Do it! 4 Hamburger Medizinstudenten gründen einen gemeinnützigen Verein

Dass Medizinstudierende und Assistenzärzte unter sehr großem Druck stehen, ging schon öfter durch die Presse. Nehmt ihr dies auch in eurem direkten Umfeld wahr? 

Niklaas: Man begegnet in der Medizin (und natürlich auch anderen Fächern) verschiedenen Formen von Druck. Leistungsdruck, dass man Prüfungen bestehen muss, überzeugen muss um Karriere zu machen etc., ist wohl kaum etwas, was nur Mediziner oder Medizinstudenten betrifft. Auch der fachliche Druck ist in der Medizin nicht unbedingt größer als etwa in Jura oder Maschinenbau, und über die Geschwindigkeit der Entwicklung zu urteilen, ist von unserer Position aus schwierig. Studenten stehen natürlich unter einem ganz anderen Druck als Mediziner im ärztlichen Alltag; vor allem der Unterschied zur Schule, wo man womöglich ohne viel Leistung zu bringen zu den „Guten“ gezählt hat, nun aber plötzlich unter ganz vielen „Guten“ ist, trägt da enorm zu bei. 

Luke: Viele Studierende versuchen, ein unerreichbares Maß an Perfektionismus an den Tag zu legen. Die Entwicklung der Medizin schreitet so schnell voran, man fühlt sich von Tag eins an so, als hänge man hinterher und könne das alles gar nicht schaffen. Das ändert sich auch nicht im Beruf. Es ist nahezu selbstverständlich für junge Berufsanfänger viele, viele Überstunden zu machen. Diese dürfen natürlich nicht aufgeschrieben bzw. mit Freizeitausgleich kompensiert werden. Viele Arbeitsrechte, die in anderen Berufen seit Jahren als absoluter Grundsatz gelten, werden in der Medizin nicht beachtet. Der zusätzliche Druck, der auf einem lastet, wenn es um Menschenleben geht, trägt sicherlich dazu bei, dass man in unserem Berufsfeld tatsächlich mehr psychiatrische Erkrankungen beobachten kann als in anderen Bereichen. Es kommen auch noch viele weitere Faktoren hinzu, die für die Medizin relativ einzigartig sind, wie z.B. Nachtdienste oder 24 Stunden-Schichten. Das sind alles Herausforderungen mit denen man erstmal fertig werden muss. 

Was sind eurer Meinung nach die Hauptursachen für psychische Erkrankungen bei Medizinstudierenden? 

Niklaas: In Hamburg ist mit dem Modellstudiengang iMED die Frequenz an Prüfungen wahrscheinlich vergleichsweise gering, dennoch haben wir hier gleich zu Beginn des Studiums zweimal pro Semester eine Modulprüfung, die den Inhalt der vergangenen sechs Wochen prüft. Gerade die großen Fächer wie Anatomie und Biochemie können einem da das Leben schwer machen. Hinzu kommt die Anwesenheitspflicht, die in der Medizin auch recht streng gesehen wird. Eine längerfristige Krankheit kann da schnell zu Problemen führen und, je nachdem wie unglücklich es läuft, direkt zu einer Studienzeitverlängerung. Personen, die es vielleicht ohnehin schwer haben, werden davon zusätzlich belastet und so scheinbar nebensächliche Faktoren wie BAföG, ein Stipendium oder gar ein Studienkredit werden plötzlich zu einem großen Thema. 

Luke: Am härtesten trifft einen es einen dann im Praktischen Jahr. In Hamburg gibt es keine Aufwandsentschädigung, was an vielen anderen Standorten der Fall ist. Man ist mindestens 40 Stunden pro Woche in der Klinik und arbeitet dann in der Regel 2-3 Wochenenden durch, um Miete, Essen etc. zahlen zu können. Obendrein kommen dann noch weitere Belastungen, wie z.B. der Ausschluss aus der Familienkrankenversicherung. Das trifft einen alles zur gleichen Zeit und kann großen Druck aufbauen. Die Fehlzeitenregelung ist auch nicht mehr zeitgemäß; es werden einem für das PJ 30 Fehltage eingeräumt, wobei es völlig egal ist, ob man im Krankenhaus liegt, Urlaub macht oder seine Kinder frühzeitig von der Kita abholen muss, weil die nächste Virus-Welle zugeschlagen hat. Man darf nicht vergessen, dass 20 Prozent der Studierenden nach mittlerweile mehr als 7 Jahren Wartezeit an ihren Studienplatz gekommen sind. Viele haben schon eine Familie die sie versorgen müssen. 

Sind Medizinstudierende betroffener als andere Bevölkerungsgruppen? Der Druck nimmt doch allgemein zu. 

