PJ-Blog: Mein erster Tag auf Station

Nach reichlich Theorie im Studium endlich im PJ in den Alltag eines Arztes eintauchen – ein Traum für jeden Medizinstudenten – oder? Fräulein Licht berichtet regelmäßig auf www.operation-karriere.de von ihren Erfahrungen an der Klinik. Teil 4: "Erster Tag auf Station".

PJ-Bloggerin

Hier schreibt PJ-Bloggerin Fräulein Licht.

Liebes Krankenhaus,

nach den Irrungen und Wirrungen von Verwaltung und PJ-Beweihräucherung konnte ich heute tatsächlich in meinen ersten Tag an der Klinik starten. Zunächst passierte jedoch nichts Neues – eine Kaffeerunde zum Auftakt. Die Abteilung der Inneren Medizin trifft sich jeden Morgen zur Frühbesprechung im Konferenzraum, bei der nichts wirklich Wichtiges besprochen wird: der Chefarzt erzählt von den tollen Kongressen, auf denen er war, und die Pflegeleitung berichtet von der Verbesserung des Verhältnisses von Ärzten und Schwestern – aber wenigstens der Kaffee war gut!

Nach der halben Stunde quatschen ging es dann aber los auf Station. Mein leitender Oberarzt stellte sich mir vor. Er kommt aus der Mongolei und hat aus praktischen Gründen den Nachnamen seiner tschechischen Frau angenommen: Dr. Dr. PD Gordojamatamaris Dvošrákyszczykiewicz. Als ich das Namensschild zum ersten Mal gelesen habe, musste ich unwillkürlich an die Komplexität seines mongolischen Namens denken, da der Name seiner Frau eine Verbesserung darstellen soll. Übrigens: Das muss man erst mal hinkriegen, gleich zwei Doktorarbeiten in verschiedenen Fächern anzufertigen und dann noch darauf zu bestehen, dass beide Titel auf dem ohnehin schon zu kleinen Namensschild plus den „unkomplizierten“ Namen Platz finden.

Einige Lippen und Zungendreher-Übungen später konnte ich zumindest schon die ersten Silben unfallfrei aussprechen – und ja, der Chefarzt besteht darauf, dass ich alle Ärzte immer sieze. Das sei eine Frage des Respekts. Der Chefarzt selbst hat natürlich nie etwas mit Dr. Dr. PD Gordojamatamaris Dvošrákyszczykiewicz zu tun). Ich glaube, ich werde anfangen, Tschechisch zu lernen.

Doch bevor ich mich der Wissenschaft der osteuropäischen Nachnamen weiter widmen könnte, gab es auch schon einen Notruf. Ich sollte sofort in das Katheterlabor, um Leben zu retten: Ein Herzinfarktpatient war gerade eingeliefert worden und wartete schon auf seine Stents. Nach Anlegen der Röntgenschürze, die mich nicht nur des Gewichts wegen an ein mittelalterliches Kettenhemd erinnert, wollte ich mich schon mitten ins Getümmel werfen – aber nichts da, die OP-Schwester grätschte dazwischen und verbannte mich in eine Ecke des Raumes! „Nein, Sie sind ja heute den ersten Tag hier, da dürfen Sie noch nicht an den Patienten, außerdem hat man als Student ohnehin keine Ahnung von den Abläufen im OP.“ Allein durch die Haltung meiner Hände – die übrigens überkorrekt die ganze Zeit in die Höhe gestreckt waren – sei ich eh schon unsteril. Aus meiner Ecke konnte ich wie immer nichts von der Untersuchung sehen und auch den Arzt nichts fragen. Alles, was ich sehen konnte, war die fesche Chirurgenbrille mit Glitzergestell, die der Arzt extra fürs „Kathetern“ aufgesetzt hatte.

Und dann passierte es – der Katheter wurde ein Stück zu weit vorgeschoben und zack – Kammerflimmern mit anschließendem Herzstillstand. Sofort wurde der Herzalarm ausgelöst und nach 30 Sekunden standen schon alle zur Reanimation bereit, nur ich nicht – ausgerechnet diejenige, die unbedingt ein Leben retten wollte. Ich war in meiner Ecke zwischen Computern und OP-Wagen so eingekeilt, dass ich gar nichts machen konnte, außer dem Treiben hilflos zuzusehen. Zum Glück wurde der Patienten erfolgreich wiederbelebt. Und ich überlege nach der Katheterintervention – bei der ich dann natürlich zum Umlagern des Patienten aus meiner Ecke geholt worden bin – ob ich so hilflos wohl auch nach Ende meines Tertials in der Inneren in irgendeiner Ecke im PJ stehen würde und nichts anderen machen könnte, als hilflos zuzuschauen.

Fräulein Licht (24) studiert Medizin in Münster und startet in diesem Winter in ihr Praktisches Jahr an der Klinik. Alle Blog-Inhalte beruhen auf den Erfahrungen der Bloggerin im PJ und geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. Die Namen von eventuell vorkommenden Personen wurden geändert.

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