Studieren im Ausland: Vive la France!

Gutes Essen, Eiffelturm, Mode und Kultur: Das ist längst nicht alles, wofür Frankreich steht. Mit der Qualität ihrer medizinischen Ausbildung beeindruckten die Franzosen Marie Schultzendorff nachhaltig.

Studentinnen in der Bibliothek

Mit der Qualität ihrer medizinischen Ausbildung beeindruckten die Franzosen Marie Schultzendorff nachhaltig. | stokkete/Fotolia

Viel Erfahrung, tiefe Fachkenntnisse, große Wissbegierde: Von Tag eins ihres Aufenthalts in der Urologie der Universitätsklinik von Paris war Marie Schultzendorff baff. Baff ob des breiten medizinischen Fachwissens ihrer französischen Kommilitonen. „Die Studierenden sind bereits im Studium extrem gut informiert. Sie wissen viel mehr als wir Deutschen. Manchmal“, sagt die 27-Jährige, „kam ich mir richtig ahnungslos vor.“ Dass die Franzosen diesen Wissensvorsprung haben, liegt an der Struktur der medizinischen Ausbildung in Frankreich. Medizinstudierende verbringen den Vormittag im Krankenhaus, erst am Nachmittag geht es in den Uni-Hörsaal zum Theorie pauken. Bereits im Studium verbringen die angehenden Mediziner also mehrere Monate in allen gängigen Fach-Abteilungen. Sie bekommen Einblicke in die jeweilige Station, die Ambulanz sowie die dazugehörigen Operationssäle. „Das System ermöglicht es, dass die Franzosen viel tiefer in die einzelnen Disziplinen eintauchen können als wir“, vergleicht Schultzendorff.

Von Fachwissen der Kommilitonen beeindruckt

Das beeindruckende Fachwissen ihrer französischen Kommilitonen sorgte bei der Studentin der Universität Magdeburg nicht nur für Verblüffung – es war auch Ansporn. Das Gefühl, dass die Kollegen sie „in die Tasche stecken können“, wollte Schultzendorff nicht auf sich sitzen lassen. Nicht wenige Nachmittage ihres viermonatigen Paris-Aufenthaltes im Wintersemester 2012/2013 verbrachte sie damit, medizinische Fachbegriffe aus der Urologie zu lernen, Abkürzungen nachzuschlagen oder am Vormittag Gelerntes durch Lektüre zu vertiefen. Dass das französische System am Ende die besseren Ärzte hervorbringt, möchte die gebürtige Northeimerin (bei Göttingen) jedoch nicht unterstreichen. „In der Klinik holt man die fehlende praktische Erfahrung schnell auf.“ Und: Bei aller Bewunderung für das französische System hat Schultzendorff auch ein Manko ausgemacht: Der Druck in Frankreich sei deutlich höher als in Deutschland. „Die Franzosen lernen sehr viel, ihr Zeitplan ist viel straffer als bei uns. Zeit für Auslandsaufenthalte bleibt ihnen beispielsweise nicht.“

Frühe Eingliederung in den Klinikalltag

Das intensive und frühe Eingliedern der Studierenden in den Klinikalltag spiegelte sich auch bei den Tätigkeiten wieder, die von den angehenden Medizinern gemacht werden. Schultzendorff bekam während der Paris-Zeit viele Aufgaben anvertraut, die sie in Deutschland nicht hätte übernehmen dürfen. So assistierte sie bei vielen OPs. „Ich durfte die Instrumente anreichen und bekam alle Schritte des Eingriffs erklärt. Das ist total untypisch in Deutschland.“ Ansonsten gehört das Mitlaufen bei der Visite, das Teilnehmen an Besprechungen sowie Arbeiten wie Katheter ziehen, Wunden nähen und selbst Zystoskopien zu ihren Aufgaben.