Luke: Sicherlich sind psychische Erkrankungen ein wachsendes gesellschaftliches Problem. Ob die Menschen früher glücklicher waren oder wir einfach mittlerweile sensibilisierter sind für dieses Thema, ist eine komplizierte Frage und sollte von Experten diskutiert werden. Das Thema psychische Erkrankungen bei Medizinern wird ja z.B. schon im Klassiker „House of God“ aus den 1980er Jahren beschrieben. Die Suizidrate bei jungen Ärzten in Amerika war damals erschreckend. Aber genau da ist auch ein Teil des Problems. Heutzutage kommen noch viele der Ärzte in Leitungspositionen aus der Zeit des AIP (Arzt im Praktikum), wo es keine Tarifverträge gab, die Arbeitsbedingungen katastrophal waren und die Konkurrenz wesentlich größer als heute. Wer am Wochenende nicht beim Chef zum Rasenmähen vorbeigekommen ist, war am Montag seinen Job los - zumindest werden diese Geschichten immer wieder erzählt. Daher hört man oft von vielen älteren Kollegen „Bei euch ist doch alles viel besser als damals. Ich habe für einen Hungerlohn 48 Stunden am Stück gearbeitet und 100 Stunden pro Woche in der Klinik verbracht“. Dementsprechend sollen wir uns doch mit den heutigen Bedingungen zufriedengeben und uns glücklich schätzen, dass wir es so gut haben. Das ist natürlich ein großes Problem. Jeder Mediziner, den wir ausbilden, kostet die Gesellschaft etwa 200.000 Euro. Einige Mediziner gehen allerdings nicht in die Patientenversorgung in Deutschland, sondern ins Ausland oder gar in die Wirtschaft sowie andere, fachfremde Bereiche. Wir sollten uns Gedanken machen, warum das so ist. 

Welche Hilfe könnt ihr mit dem Verein anbieten? Wo kann man sich sonst noch Hilfe holen? 

Luke: Generell wollen wir erstmal für das Thema sensibilisieren. Mediziner und Ärzte sind meistens die schwierigsten Patienten. Ernsthafte Symptome werden heruntergespielt und es fällt einem schwer sich einzugestehen, dass man selber krank sein könnte. Wir wollen z.B. Informationsmaterial entwickeln mit einem Selbsttest. Mit ein paar Ja-/Nein-Fragen kann man teilweise gut abschätzen, ob ein hohes Risiko für die Entwicklung einer Depression vorliegt. Wir sind aber noch auf der Suche nach kompetenten Partnern, die uns da fachlich beraten können. Das UKE und die Uni Hamburg haben sicher die notwendige Kompetenz dafür. Aber auch andere Kooperationen können wir uns vorstellen. Es gibt eine tolle App zur Selbstdiagnose von Depressionen von der ich neulich gelesen habe. Das wäre natürlich auch ideal für uns. 

Niklaas: Der Verein wurde aber auch gar nicht dafür gegründet, erste Anlaufstelle bei akuten Problemen zu sein, dafür haben wir ohnehin nicht die Expertise. In solchen Fällen sollte man sich auf jeden Fall professionelle Hilfe holen, sei es über Angebote der Universität, der Fakultät oder die psychische, bzw. psychiatrische Versorgung. Auf jeden Fall kann einem der eigene Hausarzt als erster Ansprechpartner helfen. Andernfalls gibt es auch viele andere Beratungsstellen, die in solchen Fällen ein offenes Ohr haben, etwa die nationale Telefonseelsorge, oder auch die Seelsorgeangebote der religiösen Gemeinden. 

Der Verein ist noch kein Jahr alt, welche Maßnahmen habt ihr für die Zukunft geplant? 

Niklaas: Die erste Herausforderung war, alle Formalitäten zu klären, um auch eine Anerkennung als gemeinnütziger Verein zu erhalten. Aber auch danach lief nicht alles direkt flüssig, wir mussten uns erst mal in die rechtlichen Regelungen einarbeiten und einige Grundpfeiler bilden, um flüssig arbeiten zu können. Eine der wichtigen Aufgaben des Vereins ist ja die Abwicklung sämtlicher finanzieller Geschäfte des FSR, da hängt plötzlich ein formeller Rattenschwanz dran, der viel Zeit kostet. Wir haben unterschätzt, dass das sehr viel Last ist, die man auf vier Schultern verteilen muss, die natürlich nebenbei auch noch das Studium zu meistern haben. 

Luke: Jetzt gilt es erst mal die Ressourcen aufzubringen und die Partnerschaften zu etablieren, die wir für unsere Vorhaben benötigen. Wir würden gerne Infomaterial wie z.B. die Broschüre zum Selbsttest erstellen. Dann planen wir verschiedene Veranstaltungen zu dem Thema. Wir sprechen bereits mit der Ärztekammer Hamburg und dem Management von Eckart von Hirschhausen, der sich auch zu dem Thema bereits geäußert hat. Gerne würden wir auch Workshops anbieten, die unseren Studierenden Tools geben, vorzubeugen und in denen sie lernen auf sich und ihr Umfeld zu achten um dem Ganzen vorbeugen zu können.