Medizinstudenten engagieren sich: „ADDAction“ – gesunder Lebensstil für Fünftklässler

Übergewicht und Bewegungsmangel sind verbreitet – auch bei Kindern. Die Initiative „ADDAction“ an der Uni Witten/Herdecke will Fünftklässlern einen gesunden Lebensstil vermitteln. Im Interview stellen Hannah Schlief, Matthias Stach und Marie Domin vom neuen Vorstand die Initiative vor.

Spaß an Bewegung: Die von Medizinstudenten ins Leben gerufene Initiative "ADDAction" will Kindern zeigen, worauf es bei einem gesunden Lebensstil ankommt. | © ADDAction

Was ist die Idee hinter der Initiative „ADDAction“?

Matthias Stach: Die Initiative gibt es schon seit 2008 – wir haben jetzt zehnjähriges Jubiläum. Sie ist aus der Idee entstanden, dass viele Kinder sich falsch ernähren – das liegt zum Beispiel an der Werbung für ungesunde Lebensmittel, aber auch am schlechte Vorbild der Eltern. Außerdem bewegen sich viele Kinder im Zeitalter der Computer und Spielekonsolen zu wenig. Das bedeutet, dass auch schon bei jungen Kindern häufig Übergewicht und sogar Adipositas zum Problem wird. Die Grundidee ist, den Kindern auf ihrem Weg mitzugeben, dass sie nicht nur zu Hause und aus der Werbung etwas über Ernährung lernen können, sondern auch von anderen Menschen.

Hannah Schlief: Wir wollen den Kindern wirklich aktiv beibringen: Wir können mit ihnen kochen und ihnen zeigen, was alles möglich ist. Sonst bekommen sie zu Hause das Essen nur vorgesetzt. Bei uns lernen sie: Wie kann ich das selber machen? Was gehört alles dazu? Wie funktioniert ein Herd? Wie schneide ich eine Tomate richtig? Mittlerweile kommen sie abends aus der Ganztagsschule nach Hause und müssen noch Hausaufgaben machen. Da bleibt gar keine Zeit, zu Hause mal mit den Eltern einen Kuchen zu backen oder zu kochen und auch noch Sport zu treiben.

Eine Säule Ihrer Initiative ist es, die Freude an Bewegung und einer aktiven Freizeitgestaltung an die Kinder weiterzugeben. Wie machen Sie das genau?

Hannah Schlief: Es gibt natürlich die ganz typischen Spiele wie Brennball, Fußball oder Federball. Darauf springen die Kinder schon am meisten an – da ist man in Bewegung und kann einfach drauflos rennen. Wir haben ja immer die letzte Schulstunde – das heißt bis dahin saßen sie die ganze Zeit in den Klassen. Wir zeigen den Kindern verschiedene Sportarten, damit möglichst für jeden etwas dabei ist: Das geht von Boxen und Kampfsport über Fußball oder Beachvolleyball bis hin zum Tanzen. Wir wollen zeigen, wie breit die Möglichkeiten da sind – die Kinder sollen möglichst viel kennenlernen.

Die zweite Säule ist das Ernährungsbewusstsein. Was bieten Sie da an?

Marie Domin: Im Winter hatten wir zum Beispiel eine Backstunde – aber es gibt auch regelmäßig Kochstunden. Dabei legen wir besonders viel Wert darauf, dass die Kinder das selber machen und dass frische Zutaten gekauft werden. Aber die Rezepte sollen auch möglichst einfach sein. Neulich haben wir Bananen-Smoothies gemacht – das ist super einfach. Oder Tomate-Mozzarella-Salat – da sehen die Kinder, dass das gar nicht viel Aufwand ist. Manche wussten zum Beispiel gar nicht, was eine Tomate ist. Uns ist wichtig zu zeigen, dass gesundes Essen auch richtig lecker sein kann.

Wie reagieren die Kinder, wenn sie etwas nicht kennen?

Hannah Schlief: Einige lehnen es direkt ab. Einmal haben wir Avocado-Häppchen gemacht – das war am Anfang gar nichts. Und wir haben auch mal Basilikum-Pesto mit Nudeln gemacht. Das war grün und die Kinder fanden es erstmal eklig. Aber dann haben die ersten doch mal probiert und haben gemerkt, dass es doch ganz gut schmeckt. Manche lehnen es weiterhin ab, aber die meisten sind nur am Anfang skeptisch und probieren es dann doch.

Marie Domin: Viele sind super stolz, nachdem sie selber etwas gekocht haben. Und sie nehmen am Ende auch etwas für ihre Eltern mit nach Hause. Daran kann man schon merken, dass sie es gut fanden.

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Hannah Schlief: Die Kinder erzählen ja auch, was es bei ihnen zu Hause so gibt. Ein Mädchen hat erzählt, dass es jeden Tag Spaghetti Bolognese aus einer Fertigtüte gibt. Da hatten wir Baguettes gemacht – die hat sie dann für ihre Mutter mitgenommen, damit es mal etwas anderes gibt. Unsere Inhalte werden also indirekt nach Hause getragen. Wir wissen aber nicht, inwieweit das dann Einfluss auf die Eltern nimmt. Wenn die Erwachsenen so in ihrer Routine feststecken, ist es oft schwierig, da etwas zu verändern. Wir hoffen aber, dass die Kinder, wenn sie älter werden und selber kochen, einfach mehr Interesse auch an gesundem Essen haben.

