Allgemeinmedizin: Individualität garantiert

Mark Schmidt gehört zu den ersten Stipendiaten der „Stiftung zur Förderung ambulanter ärztlicher Versorgung in Thüringen“, die sich jetzt als Hausärzte niedergelassen haben. Sein Beispiel macht bereits Schule.

Arztpraxis

Die „Stiftung zur Förderung ambulanter ärztlicher Versorgung in Thüringen“ unterstützt junge Ärztinnen und Ärzte, die sich in Thüringen niederlassen wollen (Symbolfoto). | Robert Kneschke/Fotolia

Sie kennen sich bereits seit Kindertagen, waren gemeinsam auf der Sportschule in Erfurt und studierten beide ab 1996/97 in Gießen Medizin. Nun arbeiten sie gemeinsam und quasi im Partnerlook in einer hausärztlichen Praxis im Erfurter Norden – weiße Hose und Poloshirt in Gelb beziehungsweise in Türkis mit aufgesticktem Namen: Dr. med. Mark Schmidt und Dr. med. Jeanin Brückner.

Das klingt nach Bilderbuchkarrieren und ganz gezielten Werdegängen. Doch weit gefehlt! „Ich wollte zunächst unbedingt in ein operatives Fach und arbeitete deshalb als Assistenzarzt in der Herzchirurgie in Bad Berka“, erzählt Mark Schmidt. „Mein Herz hing als ehemaliger Leistungssportler zudem an der Sportmedizin.“

Möglichkeit, seine Individualität zu entfalten

Als Kind und als Jugendlicher hatte Schmidt „Ski alpin“ trainiert und als junger Arzt auf dem Gebiet der Leistungsdiagnostik promoviert. „Ich merkte in der Klinik schnell, dass sich die Arbeit dort nicht sehr gut mit dem Sport, der Sportmedizin und der Wettkampfbetreuung vereinbaren lässt. Das geht im ambulanten Bereich sehr viel besser. Gerade als Hausarzt hat man die Möglichkeit, seine Individualität zu entfalten. Deshalb beschloss ich, diese Richtung zu wählen und absolvierte auch die Zusatzbezeichnung Sportmedizin.“ Mittlerweile ist die Praxis von Schmidt, die er gemeinsam mit seiner Mutter führt, lizenzierte Untersuchungsstelle des Landessportbundes Thüringen. „Wir betreuen hier etwa 50 bis 60 Sportler regelmäßig: vor allem Schwimmer, Radsportler, Fußballer, Handballer und Leichtathleten“, erklärt der junge Arzt.

Ganz unbedarft und allein vom Interesse an der Sportmedizin getrieben traf Schmidt jedoch nicht diese Wahl: Wie sein Arbeitsalltag in einer hausärztlichen Praxis aussehen würde, wusste er ganz genau von seiner Mutter, die seit den neunziger Jahren die Praxis im Erfurter Norden führte. „Ich hatte schon früher in der Praxis ausgeholfen und kannte den Alltag eines Hausarztes genau“, berichtet er. In der Praxis im Erfurter Norden absolvierte er auch den ambulanten allgemeinmedizinischen Teil seiner Facharztweiterbildung, hinzu kamen Weiterbildungsabschnitte in der Inneren Medizin an der Sportklinik Lüdenscheid sowie in einer Kinderarztpraxis.

Förderung während der ambulanten Weiterbildungsabschnitte

Während der ambulanten Weiterbildungsabschnitte erfuhr Schmidt über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Thürigen von der vor fünf Jahren neu gegründeten „Stiftung zur Förderung ambulanter ärztlicher Versorgung in Thüringen“. Diese fördert junge Ärztinnen und Ärzte, die sich in Thüringen niederlassen wollen, mit einem Zuschuss von 250 Euro pro Monat. Er bewarb sich und wurde einer der ersten Stipendiaten.

