Studieren im Ausland: Unerwartete Einblicke

Bei seinem PJ-Tertial in Shanghai erlebte Matthäus Reinert viele Überraschungen. Eine davon: Nur wenige Chinesen sprechen Englisch. 16. Teil: China

Shanghai

Glitzernde Metropole im äußersten Osten Chinas: Shanghai | CC0 Public Domain

China, die aufstrebende Weltmacht. Shanghai, die glitzernde Metropole. Diese Bilder sind in vielen Köpfen verhaftet. So weit, so gut. Doch häufig stellen sich die Dinge anders dar, wenn man einen genauen Blick auf sie wirft. So wie dies Matthäus Reinert getan hat, als er im vergangenen Jahr für acht Wochen nach Shanghai ging, um dort ein Tertial seines praktischen Jahres (PJ) zu absolvieren. Der Medizinstudent der Universität Köln hat viel mitbekommen vom Leben in China und dem Gewusel in Shanghai. Aber er hat eben auch hinter die Kulissen von Chinas bedeutender Industriestadt geblickt – und hat dabei Eindrücke bekommen, die er so nicht erwartet hat.

Die krasseste Überraschung seiner Zeit in China erlebte der heute 27-Jährige bei der Arbeit in der Chirurgie im Yangpu Hospital.

Und es war eine Überraschung, die ihm den Mund offenstehen ließ. Die Angehörigen von Patienten bekommen nach einer Operation die herausoperierten Geschwüre oder Tumore präsentiert. Ja, richtig gehört! Es ist etablierte Praxis, dass dies passiert. „Eine Schwester und der Chirurg gehen nach dem Eingriff mit der Schüssel, in dem das OP-Präparat liegt, auf den Flur hinaus, um den dort wartenden Angehörigen zu zeigen, was sie gemacht haben “, erläutert Reinert. Der Hintergrund dieses für europäische Ohren höchst skurril klingenden Gebarens sei nicht etwa Aberglaube oder Ähnliches, sondern ein trauriger Grund: Misstrauen. „In China sind Ärzte nicht gut angesehen. Die Menschen misstrauen ihnen. Den Angehörigen nach der OP die Präparate zu zeigen ist ein Schritt, um diesem Misstrauen entgegenzutreten. Es gilt als Beleg für getane Arbeit.“ Zum Verständnis: In Deutschland sei der Arzt ein Helfer, in China gelte ein Arztbesuch als persönliches Unglück, da man Mediziner nur aufsuche, wenn es einem Menschen schlecht gehe.

Vom obersten Stockwerk des Yangpu Hospital hatte Reinert einen guten Blick auf Shanghai, die bedeutendste Industriestadt der Volksrepublik China. Allein in der Innenstadt leben 15 Millionen Menschen. Umliegende Stadtbezirke zählen weitere acht Millionen Einwohner.

Misstrauen gegenüber Ärzten groß

Das Misstrauen der Patienten den Ärzten gegenüber, das auch in den Strukturen von Chinas staatlich gelenktem Gesundheitssystem begründet ist, war für Reinert sehr ungewohnt. Allerdings hat er selbst es wenig zu spüren bekommen. Da er kein Chinesisch sprechen konnte, hatte der Deutsche kaum direkten Patientenkontakt. Bei den Visiten war Reinert selten dabei, und stattdessen in einem der acht OP-Säle. Die meiste Zeit verbrachte er in der klassischen Orthopädie und in der Thoraxchirurgie – vor allem, weil nur hier die Ärzte ausreichend gut Englisch sprachen, was für die Verständigung notwendig war.

„Teils durfte ich assistieren, teils nur zuschauen“, berichtet Reinert, und schildert, dass ihm die chinesischen Ärzte stets sehr zugewandt gewesen seien. Schnell trauten sie Reinert kleinere Handgriffe zu: Haut vernähen und Kanülen legen, zum Beispiel. Ein absolutes Highlight: Unter Aufsicht eines Arztes durfte der Kölner eine Laparotomie durchführen. Kontakt mit chinesischen Medizinstudenten hatte Reinert im Krankenhaus selten – denn sie erledigen im Stationsalltag fast ausschließlich Papierkram.

