chinas Gesundheitswesen befindet sich im Umbruch. Der Staat will 1,3 Milliarden Chinesen versorgen – eine Mammutaufgabe.

Chinesische Mauer

In ländlichen Regionen ist die medizinische Versorgung oft noch mangelhaft in China. | CC0 Public Domain

Das einstige Entwicklungsland China ist in einer rapiden Transformation zur Handelsmacht und zweitgrößten Volkswirtschaft nach den USA aufgestiegen. Doch beim Thema Gesundheit trennen die beiden dominierenden Großnationen unserer Tage Welten. Während sich die USA das kostspieligste Gesundheitssystem der Welt erlauben (17,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts flossen 2014 in Gesundheit; Quelle: WHO), zählt China zu den Investitionsschlusslichtern (5,5 Prozent).

Gerade einmal 1,49 Ärzte stehen für die Betreuung von 1 000 Menschen zur Verfügung. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 3,89, in den USA 2,45. Obwohl sich auch in China die Lebenserwartung der Menschen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich nach oben korrigiert hat, liegt sie immer noch weit unter dem Westniveau. Chinesen sterben deutlich früher, im Durchschnitt mit 75 Jahren.

Das Prinzip der Gesundheitsversorgung hat große Defizite

Kleinere Kliniken in Dörfern und Gemeinden kümmern sich um die Basisversorgung. Bislang geschieht dies vielerorts aber lediglich auf sehr niedrigem Niveau. Praxen gibt es kaum. Kommunale Gesundheitszentren sind Anlaufstelle für die etwas anspruchsvolleren Fälle, so zumindest die Theorie. Doch etabliert sind diese Versorgungszentren erst seit einigen Jahren, durchgesetzt haben sie sich noch nicht. Dort werden die Patienten ambulant betreut, es gibt aber auch Betten für die stationäre Aufnahme. Das Problem: Auch hier sind die Versorgungsstandards bislang nicht hoch, entsprechend ist der Ruf der Einrichtungen und der dortigen medizinischen Versorgung schlecht.

Die Chinesen zieht es deshalb in die größeren, besser ausgestatteten und spezialisierteren Krankenhäuser in den Städten. Hier variieren Qualität und Ausstattung ebenfalls erheblich, doch in den wohlhabenden Großstädten sind die Standards – im Vergleich zum Land – inzwischen oft gut. Doch: Dass sich die Bürger im Ernstfall fast überwiegend in den Städten statt vor Ort versorgen lassen, ist teuer. Der Kostenapparat der großen Kliniken belastet das System. Gleichzeitig überlastet der Andrang die städtischen Ressourcen. Immer mal wieder gab es Bestrebungen von Provinzregierungen, Patienten zunächst in die ortsnahe Versorgung zu lotsen, doch bislang war dies wenig erfolgreich. Die medizinische Versorgung in den ländlichen Regionen ist qualitativ schlicht noch zu schlecht.

Die politische Führung des Landes reagiert auf die Defizite. Seit dem Jahr 2009 vollzieht die Regierung einen massiven, sukzessiven Umbau des Gesundheitssystems – und blickt dabei auf die Gesundheitssysteme im Westen. Übergeordnetes Ziel ist es, der gesamten Bevölkerung landesweit einen bezahlbaren Zugang zu einer qualitativ guten Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Bis zum Jahr 2020 soll dieses Ziel erreicht sein. Das Investitionsvolumen ist enorm, es liegt bei mehreren hundert Milliarden Euro im Jahr.

Erste, deutliche Verbesserungen sind spürbar

Innerhalb relativ kurzer Zeit sind durch die teils staatlich subventionierte Krankenversicherung 95 Prozent der Bevölkerung zumindest grundversichert. Die Bürger werden entweder über ihren Arbeitgeber oder mit Hilfe des Staates abgesichert. Noch vor wenigen Jahren war das Bild ein völlig anderes: 2003 hatten lediglich 30 Prozent der Chinesen eine Krankenversicherung. Sukzessive hat die Regierung auch den Umfang der Versorgungsleistungen ausgeweitet. In Zukunft sollen weite Teile aller anfallenden Gesundheitskosten getragen werden: Ziel ist es, dass 80 Prozent der Krankheitskosten übernommen werden und lediglich noch ein Eigenanteil von 20 Prozent übrig bleibt. 

