Absolventen-Befragung: Welchen Stellenwert haben die psychosozialen Fächer?

Welche Berührungspunkte haben Studierende mit den psychosozialen Fächern und für wie wichtig halten sie diese? Die Landesärztekammer Hessen hat ihre Absolventen befragt.

Psychotherapie

57,3 Prozent aller in Deutschland berufstätigen Fachärzte der Psychiatrie und Psychotherapie sind über 50 Jahre alt, 13,9 Prozent sogar jenseits der 60. | Foto: Photographee.eu/Fotolia.com

Seit 2009 führt die Stabsstelle Qualitätssicherung der Landesärztekammer Hessen (LÄKH) bei ihren Befragungsprojekten die Absolventenbefragung durch. Operation Karriere berichtete.

In den Jahren 2013 und 2014 wurde bei drei Befragungswellen ein Zusatzbogen integriert. Das Thema: "Pschosoziale Fachgebiete". Erstellt wurde der Fragebogen in Zusammenarbeit mit dem Ausschuss "Ärztliche Psychotherapie" der LÄKH. Folgende Fragen sollten untersucht werden:

  • Welche Erfahrungen haben die Absolventen mit den psychosozialen Fachgebieten während ihres Studiums gemacht?
  • Welche fachspezifischen Kompetenzen erachten sie als wichtig?
  • Ist ihnen die Abgrenzung zwischen den drei psychosozialen Fachgebieten bekannt?
  • Welchen Unterstützungsbedarf sehen sie hinsichtlich der Weiterbildung zum Facharzt in einem der psychosozialen Fachgebiete?

Die "Psychiatrie und Psychotherapie", die "Kinder- und Jugendpsychiatrie" (KJP) sowie die "Psychosomatische Medizin und Psychotherapie" zählen zu den psychosozialen Fachgebieten. Laut der Ärztestatistik der Bundesärztekammer teilten sich die zum 31.12.2014 berufstätigen Ärzte (365.247) wie folgt auf die psychosozialen Disziplinen auf: 10.088 waren Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, 4.123 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und 2.039 Fachärzte für KJP.

Seit mehreren Jahren können gerade die Fächer KJP und Psychatrie und Psychotherapie einen vergleichsweise hohen Zuwachs verzeichnen. Dem gegenüber steht eine relativ hohe Anzahl derzeit aktiver Fachärzte, die in absehbarer Zukunft aus dem Berufsleben ausscheiden werden - 57,3 Prozent aller in Deutschland berufstätigen Fachärzte der Psychiatrie und Psychotherapie sind über 50 Jahre alt, 13,9 Prozent sogar jenseits der 60. Diese Anteile liegen in der KJP bei 53,6 beziehungsweise 15,4 Prozent. Besonders groß sind die Anteile in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie mit 84,5 und 49,5 Prozent. Laut der LÄKH sei es trotz der positiven Nachwuchsentwicklung nötig, die Wahrnehmung der psychosozialen Fächer aus der Perspektive junger Ärzte zu betrachten, um frühzeitig problematische Aspekte und Handlungsbedarf zu erkennen.

Teilnehmer der Befragung

Insgesamt wurden die Antworten von 485 Absolventen erhoben. Sie sind im Durchschnitt 27,6 Jahre alt, haben im Mittel bis zu ihrer Ärztlichen Prüfung 13 Fachsemester Medizin studiert und sind zu 95,9 Prozent deutsche Staatsbürger. 62 Prozent sind männlich, 38 Prozent weiblich.

Unter den Befragten wurde das Interesse für die psychosozialen Fächer während des Studiums bei immerhin 56,4 Prozent geweckt. Selbst praktische Erfahrungen hat davon jedoch nur ein relativ geringer Anteil gemacht. 15,4 Prozent absolvierten eine Famulatur und 5,8 Prozent ein PJ-Tertial in einem der drei Fachgebiete.

Auf einer Skala von 1 (unwichtig) bis 4 (sehr wichtig) sollten die Teilnehmer angeben, wie hoch sie die Wichtigkeit bestimmter Kompetenzen der psychosozialen Fächer einschätzen. Zu diesen Kompetenzen gehören Empathie, Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz und Übernahme von Verantwortung. Alle der vorgegebenen Kompetenzen wurden als "wichtig" oder "sehr wichtig" eingestuft. Ein schlechteres Feedback ergab die Frage nach der tatsächlich erfolgten Vorbereitung der Studierenden auf diese Kompetenzen während des Studiums. Mit "eher schlecht" wurde die Vorbereitung auf Empathie, Kommunikationsfähigkeit sowie soziale Kompetenzen bewertet.

Schwache Zahlen bei der Weiterbildung

Von den Befragten Absolventen der vergangenen fünf Jahre gaben äußerst wenige an, die Weiterbildung in einem der psychosozialen Fächer anzustreben. 1,6 Prozent waren es im Fachgebiet Psychiatrie und und Psychotherapie, 0,6 Prozent im Fachgebiet KJP und sogar nur 0,1 Prozent bei der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Folgende Gründe gaben die Befragten an, die für sie persönlich für oder gegen eine Weiterbildung in diesen Fächern spricht:

Pro:

  • die Möglichkeit zu flexibler Arbeitszeitgestaltung nach einer Niederlassung (95,3 Prozent)
  • mehr Gestaltungsmöglichkeit im Hinblick auf Zeit und dem Umgang mit den Patienten (93,2 Prozent)
  • dass Empathie für den Umgang mit den Patienten notwendig ist (91,1 Prozent)

Contra:

  • weniger "objektive" Fakten für die Beurteilung einer Erkrankung (87,1 Prozent)
  • die finanziellen Kosten der Weiterbildung (81,5 Prozent)

Wie wurden die Absolventen während ihres Studiums über die Möglichkeiten in den psychosozialen Fächern aufgeklärt? 28,1 Prozent sagen "schlecht", ganze 57,4 Prozent immerhin noch "eher schlecht". Was müsste passieren, damit die Fächer attraktiver werden? Hier sagten 45,6 Prozent "bessere Informationen über das Fachgebiet" und 37,7 Prozent eine "finanzielle Förderung bei den Weiterbildungskosten".

Als Konsequenz aus diesen Erhebungen will die LÄKH in Zukunft die Medizinstudierenden besser über die genauen Merkmale und Herausforderungen der Fächer sowie ergänzende Unterstützungsangebote (wie beispielsweise Weiterbildungsverbünde) informieren.

Quelle: Nahlinger Silke MPH mit Nina Walter M.A., Dr. Dipl.-Soz. Iris Bruchhäuser und Dr. med. Roland Kaiser: "Befragung hessischer Medizinabsolventen mit Fokus auf die psychosozialen Fächer" in Hessisches Ärzteblatt, Ausgabe 9/2015, Seite 490 - 491. Der ganze Artikel als PDF.