Medizinstudenten-Archiv: „Viele Ideen gab es schon – wir haben sie nur vergessen“

Wie hat sich das Medizinstudium in den letzten 40 Jahren verändert? Und was können heutige Studenten von früheren Generationen lernen? Damit beschäftigt sich die Allgemeinmedizinerin Dr. Katharina Thiede. Sie hat das „Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft“ in Aachen gegründet und erklärt im Interview, warum Geschichte nicht nur für Historiker spannend ist.

Im Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft in Aachen lagern derzeit etwa 3.700 Archivalien. | Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft

Frau Dr. Thiede, warum interessieren Sie sich so sehr für die Geschichte des Medizinstudiums?

Dr. Katharina Thiede: Ich war während meines Medizinstudiums in Aachen auch in der Fachschaft aktiv. Wenn man neu in der Fachschaft anfängt, ist man auf eine gute Übergabe von seinem Vorgänger angewiesen. Aber wenn man sich dann mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen auseinandersetzt, merkt man: Die anderen wissen ganz genau, wie die Situation vor zehn Jahren war – und wir als Studenten wissen das meistens nicht. Ich habe da oft gemerkt, dass ich als Studierende den Behauptungen meines Gegenübers ausgesetzt war – ich hätte gern mehr über die Vergangenheit und die Entwicklungen gewusst, um besser argumentieren zu können. Außerdem geht viel Wissen verloren.

Dr. Katharina Thiede| privat

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Dr. Katharina Thiede: Bei den Recherchen für unser Archiv hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Mir ist ein Dokument aus den 70er Jahren in die Hände gefallen, das praktisch wortgleich war wie ein ganz aktuelles, europäisches Kerncurriculum, das wir gerade erarbeitet hatten. Das hat mich entsetzt: Wir hatten quasi 40 Jahre später die gleiche Idee – aber wir wussten nichts davon, dass es das alles in den 70ern schon gab. Wenn wir uns in all diesen Jahren auf die Umsetzung konzentriert hätten, wären wir schon viel weiter. Das ist ein Beispiel dafür, warum es wichtig ist, gute Ideen aufzuheben und für alle zugänglich zu machen.

Wie ist die Idee entstanden, ein Archiv für Medizinstudierende zu gründen?

Dr. Katharina Thiede: In der Fachschaft hatten wir viele alte Aktenordner, schwerpunktmäßig mit Dokumenten aus den 80er Jahren. Die Unterlagen fanden wir so spannend, dass wir sie nicht wegwerfen wollten. Wir haben dann recherchiert, für welches Archiv diese Unterlagen interessant sein könnten und haben festgestellt, dass es bisher gar kein Archiv gab, das sich mit der Vergangenheit und Entwicklung unseres Studienganges beschäftigt. Übrigens gibt es auch nichts Vergleichbares für andere Studiengänge. Wir haben dann Prof. Dominik Groß vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin in Aachen um Unterstützung gebeten und mit seiner Hilfe 2008 das Archiv gegründet. Ohne diese Hilfe wäre es nicht gegangen, da sind wir sehr dankbar. Und damit das Archiv auch genutzt wird und wir auch finanziell unterstützt werden, haben wir uns dann an die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) gewandt, deren Vereinsarchiv das Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft dann auch geworden ist. Von den Fördermitteln finanziert sich eine Hiwi-Stelle – das ist gut, weil die Archivarbeit allein im Ehrenamt nicht zu stemmen ist.

Wie muss man sich die Archivarbeit vorstellen?

Dr. Katharina Thiede: Wir haben ein komplett digitales Archiv, das auch online zugänglich ist. Das heißt, die Dokumente werden gescannt, verschlagwortet und in eine Datenbank eingetragen. Dann werden sie ins Handarchiv einsortiert. Vor allem das Verschlagworten macht Spaß, weil man dafür auch die Dokumente lesen muss und viel Spannendes erfährt. Das Scannen und Einsortieren ist dagegen einfach Fleißarbeit – das ist natürlich keine klassische Ehrenamts-Aufgabe. Insgesamt umfasst das Archiv derzeit etwa 3.700 Archivalien – aber viele Sachen sind noch nicht erschlossen. Das wird auch noch etwas dauern, weil wir uns mehr Mitarbeiter leider nicht leisten können.

