"Gleichmachen ist der falsche Ansatz": Chefärztin Prof. Katrin Engelmann im Interview

Aktuell sind über 60 Prozent der Medizinstudierenden Frauen. Gleichzeitig sind Medizinerinnen in leitender Position unterrepräsentiert. Im Interview beschreibt Prof. Dr. med. Katrin Engelmann, Chefärztin der Augenheilkunde am Klinikum Chemnitz, Ursachen hierfür.

Prof. Katrin Engelmann

Im Interview: Prof. Dr. med. Katrin Engelmann, Chefärztin der Augenheilkunde am Klinikum Chemnitz. | Foto: Andreas Seidel/Klinikum Chemnitz

Frau Professor Engelmann, seit 1999 gibt es mehr weibliche Medizinstudierende an deutschen Universitäten als männliche. Dennoch scheint die Ärzteschaft in leitenden Positionen weiterhin eine Männerdomäne zu sein. Woran liegt das?

Prof. Engelmann: Die Frage beinhaltet zwei Komponenten, nämlich die gegenüber früheren Zeiten geänderte Situation zu Beginn einer Ausbildung zum/zur Mediziner/in und zweitens die Zielerreichung einer Leitungsfunktion nach der Ausbildung. Zunächst stellt sich die Frage, wieso der Mediziner-Beruf anscheinend für Frauen attraktiver geworden ist oder umgekehrt für Männer nicht mehr so attraktiv. Ich persönlich denke, dass bereits zu Beginn des Studiums die Vorstellung an den späteren Beruf von Männern und Frauen bewusst oder unbewusst unterschiedlich sind. Nur erfragt wird es nicht. Es gibt aber Hinweise, dass Frauen mit einer deutlich größeren Portion des „Helfen-Wollens“ in die Ausbildung und den Beruf einer Ärztin starten. Auch ist das Studium über weite Strecken mit viel Fleißarbeit verbunden, was definitiv und nachgewiesen offensichtlich den Mädchen in der Schule besser liegt. Hier kommen also bereits Unterschiede zum Tragen. Solche Unterschiede sind aber nicht gut messbar. Messbar ist später lediglich die dann fehlende Frau in der Spitzenposition. Liegt es also an dem Herangehen an das Studium und den Beruf oder sind später zu viele Barrieren für eine Frau aufgebaut, so dass Sie in einer Leitungsfunktion nicht ankommt? Und welche sind das?

Die Tatsache, dass immer mehr Frauen Medizin studieren und auch in die Facharztausbildung gehen, ist wenig bis gar nicht erklärt oder geklärt worden. Viel mehr möchte man ständig erklären, wieso am Ende des möglichen Karrierewegs dann tatsächlich weniger Frauen in Führungspositionen ankommen.

Eine Antwort darauf ist natürlich die lange Zeit, die es braucht, um ein Rollenverständnis zu ändern. Jetzt studieren zwar in der Mehrheit weibliche Personen und diese angehende Medizinerinnen haben sich möglicherweise mit dem Ziel, später eine leitende Position zu übernehmen, gar nicht auseinandergesetzt. Andererseits gibt es bereits Ärztinnen in Leitungsfunktion, die aber der nachfolgenden Generation von Ärztinnen wenig über Förderungen oder Hindernisse berichten oder berichten wollen. Hierzu fehlen Netzwerke oder Mentorenprogramme. Eine Studie der Universität Leipzig hat sich speziell mit dem Problem des Karrierewegs von Wissenschaftlerinnen auseinandergesetzt und vieles davon kann auf Medizinerinnen übertragen werden. Diese müssen zu Beginn ihrer Karriere ja stark in die Wissenschaft eingebunden sein, zumindest dann, wenn eine Professur angestrebt wird, die nach wie vor ja doch den weiteren Weg in eine Führungsposition öffnet.

 

Karriere in der Medizin – wenig Frauen auf Chefpositionen

Der Anteil der Frauen in der Medizin – hier gibt es Licht und Schatten. Zwar stellen sie den Großteil der Studierenden und der Assistenzärzte. Tatsache ist aber auch, dass nur jede zehnte leitende Position in Krankenhäusern durch einen Frau besetzt wird. 

