Der Sherlock Holmes von Soweto: Dr. Eckart von Hirschhausens Auslandsstudium

Von einer Diabetes-Diagnose wegen Urinflecken auf dem Schuh bis hin zu einer eingewachsenen Pistolenkugel - Kabarettist und Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen hat während seiner Auslandsaufenthalte als angehender Mediziner viel erlebt und niedergeschrieben.

Eckart von Hirschhausen

Dr. Eckart von Hirschhausen ist jemand, der eine für einen Mediziner höchst außergewöhnliche Karriere hingelegt hat. | Foto: Frank Eidel/hirschhausen.com

In einem Kapitel seines Buches "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" beschreibt Dr. Eckart von Hirschhausen höchst amüsant, was man als Medizinstudent in London und Südafrika erleben kann. 

Klinische Zeichen – Blickdiagnosen aus dem Schuhwerk

Die häufigste Frage, die mir gestellt wird: Warum wird man vom Arzt zum Komiker? Für mich liegen die beiden Fächer gar nicht weit auseinander. Die Grundfähigkeit ist dieselbe: genau beobachten und die Perspektive wechseln zu können. Wo sonst hätte ich das besser lernen können als in England, dem Mutterland des Humors?

Während meiner Medizinausbildung durfte ich ein Jahr lang in London studieren, wo der Sherlock Holmes in jedem Studenten geweckt wird. Die Königsdisziplin heißt dort "clinical signs": Es gilt, kleine verräterische Veränderungen am Körper zu entdecken, darum entbrennt ein sportlicher Wettbewerb. Ein Oberarzt hatte immer eine Kamera dabei, um jederzeit alle kuriosen klinischen Zeichen festzuhalten. In seiner Vorlesung zeigte er ein Bild von zwei schwarzen Herrenlederschuhen mit kleinen blassen Flecken darauf. "Was hat der Patient?", fragte er. "Wir sehen gar keinen Patienten", klagten wir. Das sei in diesem Fall auch nicht nötig, um die weißen Flecken zu deuten, sagte der Dozent. Nach und nach dämmerte es uns: Es waren eingetrocknete Zuckerkristalle, der Patient hatte also Zucker im Urin, sprich Diabetes. "Richtig", sagte der Oberarzt. "Und zudem darf man vermuten, dass seine Prostata vergrößert ist, weil so viel auf die Schuhe getropft ist." Hierzulande wird praktisch von jedem Patienten als Allererstes eine ganze Batterie an Blutröhrchen abgezapft, was nach moderner Medizin aussehen soll, gleichzeitig aber an das mittelalterliche Prinzip des Aderlasses erinnert. Hatte ich in England einen Bluttest angeordnet, musste ich mich auf eine Frage gefasst machen: Was erwarten Sie von dem Ergebnis, und ändert es Ihre Behandlung? Aus purer Neugier durfte nichts ins Labor. Eine harte, aber gute Schule.

Vertraut mit dem britischen System und mit geschärften Sinnen für kleine Zeichen, verbrachte ich drei Monate des praktischen Jahres in Südafrika, im Johannesburger Baragwanath-Hospital, dem "Bara" im schwarzen Stadtteil Soweto. Die Einrichtung bestand aus alten englischen Baracken, pro Gebäude eine "Station", Bett an Bett. So rudimentär die Einrichtung war, so motiviert arbeitete das medizinische Personal.

Drei Episoden werde ich nie vergessen. Ein junger Mann kam mit Atemnot zu uns. Klarer Fall: Ein Lungenflügel war eingefallen, Pneumothorax. Auf dem Röntgenbild sah man auch sofort den Grund: Eine Pistolenkugel steckte tief in der Lunge. Aber irgendwie passte das Bild nicht zu meinem Untersuchungsbefund. Die Kugel steckte links, die Lunge war aber rechts implodiert. War die Kugel durch den halben Brustraum geflogen? Täuschte mich die Erinnerung? Hatte ich beim Röntgen die Seiten vertauscht? Hing das Bild richtig herum? Zurück zum Patienten, denn er musste ja behandelt werden, nicht sein Röntgenbild. Also noch einmal richtig hinschauen, und dann kapierte ich: Der aktuelle Pneumothorax wurde durch einen Messerstich verursacht, die Kugel war schon vorher in der Lunge, seit einer alten Streitigkeit im letzten Jahr. Sie war einfach drin geblieben, ohne weiteren Schaden anzurichten. Der Patient bekam seine Saugdrainage auf die richtige Seite und konnte munter nach vier Tagen die Klinik wieder verlassen, auf zu neuen Taten. Wie schnell junge Menschen von chirurgischen Notfällen genesen können, ist eine der beglückenden Erfahrungen der Medizin in anderen Ländern.

