Wissenschaftsrat: Augsburg soll Universitätsmedizin erhalten

An der Universität Augsburg soll eine medizinische Fakultät durch die Umwandlung eines kommunalen Krankenhauses in eine Universitätsklinik in staatlicher Trägerschaft entstehen.

Ab dem Wintersemester 2018/19 soll es die Möglichkeit geben, in Augsburg Medizin zu studieren. | Pixabay

Bereits ab 2018 sollen an dieser – dann 39. Medizinischen Fakultät in Deutschland – im Rahmen eines Modellstudiengangs die ersten Medizinstudierenden ausgebildet werden.

Bestehende Standorte "komplementär ergänzen"

Diesem bayerischen Projekt erteilte der Wissenschaftsrat bei seiner Sommersitzung in Kiel einstimmig grünes Licht. „Gelingt es, das Konzept wie vorgesehen umzusetzen, ver­bindet sich mit dem Aufbau die Chance, einen in Umweltmedizin und Medizin- und Bioinformatik profilierten, auf eine innovative Ausbildung und die Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses ausgerichteten neuen Standort zu etablieren. Dieser kann zudem Anknüpfungspunkt für eine forschungsnahe Industrie sein, die ärztliche Ausbildungskapazität in Deutschland erhöhen sowie die medizinische Versorgung der Region verbessern“, sagte Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, heute in Berlin. Die neue Universitätsmedizin Augsburg habe mittel- und langfristig das Potenzial, die bereits bestehenden fünf universitätsmedizinischen Standorte in Bayern „komplementär zu ergänzen“.

Lehrkonzept überzeugte

Prenzel hob dabei insbesondere das Lehrkonzept hervor, das den Rat überzeugt habe. Im Großen und Ganzen setzt es die Empfehlungen des Beratergremiums zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums aus dem Jahr 2014 um. Konkret will die neue medizinische Fakultät in Augsburg bei der Ausbildung von künftigen Ärztinnen und Ärzte von dem klassischen Aufbau eines Medizinstudiums abweichen: Das von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe entwickelte „Kompetenzorientierte Augsburger Medizinische CurriculuM“  (KAMM) soll sich in erster Linie an den ärztlichen Rollen und ihren Kompetenzen orientieren und nicht an den traditionellen Fächern.

Die Vermittlung der Studieninhalte soll fächerübergreifend sowie organ- und themenzentriert erfolgen. Dabei soll der Studiengang nicht in eine vorklinische Phase und eine klinische Phase gegliedert, sondern beide Abschnitte sollen miteinander verzahnt werden. Für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sieht das Konzept die Etablierung eines strukturierten Promotionsprogramms und eines „clinician scientist“-Programms vor. Dies alles sind Eckpunkte, die der Wissenschaftsrat vor zwei Jahren in seinem Papier zum Aufbau des Medizinstudiums empfohlen hatte.

Innovative Konzepte

Universitätspräsidentin Sabine Doering-Manteuffel sieht in dem positiven Votum des Rates eine Bestätigung für das innovative Lehr- und Forschungskonzept der Universität Augsburg. Für den Aufbau der neuen Universitätsmedizin hatte die Universität Augsburg gemeinsam mit dem Klinikum Augsburg, dem Bayerischen Wissenschaftsministerium und einem internationalen Expertengremium neben dem Lehrkonzept nämlich ferner ein Forschungskonzept entwickelt, das sich an aktuellen Entwicklungen in der Medizin orientiert. Die innovativen Forschungsschwerpunkte seien „Medical Information Sciences“ und „Environmental Health Sciences“, erläuterte sie. Sie würden ergänzt durch klassische klinische Bereiche wie die Vaskuläre Medizin oder die Tumormedizin sowie die Translationsforschung.

