Studieren im Ausland: Italien - Charmantes Chaos

Einige Monate in Italien leben: Selma Pabst hat diesen Traum in die Tat umgesetzt. Mit Erasmus ging es für ein Semester nach Bologna.

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Einige Monate in Italien leben: Selma Pabst hat diesen Traum in die Tat umgesetzt. Mit Erasmus ging es für ein Semester nach Bologna (Symbolfoto). | Zinkevych/Fotolia

Selma Pabst war schon oft in Italien. Sie liebt das Land, die Sprache, die Kultur. Im Herzen, sagen ihre Freunde, sei sie eine halbe Italienerin. Wenn sie das hört, muss die 23-Jährige seit ihrem Bologna-Aufenthalt ihr Veto einlegen – oder zumindest „jein“ sagen. Denn eines hat sie in den sieben Monaten in Italien gelernt: Sie ist deutscher, als sie dachte.

"Im Gesundheitswesen gibt es einige Unterschiede"

„In Italien ist alles lauter als in Deutschland. Und manchmal auch ein wenig chaotisch. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen“, sagt die 23-Jährige, die an der Medizinischen Hochschule Hannover im 8. Semester Medizin studiert. Allerdings: Wenn man sich auf die italienische Mentalität einlässt, bekommt man viel zurück: „Die Italiener sind sehr herzlich. Sie grüßen dich und lächeln dich an. Das ist sehr angenehm im Alltag.“

Auch im Gesundheitswesen gibt es einige Unterschiede. Italien hat ein staatliches Gesundheitssystem, das über Steuereinnahmen finanziert wird. Beiträge zur Krankenversicherung zahlen nur die Arbeitgeber. Die Regierung definiert die Basisleistungen, die alle Bürger über den staatlichen Gesundheitsdienst SSN (Servizio sanitario nazionale) erhalten. Organisiert wird die Versorgung allerdings regional. Die Regionalregierungen definieren weitere Leistungen und verteilen zur Verfügung stehende Mittel an lokale Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäuser. Grundsätzlich gilt: Für Regelleistungen in staatlichen Gesundheitszentren müssen die Italiener nichts bezahlen, beim Gang zum Facharzt entstehen anteilige Kosten.

Inhalt gleich - Struktur unterschiedlich

Das italienische Medizinstudium ist inhaltlich nicht anders als das deutsche, aber es unterscheidet sich in der Struktur. Der Theorieanteil ist sehr hoch, es gibt vor allem Vorlesungen. Schnell musste Pabst einsehen, dass es schwierig ist, der akademischen Lehre auf Italienisch zu folgen – und das, obwohl sie vor Beginn des Semesters einen vierwöchigen Intensivsprachkurs in Siena/Italien absolviert hatte. Doch in Bologna musste sie passen: „Ich konnte in den Vorlesungen nicht viel verstehen und habe dann kurzerhand meinen Stundenplan umgestellt, um aus der Zeit möglichst viel mitzunehmen.“

 

Die Deutsche baute Blockpraktika an der Universitätsklinik in Bologna in ihren Aufenthalt ein. So schnupperte sie nicht nur Campus-Erfahrung, sondern bekam auch Einblicke in das italienische Arbeitsleben in allgemeiner Chirurgie, plastischer Chirurgie, pädiatrischer Chirurgie, Gynäkologie und Geriatrie. Im Krankenhausalltag war es leichter, die Sprachbarriere zu überwinden, da auf die ausländischen Studenten besser eingegangen werden konnte als im Hörsaal.

In der Klinik nur Beobachter

Auch in der Klinik sind Medizinstudenten in Italien nur Beobachter, praktische Tätigkeiten übernehmen sie sehr selten. Mal einen Schallkopf halten, bei einer Standarduntersuchung mithelfen. Mehr ist nicht drin. „Die italienischen Studenten notieren sich viel, sie brauchen den Stoff später für Prüfungen. Ich habe mich darauf konzentriert, durch Zuhören Dinge mitzunehmen, Fragen zu stellen und den Arbeitsalltag mitzubekommen“, sagt Pabst.

Die herzliche italienische Mentalität durchdringt auch das Klinikleben. „Es war eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre mit deutlich weniger Hektik als in Deutschland“, berichtet Pabst. Ärzte und Studenten begegnen sich auf Augenhöhe. Die Ärzte seien für Fragen der Studenten immer offen gewesen.

Auch vor dem Patientenbett macht die Freundlichkeit der Italiener nicht halt. Das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten empfand die Deutsche als warmherzig. „Zwischen Ärzten und Patienten gibt es eine große Vertrauensbasis. Was sicher auch daran liegt, dass sich die Ärzte sehr viel Zeit für die Patienten nehmen und auf sie eingehen.“

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Was Pabst so positiv überraschte, hatte gleichzeitig auch eine Schattenseite. „Ich glaube, die viele Gesprächszeit und der herzliche Umgang führen dazu, dass nicht so effektiv gearbeitet wird wie in Deutschland. Auch die Organisation im Krankenhaus ist nicht so stringent wie bei uns, wo jede Minute genutzt wird.“ Eine spürbare Folge seien beispielsweise lange Wartezeiten für die Patienten.

"Nagellack und Schmuck bei der Arbeit"

Mit ihrer deutschen Brille nahm Pabst noch etwas wahr: Die Italiener sind im Klinikalltag nicht immer so rigoros wie die Deutschen. „Ärztinnen trugen teilweise Nagellack und Schmuck. Das wäre im strengen Deutschland ein Tabu, in Italien wird darüber hinweggesehen.“

Abseits der Uni- und Klinikmauern genoss Pabst Bella Italia in vollen Zügen. Sie unternahm viel mit anderen Studenten, besuchte Konzerte und reiste in andere italienische Städte wie Verona, Rom und Mailand. Und sie versuchte, so gut wie möglich in die italienische Lebensart einzutauchen. „Ich bin zum Frühstück regelmäßig in eine Bar gegangen, wie es viele Italiener machen. Dort habe ich mir einen Cappuccino und ein typisch italienisches Gebäck bestellt und das Treiben um mich herum beobachtet.“ Der Umgang der Italiener untereinander habe sie sehr beeindruckt. Die Menschen seien ständig miteinander im Gespräch.

"Blick auf Deutschland komplett verändert"

Durch ihren Aufenthalt in Italien hat sich der Blick von Pabst auf Deutschland „komplett verändert“, insbesondere die Einschätzung der ärztlichen Ausbildung. Die gebürtige Ostfriesin weiß nun, was sie hat. „Ich schätze mich glücklich, dass ich im deutschen System studieren und arbeiten kann.“ Dauerhaft in Italien zu praktizieren, ist für Pabst nur schwer vorstellbar. Sie wertschätzt die Ordnungsliebe, die Stringenz und Effizienz der Deutschen zu sehr.

Die Liebe zu Italien trägt Pabst aber weiterhin im Herzen. Und italienisch spricht sie inzwischen fließend.

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