Experte im Gespräch: Prof. Axel W. Bauer über die medizinische Promotion

Kommen wir zu den praktischen Tipps: Ist es sinnvoll die Literatur mit einem Literaturverwaltungsprogramm zu katalogisieren?

Wenn man beginnt, Literatur zu sammeln, ist es wichtig, erst einmal zu schauen, wie die entsprechenden Zitierregeln an der jeweiligen Fakultät sind. Das heißt, bestimmte Zitierweisen werden an einer Medizinischen Fakultät vorgeschrieben, während an einer anderen Fakultät wieder ganz andere Regeln verpflichtend sind. An diese Regeln sollte man sich von Anfang an halten, gleichgültig, ob man ein Literaturverwaltungsprogramm verwendet wie EndNote oder Citavi oder wie sie alle heißen mögen.

Man kann auch ohne ein Literaturverwaltungsprogramm arbeiten. Ich selbst zum Beispiel mache meine Literaturverwaltung grundsätzlich von Hand, und das, obwohl gerade ein Medizinhistoriker und Medizinethiker sehr viel Literatur kennen und zitieren muss. Unabhängig davon, wie man die gelesene Literatur verwaltet, sollte man das Gelesene von Anfang an gut dokumentieren, weil man ja doch unterschätzt, was man alles wieder vergisst. Wenn man sich von Anfang an Notizen gemacht und die Literatur gesammelt hat, dann hat man es später leichter.

Gibt es an Universitäten Hilfestellung  jenseits der betreuenden Professoren?

Ja, die gibt es, zum Beispiel bei uns an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Wir haben seit dem Wintersemester 2015/16 im 3. Studienjahr den obligatorischen Leistungsnachweis „Wissenschaftliches Arbeiten“. Diesen Leistungsnachweis müssen alle Studierenden erbringen. Zum Abschluss müssen die Studierenden - spätestens bis zum Ende des 5. Studienjahres - eine Forschungsarbeit von etwa 15 Seiten schreiben. Das ist eine Vorstufe zur Doktorarbeit, da kann man sich schon den Betreuer aussuchen, bei dem man später vielleicht promovieren will und fertigt unter seiner Leitung eine Forschungsarbeit an. Diese Arbeit wird vom Betreuer in sieben Dimensionen benotet, und aus den besten Absolventen wählt man als künftiger Doktorvater seine Doktoranden leichter aus als früher. Das hat sich bei uns in den letzten knapp zwei Jahren schon sehr bewährt, denn dadurch bekommt die Wissenschaftlichkeit schon im Hauptstudium einen hohen Wert.

Die Promotion ist keine Pflicht.  Wann würden Sie einem Studierenden, der zu Ihnen mit einem Promotionswunsch kommt, von dem Schreiben einer Dissertation abraten?

Da haben wir in Mannheim fast schon ideale Verhältnisse, dass nämlich alle Studierenden eine Forschungsarbeit anfertigen müssen. Wenn jemand bei mir bei der Forschungsarbeit schon sehr gut ist, kann er danach eine Doktorarbeit übernehmen. Wenn jemand bei der Forschungsarbeit aber zu der Erkenntnis kommt, dass es ihm keinen Spaß gemacht hat oder dass sie ihm nicht gut gelungen ist, dass eher die Notwendigkeit als der Wunsch nach einer wissenschaftlichen Arbeit zielführend war, dann würde ich eher abraten. Denn nichts wäre frsutrierender, als wenn man sich zwei, drei oder gar vier Jahre durch eine Doktorarbeit quält, nur um den Doktorgrad zu bekommen.
Man kann nie im Voraus sicher sagen, wenn jemand eine Promotion beginnt, was dabei herauskommt. Aber ich würde sagen, etwa 20 Prozent der Studierenden überschätzen sich und brechen ihr Vorhaben schließlich ab. Man darf nicht vergessen, sie sind meistens Anfang bis Mitte zwanzig. Da gibt es biographische Brüche, oder es wird einem eine Stelle als Assistenzärztin oder Assistenzarzt angeboten, und dann hat sie oder er keine Zeit mehr für eine Dissertation. Das alles muss man einkalkulieren.

Was ist die wichtigste Charaktereigenschaft, die man benötigt, um eine Doktorarbeit erfolgreich abzuschließen?

Selbstdisziplin ist im Berufsleben insgesamt sehr viel wichtiger, als man vielleicht in jungen Jahren meint. Dass man sich eben jeden Tag oder zu bestimmten Zeiten hinsetzt und sagt: So, jetzt schreibe ich an meiner Doktorarbeit.

Nehmen wir an, es gibt einen sehr disziplinierten Studenten, der das klare Ziel hat, die Promotion abzuschließen. Wie viel Zeit muss er dem Vorhaben einräumen? 

Zunächst muss man das reguläre Studium mit dem Ziel des Staatsexamens bewältigen, so dass sich die Arbeit an der Dissertation auf die Wochenenden und die Semesterferien konzentrieren wird. Man kann sich die Daten der Semesterferien aufschreiben und einen Plan machen, doch dann kommen Prüfungen dazwischen und vieles andere.
Aber es empfiehlt sich in jedem Fall, eine bestimmte Zeit für die Doktorarbeit zu reservieren. Ob das nun jeden Tag ist, das wird man gar nicht durchhalten, denn man muss realistisch bleiben. Es gibt auch hier Zeiten, zu denen man nicht arbeiten will oder kann. Aber man kann sich vorher überlegen, wie viel Zeit bis zum Staatsexamen noch bleibt. Reicht das, um die Dissertation im Manuskript abzuschließen, oder ist das von Vornherein unrealistisch?

Was spricht Ihrer Meinung nach für einen Doktorgrad - gesellschaftliches Ansehen, besserer Verdienst?

Letzteres sicher nicht. Ist man im Krankenhaus angestellt, so bekommt man das gleiche Gehalt, unabhängig davon, ob man promoviert ist oder nicht. Allerdings, wenn man später beabsichtigt, Oberarzt oder Chefarzt zu werden, dann kommt man um eine qualifizierte Promotion nicht herum, weil die Karriere sonst rasch zu Ende geht. Denn man wird immer promovierte - und inzwischen auch qualitativ hochwertig promovierte - Kolleginnen und Kollegen haben, die dann den Vorzug bekommen. Das hohe gesellschaftliche Ansehen des Arztes ist traditionell aber schon noch ein wichtiges Motiv , denn mit dem Doktorgrad assoziiert man immer noch vor allem den Mediziner. Erst allmählich beginnt sich dieses Stereotyp zu wandeln, und das ist gut so. 

Prof. Dr. med. Axel W. Bauer leitet heute das Fachgebiet Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Seine Promotion machte er dagegen in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Freiburg. Mit dem Ratgeber "Promotion: Die medizinische Doktorarbeit - von der Themensuche bis zur Dissertation", will er Studierenden der Medizin das Schreiben der Doktorarbeit erleichtern. 

Was muss man bei dem Verfassen einer Doktorarbeit beachten? Welche Hilfsmittel gibt es? Wie haushaltet man am besten mit seiner Zeit und seiner Energie? Ist eine Promotion in Zeiten des Ärztemangels überhaupt noch notwendig? Hier gibt es alle Artikel zur Promotion.