Kritik an Schweizer Medizinerausbildung

Mit der Digitalisierung ändert sich das Anforderungsprofil an Ärzte, deshalb muss das Studium angepasst werden. Johannes Steurer, Professor für Innere Medizin an der Universität Zürich, und Anita Buchli, Leiterin Strategische Hochschulentwicklung der ETH Zürich, fordern vier wesentliche Änderungen.

Medizinerausbildung

Schweizer Medizinstudenten werden mit der derzeitigen Ausbildung ungenügend auf die Zukunft vorbereitet, so die Kritik. | Dan Race/Fotolia

In der Schweiz macht man sich Gedanken darüber, welche Kompetenzen zukünftig im Medizinstudium gestärkt werden sollen. Angesichts des Megatrends der Digitalisierung wird sich nach Ansicht von Johannes Steurer, der an der Universität Zürich das Horten-Zentrum für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer leitet, und Anita Buchli, die für die Ausrichtung des Studiengangs mitverantwortlich ist, die Rolle der Mediziner in Zukunft grundlegend ändern. 

Vier Kritikpunkte

Ausbildung dauert zu lange

Buchli und Steurer kritisieren, dass die derzeitige Medizinerausbildung zu lange dauert. In der Schweiz sind Mediziner bei dem Erhalt des Facharzttitels im Durchschnitt 37 Jahre alt. Es gebe weder empirische Fakten, noch überzeugende Argumente, warum die Studienzeit sechs Jahre betragen müsse und man nicht das Bachelor-Master-System einführe, so die Kritik. So könnte in einer dreijährigen Bachelor-Ausbildung Grundlegendes vermittelt werden, was unabhängig von der späteren Spezialisierung gewusst werden müsse. Im zweijährigen Master würden sich die Studierenden dann bereits auf eine Fachdisziplin konzentrieren und würden so früher fachspezifisch und praxisorientiert ausgebildet, was die Weiterbildungsdauer zum Facharzt verkürze. 

Wenig Praxisbezug

Zweitens sei das Studium zu theoretisch. Studierende wüssten zwar, welche Hormone und Rezeptoren den Kaliumhaushalt regulieren, aber sie könnten einem Patienten nicht die Frage beantworten, wie sein leicht erniedrigter Kaliumwert im Blut normalisiert werden könne. Die Umstellung des Studiums auf das Bachelor- und Mastersystem würde zu einer geringeren Masterstudentenzahl in den jeweiligen Disziplinen und damit zu einer praxisnäheren Ausbildung führen. 

Kritisches Denken wird nicht gefördert

Auch das derzeitige Prüfsystem kritisieren Buchli und Steurer. Die Studenten müssten in den verschiedenen Examina eine große Menge an Fakten auswendig lernen, die sie nach den Prüfungen größtenteils wieder vergessen würden. Anstatt sich dieses Faktenwissen anzueignen, sei es angebracht zu lernen, Daten, Meinungen und Prozeduren kritisch zu analysieren und zu evaluieren. 

Mangel an kommunikativer Kompetenz und Einfühlungsvermögen

Auch der Eignungstest zum Medizinstudium wird von Buchli und Steurer kritisiert. Die Autoren fragen sich, ob mit dem derzeitigen Testverfahren geeignete Kandidaten ausgewählt werden, weil eine emotionale Intelligenz mit den Tests nicht erfasst werde. Auch im Studium und der Weiterbildung vermissen sie eine explizite Förderung der emotionalen Kompetenz, obwohl diese aus Sicht der Patienten ebenso wichtig sei wie das Fachwissen des Arztes. 

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Gerade eine emotionale Intelligenz und das kritische Denken seien Kernkompetenzen, die für einen Arzt in Zukunft zentral würden. Denn Patienten würden sich zunehmend selbst über Therapiemöglichkeiten informieren und den Arzt mit ihren recherchierten Informationen aus dem Internet konfrontieren. Als Mediziner müsse man dann in der Lage sein, diese Informationen kritisch zu beurteilen. Außerdem müsse man über die kommunikativen Fähigkeiten verfügen, das eigene Urteil dem Patienten verständlich zu machen. Insgesamt seien aber alle vier Anpassungen nötig, um angehende Mediziner auf eine digitalisierte Zukunft vorzubereiten.