Kind & Kittel: Blog zum Leben zwischen Familie und Klinik

Natalja Ostankov ist 27, zweifache Mutter und studiert Medizin in München. Kann man das alles unter einen Hut bringen? Sie sagt ja und schildert in diesem Blog, wie der Alltag zwischen Kindern und Klinik aussieht. Teil 4: Ein Besuch in der Kindernotaufnahme.

Natalja Ostankov

Operation Karriere-Bloggerin Natalja Ostankov

Heute geht es mal raus aus dem Mama-Lernalltag und rein in die Kindernotaufnahme. Es gibt nämlich ein Problem: Ich könnte wetten, dass mindestens 90 Prozent der kleinen Patienten keine Notfälle sind. Ich selbst war schon ein paar Mal dort und jedes Mal war es mir im Nachhinein peinlich, dass ich gekommen bin, oder ich war verärgert über die schlechte Behandlung. Man wird nicht gerade freudestrahlend empfangen – die ganze Atmosphäre ist so, dass man sich als Patient nicht ernst genommen und lästig fühlt.

Bei meinem letzten Besuch dort sagte mir die Ärztin – ohne mich überhaupt zu Wort kommen zu lassen – meine Tochter zahne nur. Die Kleine hatte mit ihren acht Monaten seit zwei Tagen starken Durchfall und knapp über 40 Grad Fieber, das sich nicht senken ließ! Mit einem Perenterol-Rezept in der Hand und einer Mischung aus Verwirrung und Wut in der Brust ging ich nach Hause. Warum war ich wütend? Eigentlich war doch alles in Butter, mein Kind war nicht krank, sondern zahnte nur. Am nächsten Tag ging das Fieber runter, ein stammbetonter Ausschlag kam: typisch für das Drei-Tage-Fieber, ausgelöst durch das Herpes Virus Typ 6 oder 7. Von wegen zahnen. Ich gebe zu, es war tatsächlich kein Notfall. Für eine Mutter trotzdem ein Grund, sich Sorgen zu machen und bei einem Arzt Hilfe zu suchen.

Was läuft hier schief?

Um ein Problem zu lösen, ist es das Beste sich in beide Seiten hineinzuversetzen. Ich fange mit der Seite an, bei der es mir leichter fällt: die der Eltern. Es ist bei weitem nicht leicht seinem Kind zuzusehen, wie es verrotzt in den Seilen hängt und wegen Husten und verstopfter Nase keinen Schlaf findet. Man würde alles tun, um die Qualen des Kindes zu lindern, fühlt sich aber unsagbar hilflos, weil man nicht weiß, wie. Erkältungsbad, Hustensaft, Kräuter-Inhalat, das alles ist für Kinder unter zwei Jahren nicht zugelassen. Mal abgesehen davon, wie man ein Kind unter zwei Jahren zum Inhalieren bringen kann, ohne es vorher in Hypnose zu versetzen. Was liegt da näher, als einen Arzt zu fragen? Insbesondere befürchten Eltern auch oft, dass sich der Zustand verschlimmert, wenn sie nichts unternehmen. Da Viren kein Wochenende kennen, macht man also statt des geplanten Ausflugs in die Berge einen Abstecher in die Notaufnahme. Und bevor es losgeht, wird dann noch der Fehler gemacht, im Internet nach Rat zu suchen. Egal was man googelt, überall finden sich Horrorstories von traumatisierten Eltern. Oder Kinderseiten, die bei harmlosen Symptomen dringend empfehlen einen Arzt aufzusuchen. So erschreckt geht's natürlich sofort in die Klinik!

Auch die andere Seite betrachten

Ärzte und Krankenschwestern sind genervt, weil sie Unmengen an Patienten in kurzer Zeit behandeln müssen. Wenn meine Schätzung richtig ist und wirklich 90 Prozent keine “echten Notfälle” sind, so müssen Ärzte sich den lieben langen Tag mit Eltern herumschlagen, die eigentlich unnötigerweise da sind. Sie müssen jedem dasselbe erklären, “Fieber senken und abwarten”, unendlich oft am Tag. Damit sind die Eltern wiederum nicht zufrieden, sie wollen eine Diagnose inklusive heilbringender Behandlung. Also haken sie nach, wollen etwas verschrieben bekommen. Erzählen, dass sie ja im Internet etwas ganz anderes gelesen haben. Ärzte haben also mit Zeitdruck zu kämpfen, müssen sich gegen Diagnosen besserwisserischer Eltern behaupten und nebenbei bei echten Notfällen blitzschnell reagieren. Immerhin kann es um Leben und Tod gehen! Übrigens werden richtige Notfälle natürlich vorgezogen, was die Wartezeit der anderen wiederum verlängert und deren Geduld ausreizt. (Ein schöner Artikel hierzu) Überdruss und Stress sind da vorprogrammiert!

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