Studieren in Polen: Der Gast ist König

Polen ist nicht gerade ein Klassiker für ein Erasmussemester. Doch Markus Hantschke hatte einen guten Grund, gen Osten zu streben. Bereut hat er seine Wahl nie. Im Gegenteil.

Polnische Flagge

Zweifellos: Für Hantschke war der Aufenthalt in Polen eine unvergessliche Zeit. | kaboompics/Pixabay

Der Erlanger Medizinstudent hat eine besondere Verbindung nach Polen. Ein Zweig seiner Familie hat polnische Wurzeln. Die Oma ist Polin, spricht die Landessprache noch immer fließend, auch seine Mutter ist dort geboren. Auf der Suche nach der Wahl einer Auslandsstation war das Ziel deshalb schnell gefunden: Lódz (gesprochen: Wutsch), die drittgrößte Stadt Polens. In der Universitätsstadt, die circa 120 Kilometer von der polnischen Hauptstadt Warschau entfernt liegt, wollte der 27-Jährige das Land, seine Menschen und die dortige Medizin besser kennenlernen.

Fakultät mit zwei verschiedenen Studiensträngen

Hantschke belegte an der Universität Seminarmodule in Allgemeinmedizin und Radiologie. Von Tag eins an tauchte er aber nicht nur in die polnische Lehre ein, sondern bekam auch viel internationales Flair geboten. Denn: An der medizinischen Fakultät der Uni Lódz gibt es zwei verschiedene Studienstränge. Die einheimischen Studenten belegen ihre Kurse auf Polnisch, für internationale Studenten gibt es extra eine englische Abteilung. Für diese Entscheidung gibt es einen guten Grund, denn es sind viele ausländische Studenten, die den Weg nach Polen finden. „Die medizinische Lehre in Polen hat ein gutes Niveau. Gleichzeitig sind Lebenshaltungskosten und Studiengebühren deutlich niedriger als in vielen anderen Ländern. Das macht Polen zu einem beliebten Standort für Mediziner“, weiß Hantschke.

So hat der Deutsche während seines Aufenthaltes Medizinstudenten aus vielen EU-Ländern sowie Nationen wie Pakistan, Kenia, Taiwan und den USA getroffen. Manche absolvieren das gesamte Studium in dem ehemaligen Ostblockstaat. „Das Land profitiert von dem großen internationalen Zustrom“, sagt Hantschke. Zum Beispiel sehr konkret die heimischen Studenten: „Weil die ausländischen Studenten gutes Geld in das Unisystem bringen, kostet das Studium für die polnischen Studenten nicht so viel. Ihre Studiengebühren sind niedriger als die der internationalen Studenten.“

Internationales Unileben

Hantschke hat das internationale Unileben in Lódz in vollen Zügen genossen. Einen besonders nachhaltigen Eindruck haben bei dem gebürtigen Lausitzer dabei die praktischen Einblicke hinterlassen, die er im Rahmen des Studiums sammeln konnte. In kleinen Gruppen von drei bis fünf gingen die Studenten in die Praxen von polnischen Allgemeinmedizinern in der Stadt und im Umland. Es war eine „gute Gelegenheit, um viele intensive Eindrücke vom polnischen Gesundheitssystem und den Menschen“ zu gewinnen, urteilt Hantschke.

 

Vor allem waren das diese: „Die Polen sind sehr herzlich und offen. Es ist alles ein wenig lockerer als bei uns. Auch die Ärzte sind es.“ Ärzte und Patienten hätten ein gutes Verhältnis zueinander. Es sei spürbar, dass der Arztberuf in Polen sehr angesehen ist, sogar „noch einen Tick mehr als in Deutschland“, schätzt Hantschke.

Medizinische Ausstattung oft nicht modern

Aufgefallen ist dem Deutschen aber auch dies: Die medizinische Infrastruktur ist in einigen Praxen nicht so, wie er es aus Deutschland kennt. Auch sei die Ausstattung oft nicht modern. Gerade in Praxen auf dem Land. Da die diagnostischen Möglichkeiten beschränkt waren, wird viel mit den Händen gearbeitet. Hantschke bewertet den Mangel an hochmoderner Ausstattung allerdings nicht grundsätzlich negativ: „Die Hausärzte müssen sich dadurch stark auf ihre Fähigkeiten verlassen. Es war beeindruckend zu beobachten, wie sie arbeiten.“

In einigen polnischen Krankenhäusern seien die Bedingungen – verglichen mit Deutschland – aber so, dass es problematisch werde. „Es fehlt an Kapazitäten. Patienten werden in den Gang gelegt, nur hinter Trennwänden behandelt. Das hat mit Komfort und guten Behandlungsbedingungen natürlich wenig zu tun.“ Hantschkes Erfahrung: Je weiter es in den Osten Polens hineinginge, desto schwieriger werde die Versorgungslage. Allerdings: Es sei in Polen Usus, dass man während der Assistenzarztzeit eine Weile ins Ausland geht, um dort unter besseren Bedingungen lernen und arbeiten zu können. Aber die meisten Abgänger kehrten nach Polen zurück. „Die polnischen Mediziner wissen, dass es woanders besser ist. Aber sie klagen nicht und sind sehr motiviert, in ihrer Heimat zu arbeiten.“ Als fertig ausgebildeter Facharzt sei dann auch der Verdienst „in Ordnung“. Dennoch hat auch Polens Gesundheitswesen ein Problem: Wie viele seiner europäischen Nachbarn leidet es an einem Ärztemangel, gerade in strukturschwachen Regionen.

"Der Gast ist König"

Eine Barriere bei den Praxiseinblicken war für viele der internationalen Studenten natürlich die Sprache. Da der theoretische Teil des Studiums auf Englisch war, waren sie nicht gezwungen, Polnisch zu lernen. Hantschke hatte aber nur anfangs Probleme, den polnischen Gesprächen zu folgen. Er hat vor und während des Aufenthaltes Polnisch-Sprachkurse absolviert. Seine Sprachkenntnisse halfen ihm auch im Alltag, denn die Polen freuen sich, wann immer ein internationaler Gast ihre Sprache spricht. Grundsätzlich mache es die zugewandte Mentalität der Polen aber jedem leicht, sich zurechtzufinden, urteilt der Student. Man finde schnell Anschluss und werde sogar regelmäßig zum Essen eingeladen. „In Polen gilt der Spruch: Der Gast ist König.“

Für Studenten gibt es in Lódz, einer ehemaligen Industriestadt, viel zu entdecken: viele alte Villen der Industriellen, zahlreiche Museen, Bars und Clubs in historischen Gebäuden, dazu Errungenschaften der Moderne wie Kletterhallen, Bowlingbahnen und große Einkaufszentren. Und durch die zentrale Lage seien Reisen in polnische Metropolen wie Warschau oder Krakau gut machbar. Der Deutsche hat „so viel mitgenommen wie möglich.“

Auch die Oma freut sich

Zweifellos: Für Hantschke war der Aufenthalt in Polen eine unvergessliche Zeit. Er hat das Land besser kennengelernt und von der wahren „Multi-Kulti-Erfahrung“ sehr profitiert. Und nicht nur für ihn hat die Zeit in Polen etwas bewirkt. Auch für seine Oma. „Wenn Oma jetzt Polnisch spricht, freut sie sich, dass ich sie verstehe.“


Quelle: Dieser Artikel ist erschienen in Medizin studieren, 1/2015, S. 10

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