Inzwischen gehört Schmidt zu den ersten neun „Ehemaligen“, die sich jetzt in Thüringen als Hausärzte niedergelassen haben. Er ist überzeugt, dass nicht nur die finanzielle, sondern auch ideelle Förderung tatsächlich dazu beitragen kann, junge Ärzte in die Niederlassung zu ziehen. „Viele möglichen Fallstricke bei einer neuen Niederlassung lassen sich so umgehen“, erklärt er.

"Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen"

Sein Beispiel macht Schule: Derzeit erhalten 106 künftige Allgemeinmediziner und fünf künftige Augenärzte dieses Stipendium. Sieben weitere Anträge liegen vor. Voraussetzung ist, dass die Stipendiaten nach Abschluss ihrer Weiterbildung vier Jahre in der ambulanten medizinischen Versorgung in Thüringen arbeiten. Eine von den neuen Stipendiatinnen ist Schmidt’s Schulfreundin, Jeanin Brückner, mittlerweile Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Sie wechselte vom Krankenhaus in die Praxis von Schmidt, um die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin zu absolvieren. Jetzt ist sie – wie einst Schmidt – Stipendiatin der gemeinsam von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und dem Freistaat Thüringen gegründeten Stiftung. „Die ambulante Tätigkeit ermöglicht es mir, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bekommen und ist zudem sehr befriedigend“, erläutert sie gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Der Spagat zwischen Beruf und Familie war auch der Grund, weshalb Brückner ihre Klinikkarriere aufgab. Sogar eine Stelle als Oberärztin schlug sie aus. „Es ging einfach nicht mehr“, erzählt sie. „Die Geburt meines Sohnes Carlo im Jahr 2010 hat mein Leben komplett umgekrempelt.“ Eine ganze Weile versuchte sie, Klinikdienste und das Versorgen eines Kleinkindes unter einen Hut zu bringen. „Es ging irgendwie: Carlo war oft der Erste und der Letzte im Kindergarten, auch die Großeltern waren in der Nähe und konnten gelegentlich einspringen. Doch da mein Lebensgefährte auch Unfallchirurg und oft in der Klinik eingespannt ist, sahen wir uns als Familie kaum noch.“ Ostern beispielsweise hätte es nicht einen einzigen Tag gegeben, an dem die kleine Familie komplett war. „Mein Anspruch an ein Familienleben sieht einfach anders aus“, betont Brückner.

Teile der ersten Weiterbildung anerkannt

Mit Schmidt stand Brückner zu dieser Zeit immer noch in Kontakt. Auch die Arbeit in der Praxis seiner Mutter kannte sie: „Hier hatte ich als Studentin schon oft ausgeholfen und beispielsweise das Blutabnehmen gelernt“, erklärt sie. So kam eins zum anderen: Brückner kündigte ihre Stelle in der Orthopädie und begann die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in der Praxis von Schmidt. Teile ihrer ersten Weiterbildung werden dabei anerkannt. „Etwa ein Drittel der Krankheitsfälle in der Praxis sind orthopädischer Natur“, erklärt Brückner. Beispielsweise jetzt gerade untersucht sie das schmerzhafte Sprunggelenk einer Patientin, bei der vor Jahren eine Weber-C-Fraktur operiert wurde. Ihre Fachkenntnisse als Orthopädin und Unfallchirurgin kommen ihr dabei sehr zu Gute. Und nicht nur ihr: „Auch ich hole mir bei Jeanin bei orthopädischen Fällen gern eine zweite Meinung ein“, ergänzt Schmidt.

 

Dafür gibt es andere Dinge, bei denen sie gern bei Mark nachfragt. „Manchmal hat man kein so gutes Bauchgefühl. Ein Kollege in der Nähe gibt da Sicherheit.“ Noch ist Brückner ja auch keine Allgemeinmedizinerin. Draufsatteln auf ihre Orthopädie-Weiterbildung muss sie noch eineinhalb Jahre ambulante Weiterbildung in der Allgemeinmedizin, eineinhalb Jahre stationäre Weiterbildung in der Inneren Medizin sowie eine Qualifikation in psychosomatischer Medizin.

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