Kind & Kittel: Blog zum Leben zwischen Familie und Klinik

Natalja Ostankov ist 28, zweifache Mutter und studiert Medizin in München. Kann man das alles unter einen Hut bringen? Sie sagt "ja" und schildert in diesem Blog, wie der Alltag zwischen Kindern und Klinik aussieht. Teil 9: So viel vergessen...

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov

Meistens geht es so los: „Ich hab’ dich ja noch nie gesehen, welches Semester bist du?” Wenn ich dann „10. Semester” antworte, kommt: „Dann schreibst du jetzt Staatsexamen?”
„Neee, das dauert noch…”
„Doktorarbeit?”, ist die nächste Standardfrage.
„Nja, hm, also ich habe da so zwei kleine Doktorarbeiten zuhause herumwuseln…”, antworte ich verlegen grinsend. Eigentlich bleibe ich, was meinen Mutterstatus angeht, am liebsten inkognito. Über Kinder rede ich auf dem Spielplatz genug – und ich will nicht jedem meine Geschichte aufdrücken. Wenn ich sie dann doch erzähle, staunen und fragen die meisten viel; unter anderem, ob ich nicht alles vergesse, wenn sich mein Studium so in die Länge zieht. Angefangen habe ich 2010, die Kommilitonen aus meinem Jahrgang arbeiten seit zwei Jahren. Ja. Ja! Ich habe alles vergessen.

Ich kann Trotzanfälle in Schweregrade einteilen. Aber – Tumorklassifikation? TMN – Was?
Ich kann einem verdreht schlafenden Kind seine Pampers anziehen, ohne, dass es dabei aufwacht. Aber – Nadel legen? Um Gottes Willen. Ich weiß, wie viele Windeln meine Tochter vollmacht. Aber – die normale GFR? Ab wann Nierenversagen? Therapie? Keine Ahnung.

Anamnese erheben, Blut abnehmen, Nadel legen – wie ging das nochmal?

Medizin ist zu einem Teil Faktenwissen, und dieses sickert mit der Zeit und ohne Wiederholung langsam aus dem großen Sieb, das sich hochtrabend mein Gehirn nennt. Zum anderen Teil ist Medizin einfach Technik. Damit meine ich zum Beispiel Anamnese erheben, körperliche Untersuchung, Nadel legen, Blut abnehmen.

Diese Einteilung ist natürlich grob und wenn man es genau nimmt, kann man diese Bereiche eigentlich nicht voneinander trennen. Wissen ist die Grundlage für die klinische Anwendung und Anwendung festigt das Wissen, macht das Sieb sozusagen feinmaschiger. Und das ist auch ein Grund, warum ich so viel vergessen habe: Ich habe seit vier Jahren keine Anwendung. Genau genommen war ich nie klinisch tätig, denn kurz nach dem Physikum kam mein erstes Kind. Bis dahin hatte ich nur eine ambulante Famulatur gemacht. Und seit der Babyzeit konzentriere ich mich mehr darauf, die Prüfungen abzuarbeiten, weil das einfacher zu organisieren ist. (An dieser Stelle möchte ich alle, die gerade in den klinischen Teil des Studiums eintreten, ermutigen, sich einen Nebenjob zu suchen, der irgendwie mit Medizin zu tun hat. In der Notaufnahme zum Beispiel lernt man viel, habe ich mir sagen lassen. Ja, das Medizinstudium ist zeitintensiv – das war damals auch meine Ausrede, keinen Nebenjob zu anzunehmen – aber es zahlt sich aus! Nicht nur finanziell…)

Doch zurück zu meinem medizinischen Wissensstand. Der erste Praktikumstag nach meinem „Freisemester” war auf der dermatologischen Station. Wir Studenten sollten einzeln zu Patienten gehen, Anamnese erheben, körperliche Untersuchung machen und dann den Patienten inklusive Diagnose dem Oberarzt vorstellen. Das mit der Diagnose war nicht so schwer, ein Blick auf den Stationszettel verriet die Psoriasis. Also saß ich vor der Patientin und wusste alles (die Diagnose) und nichts (was soll ich sie jetzt fragen?). Hilflos fragte ich ein bisschen hier, ein bisschen da, untersuchte ein bisschen hier, ein bisschen da – wobei mir nicht einmal mehr die Auskultationspunkte der Herzklappen einfielen. Dass ich ein solches Basiswissen vergessen konnte, war wirklich sehr peinlich. Zu meinem Glück hatte der Oberarzt keine Zeit, um noch einmal zu uns Studenten zurückzukommen und mir wurde die Blamage erspart.

Die Erinnerung ist da – unter einer dicken Staubschicht

Zu Hause angekommen hätte ich am liebsten sofort alles nachgelesen, aber da waren ja die Kinder, die mich vermisst hatten und Aufmerksamkeit forderten. Als sie dann im Bett waren, konnte ich mich endlich auf die Suche nach dem Skript vom ersten klinischen Semester zu Anamnese und körperlicher Untersuchung machen. Wenn ich es nicht in einem Ordner auf meinem PC gefunden hätte, hätte ich sagen können, dass eine dicke Staubschicht darauf lag.

Langsam kam die Erinnerung. Es ist nicht so, dass ich alles von vorne lernen muss. Es ist vielmehr so, als würde man ein kleines Licht im Dunkeln anknipsen und dieses führt einen zum nächsten und dieses zum wieder nächsten, bis es langsam heller wird.

Außerdem habe ich gemerkt, dass ich mich an viele Sachen intuitiv erinnere und damit meist richtig liege. Das Sieb siebt also nicht ins Nichts, sondern irgendwie ins Unterbewusstsein. Aber da Intuition in einer Prüfung leider nicht zuverlässig genug ist, muss ich mein Wissen nun wieder aus dem Unterbewusstsein hervorholen. Also versuche ich, die Praktikumstage aktiv zu nutzen, auch mal Blut abzunehmen oder körperliche Untersuchung zu machen. Und ich habe den ”Herold” immer dabei und blättere jede freie Minute darin: in der S-Bahn auf dem Weg zur Uni oder wenn die Kinder im Sandkasten spielen.

Um den Nachteil des sich in die Länge ziehenden Studiums wettzumachen, nutze ich die wenige Zeit, die ich habe, eben intensiver und bin mit mehr Schmackes bei der Sache. Das übrigens habe ich auch von arbeitenden Müttern gehört: Sie arbeiten zwar weniger Stunden als ihre Kollegen, schaffen aber in dieser Zeit mehr. Nur schaut der Arbeitgeber leider zu oft nur auf die Stunden...

In unserer Blogger Zone finden sich unsere Bloggerinnen und Blogger, die regelmäßig auf Operation Karriere von ihren Erfahrungen aus Studium und Praxis berichten.