Die dritte Säule ist es, das Selbstbewusstsein der Kinder und die soziale Integration in der Gruppe zu fördern. Wie funktioniert das?

Matthias Stach: Wir versuchen grundsätzlich, das Selbstbewusstsein der Kinder durch die Gruppendynamik in den Stunden zu stärken. In der Klasse gibt es ja immer bestimmte Rollen – diejenigen, die dominieren und diejenigen, die etwas unscheinbarer sind. Wir gehen auch gezielter auf die Kinder zu, die in der Gruppe etwas hintenanstehen. Bei einem Ballspiel teilen wir die Gruppen selber ein – dadurch entstehen auch neue gruppendynamische Prozesse. Dadurch merken sie vielleicht, dass jemand, den sie bisher nicht mochten, eigentlich ganz nett ist. Beim Kochen merken sie, dass sie selbst etwas schaffen können und darauf können sie dann stolz sein – auch wenn sie sonst vielleicht eher negative Kommentare zu hören bekommen.

Marie Domin: Bei Mannschaftsspielen ermutigen wir sie auch, ihre Mannschaft anzufeuern, um so den Teamgeist zu fördern. Dabei ist wichtig, dass die Außenseiter auch angefeuert werden und dass es da keine Unterschiede gibt.

„ADDAction“ ist inzwischen fest in den Lehrplan der 5. Klassen einer Bochumer Sekundarschule integriert. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Schule?

Hannah Schlief: Der Schulsozialarbeiter ist eine große Hilfe und steht hinter unserem Projekt. Es gab einen Schulleiterwechsel, das hat geholfen, von einer freiwilligen AG zu einem festen Teil des Lehrplans zu werden. Der Sozialarbeiter hat uns geholfen, die neue Schulleitung davon zu überzeugen, weil die Kinder davon wirklich etwas mitnehmen. Natürlich mussten wir uns der neuen Schulleitung erstmal vorstellen – und als dann die AGs abgeschafft wurden, wurden wir in den Lehrplan integriert.

Marie Domin: Für uns ist es so eigentlich fast besser. Jetzt sind wir integriert und die Kinder müssen im Klassenverband teilnehmen – das ist auch gut für die Gruppendynamik.

Die Initiative „ADDAction“ wurde 2008 von dem Medizinstudenten Timo Deba an der Uni Witten/Herdecke gegründet. Heute sind ca. 20-30 Studenten in der Initiative aktiv. Die Studierenden gehen einmal pro Woche in die fünfte Klasse einer Bochumer Sekundarschule, um den Kindern einen gesunden Lebensstil und Spaß an Bewegung nahe zu bringen. Das Projekt ist inzwischen fest in den Lehrplan integriert. Mehr Informationen gibt es auf der Webseite der Initiative addaction.de und auf der Seite der Uni Witten/Herdecke uni-wh.de.

Was nehmen Sie für sich persönlich aus diesem Engagement mit?

Matthias Stach: Ich persönlich finde es immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich das mit den Kindern laufen kann. Manchmal läuft eine Stunde katastrophal ab und die Kinder haben ihren ganz eigenen Kopf und machen überhaupt nicht mit. Und in der nächsten Woche ist es ganz anders – dann sind die Kinder viel ruhiger, konzentrierter und auch offener. Für mich ist es spannend zu merken, dass Kinder einem das eigene Verhalten auch schnell spiegeln. Wenn man selbst mit einer leicht genervten Stimmung kommt, das merken die Kinder sofort. Und wenn ich da mit einer guten Stimmung hinkomme und wirklich Lust darauf habe, ist das ganz anders und macht mir auch doppelt Freude – und den Kindern hoffentlich auch.

Hannah Schlief: Man kann aus den Stunden auf jeden Fall sehr viel mitnehmen. Man muss sich jedes Mal auf die Kinder neu einstellen und überlegen, wie man damit umgeht. Mal entstehen Schwierigkeiten – und es ist jedes Mal ein neuer Prozess, mit der Situation umzugehen. Daran kann man selbst auch sehr gut wachsen. Das gefällt mir sehr gut – es wird nie zur Routine.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Matthias Stach: Geplant ist, unsere Initiative in einen Verein umzuwandeln. Dann können wir unser Projekt „ADDAction“ auch an andere Universitäten bringen.

Hannah Schlief: Wir halten unser Programm gerade schriftlich in einem Buch fest. Darin sind all unsere Stundenkonzepte und auch Rezepte dokumentiert. Damit würden wir auch gern Studenten in anderen Universitäten dazu bringen, unser Projekt zu unterstützen. Dann könnten wir mehr Schulen und letztendlich auch mehr Kinder erreichen. Wir können uns gut vorstellen, dass es auch an anderen Unis Studenten gibt, die kinderlieb sind und das Projekt unterstützen können.

Bild: Der neue Vorstand von ADDAction (von links): Marie Domin, Matthias Stach und Hannah Schlief |© ADDAction

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