Tragikomisch der Fall eines weißen Polizisten, der in Soweto Dienst tat. Er war seines Lebens nicht mehr froh und wollte sich umbringen – aus welchen Gründen auch immer. Seine Dienstwaffe sollte ihn ins Jenseits befördern, aber da er sehr viel Glück in seinem Unglück hatte, verletzte er sich nur leicht und wurde ohnmächtig. Der Rettungswagen fuhr ins nächste Krankenhaus – ausgerechnet ins "Bara", wo sich 1990 normalerweise kein weißer Patient hin verirrt hätte. Er wurde versorgt und war rasch außer Lebensgefahr. Ich hab mir immer vorgestellt, was diesem armen Mann wohl als erster Gedanke durch den Kopf ging, als er die Augen aufschlug und lauter schwarze Menschen um ihn herumstanden, Ärzte, Krankenschwestern und neugierige Mitpatienten. Himmel, Hölle, Nirwana? Er erholte sich jedenfalls von seinem Schock; seine Depression konnte gut behandelt werden. Und wie praktisch alle, die Suizid versuchen, war auch er im Nachhinein heilfroh, dass es nicht geklappt hatte.

Überhaupt interessierte mich die seelische Seite der Medizin immer mehr als die chirurgische. Und wann immer es ging, machte ich die Visite mit auf der geschlossenen Psychiatrie. Mein erster Tag auf der "Station" wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Chronisch mit Pflegepersonal unterversorgt, freuten sich die Pfleger über meine Mithilfe und ließen mich studentischen Anfänger allein die Gespräche führen. Mit weißem Kittel musste ich den Patienten wie ein Stationsarzt vorkommen, und so fand ich mich innerhalb kürzester Zeit von vierzig mehr oder minder psychotischen Männern umgeben, die auch schon einzeln deutlich stärker waren als ich. Cool bleiben und weiteratmen, dachte ich und hörte zu, was den Anführer so bewegte: "Herr Doktor, Herr Doktor, Sie müssen mich entlassen!" Ich schaute in die Akte und fragte: "Hören Sie denn noch die Stimmen in Ihrem Kopf?" – "Ja, na klar." – "Und was sagen die Stimmen?" – "Dass Sie mich entlassen sollen!" Was war das wichtigste "clinical sign", dass er auf dem Weg der Gesundung war? Dass er selbst darüber lachen musste.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Dr. Eckart von Hirschhausen. Das Buch "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" ist 2008 im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen, ISBN: 978 3 499 62355 4

Vita Dr. Eckart von Hirschhausen

Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Seit über 20 Jahren ist er als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Durch die Bücher „Arzt-Deutsch“, „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“, „Glück kommt selten allein…“ und „Wohin geht die Liebe, wenn sie durch den Magen durch ist“ wurde er mit über fünf Millionen Auflage einer der erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Aktuell tourt er mit seinem Bühnenprogramm „Wunderheiler – Wie sich das Unerklärliche erklärt“. In der ARD moderiert Eckart von Hirschhausen die Wissensshows „Frag doch mal die Maus“ und „Hirschhausens Quiz des Menschen“.  

Hinter den Kulissen engagiert sich Eckart von Hirschhausen mit seiner Stiftung "Humor hilft Heilen" für "mehr gesundes Lachen im Krankenhaus, Forschungs- und Schulprojekten". Er ist ein gefragter Redner und Impulsgeber für Kongresse und Tagungen und hat einen Lehrauftrag für Sprache der Medizin. Als Botschafter und Beirat ist er für die „Deutsche Krebshilfe“, die „Deutsche Bahn Stiftung“,  „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“, die Mehrgenerationenhäuser und „Phineo“ tätig und moderiert den „Ort der Begegnung“ für ehrenamtlich Engagierte beim Bürgerfest des Bundespräsidenten.

Mehr über Dr. von Hirschhausen gibt es hier: www.hirschhausen.com  und www.humorhilftheilen.de