Was für Dokumente findet man in dem Archiv?

Dr. Katharina Thiede: Wir nehmen alles, was wir kriegen können. Der Schwerpunkt liegt auf den 70er bis 90er Jahren. Es gibt auch einzelne Archivalien aus den 60er Jahren. Wir haben alle Fakultäten angeschrieben und nach alten Unterlagen gefragt. Von vielen kam dann leider die Rückmeldung, dass die Dokumente weggeworfen wurden, weil niemand etwas damit anfangen konnte. Bei den neueren Unterlagen sind wir aber einigermaßen up to date. Die älteste Archivalie ist ein Nachdruck eines Dokuments von 1919. Da geht es auch um Studienziele und vieles kommt einem heute sehr bekannt vor: mehr sprechende Medizin, bessere Patientenorientierung, weniger Verschulung.

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Warum ist es denn wichtig, dass diese Unterlagen aufbewahrt werden?

Dr. Katharina Thiede: Neben den Aspekten, die wir schon angesprochen haben – also, dass Ideen verloren gehen und dass man deshalb quasi das Rad immer wieder neu erfinden muss – geht es auch um unsere Identität. Es ist doch gut zu wissen, dass sich Medizinstudenten seit Gründung der Bundesrepublik immer wieder sehr engagiert für verschiedene Projekte eingesetzt haben. Außerdem kann man auch daraus lernen, wie frühere Generationen vorgegangen sind. In den 70er und 80er Jahren war das Engagement viel politischer – auch innerhalb der bvmd selbst. Ein Beispiel ist die AG „Sexualität und Prävention“, die sich heute stark für Präventionsprojekte an Schulen engagiert. Früher ging es auch darum, dass bestimmte Patientengruppen von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden – etwa Menschen mit HIV. Für das Verständnis älterer Patienten ist es wichtig zu wissen, dass sie damals vielleicht solche Erfahrungen gemacht haben. Daran erkennt man aber auch, wie sich die Gesellschaft entwickelt hat. Das Thema ist sehr vielschichtig – da landen wir bald bei der Frage, warum Geschichte generell wichtig für die Identität einer Gruppe ist.

Wie werden die Dokumente wissenschaftlich aufgearbeitet?

Dr. Katharina Thiede: Wir sind leider nur ein sehr kleines Team – außer mir selbst arbeitet im Archiv nur noch eine hilfswissenschaftliche Mitarbeiterin. Deshalb fehlt leider die Zeit für eine gründliche Aufarbeitung. Ich habe aber vor kurzem meine Doktorarbeit über das Archiv und die Einflussnahme der Medizinstudierenden an den Neufassungen der Approbationsordnung seit 1990 abgeschlossen. Mit einer ähnlichen Methode könnte man das Archiv auch für die wissenschaftliche Aufarbeitung anderer Aspekte nutzen – zum Beispiel für Dissertationen oder Masterarbeiten. Das kann nicht nur für Mediziner spannend sein, sondern auch für Historiker oder Kommunikationswissenschaftler. In dem Bereich wäre es beispielsweise ein interessantes Thema, wie sich das politische Engagement durch die digitale Kommunikation verändert hat. Wenn sich jemand dafür interessiert, kann er sich gern bei uns melden. Wir freuen uns aber auch über Leute, die Lust haben, sich intellektuell über das Projekt auszutauschen und Ideen einzubringen.

Warum engagieren Sie sich in diesem Bereich und was nehmen Sie für sich persönlich aus diesem Engagement mit?

Dr. Katharina Thiede: Mir liegt das Archiv sehr am Herzen, weil ich auch gern Politik und Geschichte studiert hätte. Ich habe mich dann aber für den Arztberuf entschieden. Durch das Archiv kann ich beides miteinander verbinden und ich merke, wie verschiedene Fachbereiche voneinander lernen können.

Das Archiv Deutsche Medizinstudierendenschaft wurde im Jahr 2008 als gemeinsames Projekt der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd), der Fachschaft Medizin Aachen und des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen initiiert. 

Mehr Infos: www.ukaachen.de und www.bvmd.de
Kontakt: adm@ukaachen.de