Neben der Krankenversicherung ist die Versorgungsstruktur ein zentraler Reformbaustein. Kernziel ist es, die Versorgungsschere zwischen den oft armen, ländlichen Regionen und den stadtnahen Gebieten und Metropolen zu schließen. Um die medizinische Versorgung vor Ort zu verbessern, soll ein gut ausgestattetes Primary-Care-System aufgebaut werden und ein landesweites Netz mit Gesundheitszentren und Kliniken entstehen. In die Modernisierung der maroden Krankenhäuser wird erheblich investiert, ebenso in die Ausbildung zusätzlichen ärztlichen Personals. Auch die Liberalisierung des Medikamentenmarktes ist fester Bestandteil der Reform.

Dennoch: Noch sind die Bürden für Chinas Bürger in jeder Hinsicht hoch. Um einen Arzt zu Gesicht zu bekommen, müssen sie nicht nur Zeit und Wegstrecke investieren, sondern stets auch Geld. Jeder Krankenhausaufenthalt stellt für Chinesen ein finanzielles Risiko dar. Wer in Behandlung muss zahlt, selbst wenn er versichert ist, einen erheblichen Teil der Kosten selbst. Bürgern, die an schweren Krankheiten wie Krebs erkranken, droht aufgrund der in weiten Teilen selbst zu tragenden Behandlungskosten der Ruin.

Neben dem schwierigen Zugang zur ärztlichen Versorgung sind horrende Arzneimittelkosten ein weiteres zentrales Problem des Landes. Dazu beziehungsweise in einem Atemzug gesellen sich: Bestechung und Korruption. Das großzügige Verschreiben von Medikamenten ist für Kliniken und Mediziner eine lukrative Nebeneinnahme. Und um in einem der überbelegten Krankenhäuser gut behandelt zu werden, muss häufig ein Schmiergeld gezahlt werden. Offiziell ist dies verpönt, seit dem Jahr 2014 sogar verboten. Doch jeder weiß, dass es nur so funktioniert. Wer kann, hat beim Klinikbesuch einen „hongbao“ in der Hand, einen roten Umschlag, in dem sich ein Geldbetrag von mehreren Hundert Euro befindet. Gerade vor Operationen ist es tägliche Praxis, dass Patienten den roten Umschlag ziehen. Studien zeigen: Die meisten Ärzte greifen zu.

Die Folge dieser Systemmängel: Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist in China massiv gestört

Zwischen Ärzten und Patienten herrscht ein tiefes Misstrauen. Die Lage ist in jüngerer Vergangenheit eskaliert. Immer wieder gibt es Berichte von Übergriffen auf Mediziner – der Frust der Bevölkerung entlädt sich. Ärzte werden von Patienten beleidigt, bespuckt, gar geschlagen und angegriffen. Die Chinese Medical Doctor Association hat dazu Zahlen veröffentlicht: Mehr als 70 Prozent der Ärzte in China seinen bereits von Patienten beschimpft worden oder hätten physische Gewalt erfahren.

Doch nicht nur die Patienten hadern mit den Zuständen. Auch viele Ärzte treibt die aktuelle Situation um. Der tägliche Umgang mit frustrierten, schwierigen Patienten, die hohe Arbeitsdichte, starker Druck und niedrige Honorare im Vergleich zu anderen Berufen macht das Arztsein in China zu keinem Geschenk. Kaum jemand empfiehlt seinem Kind in China heute, Arzt zu werden. Unter diesen Voraussetzungen wird der geplante Ausbau des medizinischen Personals kein leichtes Unterfangen für die Regierung. Immerhin: Die Arztgehälter sollen angehoben werden, um mehr Anreiz zu bieten den Beruf zu ergreifen.

Neben der Herausforderung, das Gesundheitssystem stark zu reformieren, sind weitere zu stemmen. Die politische Führung Chinas bekämpft parallel bereits die steigende Anzahl westlicher Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Alkoholkonsum, die sich in Chinas Bevölkerung breit machen. Sie tritt dem demografischen Wandel entgegen, den die Regierung durch ihre langjährige Ein-Kind-Politik selbst befeuert hat.

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