Von den 86.376 Medizinstudierenden in Deutschland waren im Jahre 2013 insgesamt 52.366 Frauen. Mit rund 60 Prozent stellen die Medizinstudentinnen schon seit Jahren die Mehrheit in den medizinischen Fakultäten. Bereits im Jahr 1999 überstieg die Zahl der eingeschriebenen Frauen erstmalig die der Männer. Ähnliche Mehrheitsverteilungen ergeben sich bei den Zahlen der Absolventen in der Humanmedizin: Hier lag der Anteil der Frauen im Jahre 2012 bei 65 Prozent, was unter anderem am meist besseren Notendurchschnitt der Abiturientinnen liegt: Der Numerus Clausus lag im aktuellen Wintersemester 2015/16 fast in allen Bundesländer bei 1,0.

Diese Entwicklung macht allerdings vor höheren Positionen der Krankenhaushierarchie Halt. Schon bei den Oberärzten beträgt der Frauenanteil nur noch 28 Prozent. Von den leitenden Ärzten sind 10 Prozent Frauen.

Mehrere Ursachen für Geschlechterunterschied

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ein Grund sind unterschiedliche Karriereambitionen zwischen Ärztinnen und Ärzten. In einer Studie der Frauenbeauftragten der Medizinischen Fakultät München gab etwa die Hälfte der befragten Frauen an, keine Habilitation zu planen. Nur 20 Prozent der männlichen Kollegen gaben die gleiche Antwort. Das wird auch durch das in der Studie ermittelte geringere Interesse von Frauen an Spitzenpositionen sowie das größere Interesse an einer ausgeglichenen Work-Life-Balance gestützt. Der Unterschied zwischen den Karrierestufen begründet sich jedoch nicht nur auf die persönlichen Entscheidungen der Ärztinnen. Als Hauptursachen für die Geschlechterunterschiede in der Wissenschaft geben die Probandinnen Schwierigkeiten beim Eindringen in Männernetzwerke, mehr zu erbringende Leistung für gleiche Anerkennung und schlechte Selbstdarstellung der Frauen an.

Viele Probleme wären behebbar

Viele Probleme lassen sich laut der Autorin der Studie, Dr. Diehl-Schmidt, beheben. Ärztinnen bräuchten demnach Sicherheit durch langfristige Verträge, um in Zeiten der Familiengründung ihrer Anstellung sicher zu sein und nach der Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen zu können. Auch seien Teilzeitmodelle und flexible Arbeitszeiten wünschenswert, um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben vereinen zu können. Dazu gehöre auch die Schaffung von zuverlässiger und flexibler Kinderbetreuung, da die Studie einen großen Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten für die Kinder der Ärztinnen erkannt hat.

Außerdem sollten Ärztinnen laut Studie entsprechend ihrer Karriereambitionen frühzeitig identifiziert werden, um sie besser fördern zu können. Medizinerinnen ohne wissenschaftliche Ambitionen können in ihrer klinischen Arbeit unterstützt werden, eventuell sogar ganz von der sonst an Universitätskliniken üblichen Forschung entbunden werden. Andersherum sollten Frauen mit Interesse an wissenschaftlicher Forschung teilweise von klinischen Aufgaben freigestellt werden, um sich mehr auf die wissenschaftliche Arbeit konzentrieren zu können, so Diehl-Schmidt.

Anteil der leitenden Ärztinnen leicht steigend

Im Bereich des ärztlichen Personals sind Veränderungen zu vermerken. Die Zahl der Ärztinnen in Krankenhäusern steigt stetig. Waren 2004 noch etwa 37 Prozent des ärztlichen Personals Frauen, steigerte sich die Anteil der Frauen im Laufe der letzten Jahre anhaltend. 2013 waren 46 Prozent des ärztlichen Personals in Krankenhäusern weiblich. Der Anteil der Oberärztinnen stieg im Vergleich zu 2004 um sechs Prozentpunkte, der Anteil leitender Ärztinnen um drei Prozentpunkte.

 

Wie bereits gesagt, gibt es Hinweise, dass Frauen das Medizinstudium vor allem deshalb beginnen, um auch das Ziel des Arztseins – nämlich zu helfen und in helfender Position zu arbeiten – zu erreichen. Die Enttäuschung, dass dieses Ziel möglicherweise im täglichen Alltag nicht immer so im Vordergrund steht, wie es sich vorgestellt wurde, lässt die Frauen andere Wege wählen. Starke Veränderungen in der Laufbahn sind typischer für Ärztinnen als für Ärzte. Auch ist die Zahl, der nach einer Erziehungszeit nicht wieder zurückkehrenden Frauen, nicht in allen Bundesländern bekannt. Wiedereinstiegshilfen existieren möglicherweise kaum.

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