Bildergalerie (5 Bilder)
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-NürnbergLudwig-Maximilians-Universität MünchenTechnische Universität München

Im Forschungsfeld „Environmental Health Sciences“ sollen medizinische und umweltwissenschaftliche Disziplinen gemeinsam den Zusammenhang zwischen spezifischen Krankheiten und Umweltfaktoren, wie Luftschadstoffen oder Klimawandel, analysieren. Ziel ist es, positive wie negative Einflüsse aus der Umwelt auf die Gesundheit zu identifizieren und Präventionsansätze zu entwickeln. Dabei sollen auch gesellschaftliche Einflüsse auf die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung von Krankheiten berücksichtigt werden.

Augsburg: Wissenschaftsrat entscheidet über Uniklinik

Beim Forschungsschwerpunkt „Medical Information Sciences“ soll insbesondere der Gesundheitssektor in der klinischen Forschung und in der Biotechnologie im Fokus stehen. Ein Thema soll unter anderem der Aufbau von neuen, internetbasierten Infrastrukturen für ein lernendes Gesundheitssystem sein.

Start zum Wintersemester 2018/19

Der Studienbetrieb soll zum Wintersemester 2018/19 für zunächst 84 Studierende der Humanmedizin beginnen. An die im Jahr 2017 neu zu gründende medizinische Fakultät sollen bis 2023 91 Professorinnen und Professoren berufen werden. In etwa zehn Jahren – in der Endausbaustufe – sollen an der Universitätsmedizin Augsburg etwa 1.500 zusätzliche Studierende von etwa 100 zusätzlichen Professoren ausgebildet werden. Dazu soll direkt neben dem jetzigen Klinikum auf einem freien Feld ein neuer Medizincampus entstehen. Dafür rechnet der Freistaat Bayern allein mit Baukosten von 270 Millionen Euro. Zudem sind für das kommende Jahrzehnt 70 bis 100 Millionen Euro jährlich für Stellen und Sachmittel eingeplant.

Politik freut sich über die Entscheidung

Die Politik in Bayern zeigte sich erfreut über die Entscheidung des Wissenschaftsrats. „Das ist ein sehr positives Votum“, urteilte Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaen­le (CSU). Denn die Gründung der medizinischen Fakultät war schon länger ein Wunsch von Augsburg, das die Verantwortung für das kommunale Klinikum abgeben wollte.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sprach nach der Entscheidung von einem „Jahrhundertprojekt, das seine Strahlkraft in Schwaben und weit darüber hi­naus entfalten wird“. Nun gelte es, die nächsten Schritte „entschlossen anzugehen“. Er hatte bereits 2009 signalisiert: „Die Uni-Klinik kommt.“ Auch vor einem Jahr versprach er nochmals öffentlich: „2018 wird der Freistaat die Trägerschaft des Klinikums übernehmen.“ Formell könnte dies sogar noch in diesem Jahr, nach der Zustimmung des bayerischen Kabinetts, geschehen.

Neue Uniklinik darf nicht zu Lasten bestehender gehen

Die SPD-Fraktion in Bayern begrüßte das positive Votum des Wissenschaftsrats. Der Augsburger SPD-Abgeordnete Harald Güller betonte, nun müssten Kabinett und Land­tag die notwendigen Beschlüsse fas­sen und auch für die Gründung notwendige zusätz­liche Finanzmittel zur Verfügung stel­len. „Wichtig ist für uns nämlich, dass die Neugründung nicht zu Lasten der bestehenden fünf anderen Universitätskliniken in Bayern geht“, mahnte er. „Wir fordern die Staatsregierung auf, spätestens 2017 den Gesetzesentwurf vorzulegen. Und im Entwurf des Doppelhaushalts 2017/18 müssen benötigte Gelder bereits enthalten sein.“

Zugleich macht sich Güller für die Belange der bisherigen Beschäftigten des Klinikums Augsburg stark: „Für uns Sozialdemokraten ist besonders wichtig, dass der Freistaat bei der Übernahme der derzeit rund 5.400 Personen seiner Verpflichtung als guter Arbeitgeber nachkommt“, betonte er. Es dürfe keine Flucht aus Tarifverträgen zum Beispiel durch Outsourcing von Küche und Reinigungsdienstleistungen geben.

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von