Wegen VG Wort – bald keine digitalen Skripte mehr?

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, müssen Hochschulen ab Januar 2016 urheberrechtlich geschützte Quellen in Vorlesungsskripten an die VG Wort melden. Für Studierende könnte dies bedeuten, so die SZ, dass Dozenten künftig ganz oder teilweise auf die Herausgabe digitaler Skripte verzichten könnten.

Medizinstripte

Gibt es bald keine digitalen Skripte mehr? | Foto: BillionPhotos.com/Fotolia

Außerdem stehe den Hochschulen damit ein gewaltiger bürokratischer Aufwand bevor. Grund dafür sei die Verwertungsgesellschaft Wort, kurz VG Wort, ein Zusammenschluss von Autoren und Verlagen, der Tantiemen aus Zweitnutzungsrechten einnimmt und an die Urheber weitergibt.

Bisher konnten die Unis mit recht geringem Aufwand mit der VG Wort pauschal abrechnen, wenn in einem digital von der Uni bereitgestellten Skript zu einer Vorlesung urheberrechtlich geschützte Zitate oder Quellen verwendet wurden. Nun habe aber die VG Wort gerichtlich erstritten, so die SZ, dass künftig jede Seite aus einem Skript einzeln gemeldet und bezahlt werden müsse. Dies gelte selbst dann, wenn das Skript vom Dozenten passwortgeschützt nur einer handvoll Seminarteilnehmern zugänglich gemacht werde. Diese neue Regelung gilt ab 2016.

Dozenten und Mitarbeiter der Unis müssten wegen der neuen Regelung nicht nur alle digital verfügbaren Skripte nach Quellen durchforsten, um sie dann an die VG Wort zu melden. Der Paragraf 52a Urheberrechtsgesetz verlange laut SZ auch, dass zu jeder Quelle recherchiert werden müsse, ob Studierende sie nicht auch anderweitig online finden könnten.

Für Studenten könnte das nach dem Bericht der SZ bedeuten, dass Skripte künftig „zerrupft“ würden, weil Dozenten statt Zitaten, Diagrammen oder anderen Werkauszügen nur noch einen Link eintragen dürften. Oder noch schlimmer: Dozenten könnten wegen des hohen Arbeitsaufwands und der unsicheren Rechtslage gar kein Skript mehr zur Verfügung stellen.

Wie viel Arbeit Universitäten und ihre Mitarbeiter nach dem neuen Meldeverfahren bei der VG Wort tatsächlich hätten, hat die Uni Osnabrück in einem Pilotprojekt ein Semester lang getestet. Demnach scheuten viele Dozenten den großen Aufwand und überließen den Studierenden die Literaturbeschaffung. "Knapp zwei Drittel der Studierenden gaben an, dass sich im Semester des Piloteinsatzes der Aufwand für die Literaturbeschaffung erhöht (36%) bzw. sogar stark erhöht (26%) hat", schreiben die Projektleiter. Und weiter: „Die betroffenen Lehrenden äußerten sich kritisch zum Pilotprojekt. Die Pflicht zur Einzelmeldung wurde als bürokratische Belastung empfunden, die in keinem Verhältnis zum Nutzen steht, so dass viele angaben, auf die Nutzung von § 52a UrhG im Pilotsemester bereits verzichtet zu haben, bzw. das zukünftig zu tun. Der gemessene Aufwand beträgt knapp 4 Minuten pro Meldung, wobei die Beurteilung und zusätzliche Recherchen nicht eingebunden sind.“

Laut SZ hat die VG Wort unterdessen auf die Erkenntnisse des Pilotprojekts in Osnabrück reagiert. Sprecherin Angelika Schindel sagt, man führe abstimmende Gespräche mit den Ländern, "um sorgfältig zu prüfen, welche Vereinfachungsmöglichkeiten für das Meldeverfahren zu Intranetnutzungen an Hochschulen gemäß § 52a bestehen".

Auf der offiziellen Website der VG Wort findet sich zu diesem Thema zurzeit der folgende Hinweis: „Für den Bereich der Intranetnutzung in öffentlichen Hochschulen konnte zwischen der VG Wort und den Bundesländern bislang noch keine Einigung über die Vergütungshöhe erzielt werden. Um eine werkbezogene Abrechnung zu ermöglichen, hat die VG Wort ein elektronisches Erfassungssystem eingerichtet.“

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 7. Dezember 2015 - Online-Artikel auf SZ.de.