Das Miteinander von Studenten, Schwestern und Ärzten wirkte sich auch auf die Stimmung aus. „Es herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre, geprägt von extremer Freundlichkeit.“ Diese Lockerheit ist vielleicht auch ihrem Fach geschuldet: „Man sagt grundsätzlich, dass Urologen untereinander ziemlich entspannt im Umgang sind.“ Generell seien die Hierarchien jedoch viel flacher als in Deutschland. „In Frankreich sind die Studenten ein fester, nützlicher Bestandteil des Klinikalltags und nehmen den Ärzten Arbeit ab. Dadurch sind sie keine Fremdkörper.“ Auch Schultzendorff war das nicht: Nach kurzer Zeit war sie in das Krankenhaussystem genauso integriert wie ihre Pariser Kommilitonen.

Option Ausland gleich mehrfach ergriffen

Die Verblüffung über die unterschiedliche Art, Medizin zu lehren, war nicht der einzige große Erkenntnisgewinn aus der Zeit in Paris. Für Schultzendorff sind Aufenthalte im Ausland grundsätzlich gewinnbringend. „Man lernt ein Land kennen, die Mentalität der Menschen, die Kultur. Das ist wahnsinnig spannend. Und es bringt einen auch persönlich weiter, wenn man es geschafft hat, sich in einer fremden Umgebung zu etablieren.“ Sie könne nicht verstehen, wenn Kommilitonen die Chancen auf Zeit im Ausland nicht nutzten. Schultzendorff hat die Option Ausland gleich mehrfach ergriffen: Bereits vor dem Medizinstudium war sie ein halbes Jahr in Chile, ein anderes Tertial ihres PJs absolvierte sie in Vietnam, und ging – auch zur sprachlichen Vorbereitung auf die Zeit in Paris – für eine Famulatur nach Lausanne.

Sprachlich, räumt Schultzendorff ein, ist Frankreich nicht das leichteste Pflaster, um einen Auslandsaufenthalt anzugehen. Ohne gute Kenntnisse im Französischen funktioniert dieser Schritt nicht. „Das medizinische Vokabular ist schon ziemlich komplex. Wer nach Frankreich geht, muss wirklich Spaß an der Sprache haben.“ Fürchten muss sich vor der Hürde Sprache jedoch niemand: „Meine Kollegen waren alle sehr nett. Sie fanden es beeindruckend, dass ich mit relativ guten Französischkenntnissen kam und waren immer hilfsbereit, wenn es sprachlich Probleme gab.“ Ein wenig Geduld muss aber selbst ein sprachtalentierter Student mitbringen: Trotz ihrer guten Vorkenntnisse habe es fünf bis sechs Wochen gedauert, bis sie die französischen Fachtermini beherrschte, sagt die deutsche Studentin. Profitiert hat Schultzendorff davon, dass sie fast die gesamte Zeit die einzige ausländische Studentin in der Urologie war. Flucht in Deutsch oder Englisch war nicht möglich – und von Schultzendorff auch nicht gewünscht.

Frankreich ist ein teures Pflaster

Frankreich ist für einen PJ- oder Famulaturaufenthalt ein vergleichsweise teures Pflaster. Für Schultzendorff war es jedoch eine Abwägung. „Ich habe in Magdeburg keine hohen Kosten gehabt, und auch der Aufenthalt in Vietnam war sehr günstig. So habe ich in dieser Zeit Geld gespart, und Paris wurde finanzierbar.“ Außerdem: „Die Möglichkeit, für einen relativ überschaubaren Finanzrahmen eine Zeit in einer Weltstadt wie Paris zu leben, bekommt man nicht oft im Leben.“

Zurück in Magdeburg zahlte sich der Aufenthalt gleich doppelt aus. Wenn es in der Magdeburger Universitätsklinik französische Patienten gab, wurde Schultzendorff ans Bett gerufen. Und: In der Examensprüfung Ende 2013 gab es im Fach Urologie eine gute Note. Die Zeit in der Urologie hat Schultzendorff so geprägt, dass sie von ihrem Ursprungswunsch, Fachärztin für Gynäkologie zu werden, vielleicht sogar abweicht.

Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von