Positiv überrascht war der Deutsche über die Ausstattung im Yangpu Hospital.

„Ich fand die Unterschiede nicht so schlimm wie befürchtet. Natürlich war der Standard schlechter als bei uns, weitaus weniger modern. Aber von Bekannten, die in Nepal oder Kambodscha waren, hatte ich ganz andere Dinge gehört.“ Es habe „vernünftige OP-Kleidung“ gegeben, die Geräte seien zwar alt, aber in Ordnung gewesen. Auch mit Blick auf die hygienischen Bedingungen, die in der Chirurgie sehr wichtig sind, hatte der Deutsche nichts zu beklagen. O.k. – statt Einmalkittel seien Stoffkittel genutzt worden, die aber nach jedem Eingriff gewaschen wurden.

Gleiches galt für die Abdeckungen auf den OP-Tischen. „Man ist durch die hohen Standards in der deutschen OP-Hygiene sicherlich sehr sensibilisiert und in China läuft manches anders, aber auf Hygiene wurde auf jeden Fall genau geachtet.“ Reinerts Einschätzung: Man orientiere sich in der Medizin grundsätzlich an westlichen Standards und sei bemüht, diese zu erreichen.

Der Krankenhausalltag hielt eine weitere Überraschung für ihn bereit: Reinert stellte verwundert fest, dass es in Chinas OP-Sälen von Personal nur so wimmelt – so zumindest sein Eindruck in Shanghai. „Es standen neben dem Operateur immer noch vier Assistenten am Tisch. Das zu sehen hat mich besonders überrascht, denn die Ärzte haben sich im Gespräch immer darüber beschwert, dass sie zu wenig Personal hätten. In Deutschland sind bei OPs weit weniger Ärzte anwesend.“

Das manchmal schwierige Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten spiegelte sich in der Atmosphäre der Klinik selten wider.

Im Gegenteil: Zwischen den Medizinern herrschte eine sehr kollegiale und lockere Atmosphäre, beschreibt Reinert. Sonderlich hierarchisch sei das innerärztliche Verhältnis nicht. Eine Besonderheit war für ihn das Ritual des gemeinsamen Mittagessens: „Die Chinesen legen sehr viel Wert auf das Essen. Wir haben jeden Tag zusammen eine Stunde Pause gemacht und im Stationszimmer gemeinsam gegessen.“ Eine Überraschung war für ihn auch das „auffallend gute Verhältnis“ zwischen Ärzten und Pflegekräften. Er habe keinerlei Spannungen wahrgenommen.

Ab dem späten Nachmittag war für Reinert Freizeit angesagt. Und auch hier hat er vor allem eins wahrgenommen: die Freundlichkeit, mit der die Chinesen ihm begegneten. „Die Menschen sind extrem nett und hilfsbereit, man kommt sehr schnell in Kontakt.“ Überrascht war Reinert aber auch im Alltag von den nur wenig vorhandenen Englischkenntnissen der Chinesen. „Selbst wenn man junge Chinesen auf der Straße auf Englisch nach dem Weg gefragt habe, kam da nichts zurück. Das hat mich doch sehr überrascht, gerade in Shanghai, wo man sich sehr offensichtlich bemüht, westlich zu sein.“

Tatsächlich: In der Stadt gibt es viele westliche Errungenschaften. Ein ausgeprägtes Nachtleben mit Restaurants, Bars und Clubs – vieles davon, um den vielen Westlern zu gefallen, die in der internationalen Stadt leben, wie Reinert sagt. Shanghai habe sogar einen eigenen „Times Square“.

Zurück in Deutschland hat Reinert sein Examen erfolgreich abgelegt. In diesem Herbst beginnt er in Bonn seine Weiterbildung zum Facharzt für Radiologie. Von den Erfahrungen in China profitiert er bis heute, sagt er. Vor allem auf persönlicher Ebene. „China hat mich offener gemacht.“

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