Studieren im Ausland: Turbo-Medizin in Ghana

Halsbrecherische Taxifahrten, Fufu zum Mittag und ein sehr spezielles Arzt-Patienten-Verhältnis: Tim Vogel hat bei seiner Famulatur in Ghana viel erlebt. Hier berichtet er von eigenwilliger Anästhesie, seinem ersten Kaiserschnitt und stehenden Leichen.

Ghana

Fufu ist ein teigiger, recht nüchterner, weicher Kloß, der meist in einer scharfen Erdnusssuppe schwimmend serviert wird. | CC0 Creative Commons

Es ist morgens um 7:20 Uhr. Ein Taxi durchbricht den dichten Nebel, der über die zahlreichen Schlaglöcher der Straße von Obo nach Mpraeso zieht. Ziel des Taxis ist das staatliche Atibie Hospital. In dem kleinen VW Golf sitzen neben dem Fahrer und mir auf dem Beifahrersitz noch vier weitere Medizinstudierende. Eine davon auf meinem Schoß. Trotz der morgendlichen Kälte des Kwahu-Hochlands sind die Fenster offen. Zum einen, weil Benzingestank und Abgase sonst die Sinne benebeln. Zum anderen funktioniert der Fensterheber nicht.

Wie jeden Morgen ist der Verkehr zwischen den kleinen Dörfern turbulent, aber: „In ghanain traffic you always risk your life but you never die.“ So komme ich auch heute unbeschadet im Atibie Goverment Hospital an, wo ich die letzte Famulatur meines Medizinstudiums absolviere. Ein Großteil dieser Famulatur besteht aus Warten. Warten auf Patienten. Warten auf Pflegekräfte. Oder, wie an diesem Morgen, Warten auf Dr. Jonas für die Visite. Letzteres ist allerdings eher ungewöhnlich. Denn Dr. Jonas legt von den fünf im Krankenhaus angestellten Ärzten den größten Elan in den Unterricht während der Visite. So erscheint er wenige Minuten später gut gelaunt und schon beginnt die Fragerunde: Welche Malariaerreger gibt es? Welche Symptome? Wie behandeln? Auf dem Weg zur internistischen Station, einem Flachbau mit etwa 30 Betten, diskutiere ich mit Jonas die verschiedenen Therapiemöglichkeiten. Den ersten Patienten begrüßt er fröhlich: „M’aakye, Papa, Ete sen?“ (Sprich: Madschi Papa, äte sän?) – Guten Morgen Papa, wie geht‘s? Die darauffolgende Anamnese im Mix aus Twi – einer ghanaischen Sprache – und Englisch fasst der junge Arzt nach wenigen Minuten für mich zusammen: „Der Patient hat seit drei Wochen Husten mit blutig tingiertem Auswurf, leichtes Fieber und Nachtschweiß. Zudem fühlt er sich schwach und hat Gewicht verloren.“ Ich überlege kurz. Aufgrund des Alters und fehlendem Nikotinabusus des Patienten scheint ein Lungentumor unwahrscheinlich. Mit Blick auf den eben von mir auskultierten Mann und die zehn benachbarten Patienten beschleicht mich ein gewisses Unbehagen:

„Es könnte vermutlich Tuberkulose sein. Sollten wir den Patienten nicht lieber isolieren?“

Aber Dr. Jonas beschwichtigt: Eine Isolation sei zunächst nicht nötig, ebenso wenig ein Mundschutz. Stattdessen lässt er mich ein Thorax-Röntgen – die einzige verfügbare apparative Diagnostik – und eine Sputumkontrolle anordnen, deren Ergebnis wir dann in der nächsten Visite besprechen. Natürlich hatte der Patient eine offene Lungentuberkulose. Daher wird er vom 20-Bett-Zimmer in ein Zweibettzimmer verlegt. Einen Mundschutz gibt es dennoch nicht.

Für den heutigen Morgen ist aber nach etwa zwei Stunden die Visite bei 80 Patienten auf der Kinder-, Frauen- und chirurgischen Station geschafft. Der Nebel hat sich mittlerweile gelichtet und die Sonnenstrahlen durchbrechen den wolkigen Himmel. Ich mache mich auf den Weg zur Ambulanz, die ebenfalls Teil des Krankenhauses ist. Dort sitzen bereits über 100 Patienten im lauten und zugigen Warteraum auf Metallbänken. Im Sprechzimmer sortiert Gifty, die mir zugeordnete Krankenschwester, bereits die ersten Krankenakten auf dem großen Holztisch. Als 20 Minuten später Paul, ein weiterer Arzt des Krankenhauses, eintrifft, kann es endlich losgehen: Im Minutentakt ruft Gifty die Patienten auf und Paul und ich behandeln sie parallel. Häufig kommen die Patienten nur für ein neues Rezept. Die größte Herausforderung ist dann, die handschriftlich geführte Anordnung vom vorherigen Besuch zu entziffern. In Ghana gibt es eine allgemeine, erschwingliche Krankenversicherung, die eine Basisversorgung abdeckt. Dennoch zögern viele Patienten den Arztbesuch hinaus, weil sie ihre Gesundheitsprobleme nicht so wichtig nehmen. Das erschwert die Behandlung der zahlreichen Diabetiker und Hypertoniker und verschlimmert akute Erkrankungen.

 

Reisen nach Ghana

Deutsche benötigen für Ghana ein dreimonatiges Visum, das Du für 110 Euro online bei der ghanaischen Botschaft beantragst. Hilfestellung bietet hierfür auch die Vermittlungsorganisation. Zwingend für den Visumsantrag ist eine Gelbfieberimpfung. Für weitere Impfungen sowie die Malariaprophylaxe solltest du dich unbedingt reisemedizinisch beraten lassen. Es gibt von Deutschland aus keine Direktflüge in die ghanaische Hauptstadt Accra. So muss man über London, Paris, Amsterdam oder Istanbul fliegen. Hin- und Rückflug kosten je nach Angebot und Buchungszeit zwischen 500 bis 1000 Euro.


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