Auf „Visite" im Krankenhaus - Teil 1: Meine Motivation

Wie geht eigentlich Krankenhaus?, fragt Medizinstudent Felix Otto und sucht in bester Günter Wallraff-Manier nach Antworten in den verschiedenen Abteilungen eines großen Klinikums. Exklusiv werden an dieser Stelle Auszüge aus seinem Debüt veröffentlicht.

Felix Otto

Früher Profisportler, heute Medizinstudent und Autor: Felix Otto

Den ersten Kontakt mit dem Krankenhaus erfährt der gemeine Medizinstudent in seinem dreimonatigen Pflegepraktikum. Das muss er bis zum Physikum, also der eher theoretischen Vorklinik, absolviert haben. Das Pflegepraktikum wird von den meisten abgesessen. Es ist eine Fifty-fifty-Chance, ob man eine gnädige Station erwischt oder eine, die den Daumen auf den Studenten draufdrückt. Fest steht, der Medizinstudent ist im Praktikum eine billige Arbeitskraft, die inoffiziell keine Rechte hat. Meine drei Monate waren sehr spannend und voller guter Aufgaben. Ich kann mich nicht beschweren. Habe aber auch vorher darum gebeten, die ­Station kennenlernen zu dürfen, auf die ich hauptsächlich kommen sollte. Der Eindruck, den ich hinterlassen hatte, war scheinbar so groß, dass mich die Pflegedienstleitung zum Gespräch gebeten hatte, kurz bevor mein Praktikum auslief. Ich wurde erst einmal fünf Minuten gelobt, und mir wurde Honig um den Bart geschmiert, bis ich gefragt wurde, ob ich nicht fest neben dem Studium im Haus einen Aushilfsjob annehmen möchte. Ich kapierte erst nicht, was los war, begriff dann aber vor der Frage, worauf das Gespräch hinauslaufen sollte. Ich wusste nicht, ob das alles für bare Münze zu nehmen war, was mir erzählt wurde. Schließlich bin ich eine wirklich billige Arbeitskraft gewesen. Ich winkte ohne zu zögern ab und verneinte.

Ich wollte und will noch meinen Beitrag leisten.

Nach dem Praktikum dachte ich lange nach über bestimmte Patienten und die Klinikstrukturen. So gut ich es auch auf meiner Station hatte, so sehr war ich gegen die fast schon kriminelle Krankenhauswirtschaft, die Arbeitsbedingungen und die eher grundschlechte Stimmung vor Ort. Drei Monate unbezahlt auf einer Station zu verbringen ist etwas ganz anderes, als fest auf Station zu arbeiten und Leistung für Geld abliefern zu müssen. Da es einfach nicht in meinen Kopf reinwollte, warum sich die Leute das Leben im Klinikalltag selbst so schwer machen, kam ich auf eine Idee. Ich habe haarsträubende Abläufe und sinnlose Untersuchungen beobachtet im Praktikum. Ich habe gesehen, wie Patienten, die keine Angehörigen mehr hatten, wortwörtlich zu Tode therapiert wurden. Früher oder später muss ich mich als fertiger Arzt mit der gleichen Problematik auseinandersetzen, wenn ich mitten im Klinikbetrieb stehe und ein Teil der Pyramide werde. So dachte ich mir, dass es einen Umbruch geben müsse in der Arzt-Patienten-Beziehung. Es muss weggehen vom finanziellen Ausschlachten eines Hilfebedürftigen. Ich wollte und will noch meinen Beitrag leisten. Ein Buch schien mir der richtige Weg. Ursprünglich angedacht war es, dreißig Monate als Springer abzuleisten und mir zu Hause Notizen zu machen. Dabei war einiges zu beachten. Jeden Bereich der Klinik musste ich nicht nur gesehen haben, sondern selbst auch mehr als einmal dort tätig gewesen sein. Ehe ich ein repräsentatives Bild erhalten und niederschreiben könnte, sollten noch viele Dienste gearbeitet werden müssen.

Springer auf jeder Station

Nach einigen Monaten schaute ich persönlich bei der Pflegedienst­leitung vorbei und fragte, ob das Angebot noch stehe. Die Leiterin bejahte freudig die Frage. Wollte aber meinen Sinneswandel auch verstehen. Darauf forderte ich einige Bedingungen ein. Ich wollte den Dienst nur antreten, wenn ich als Springer in jedem Bereich eingesetzt werden würde und auch im Nachtdienst arbeiten dürfte. Ich fügte noch hinzu, wenn sie der Meinung sei, dass ich so außergewöhnlich kompetent arbeite, dann dürfe das ja wohl kein Problem sein. Sie fragte mich noch, ob ich auch wirklich wisse, was ich da will. Denn überall reinzufinden sei schon anstrengend genug. Ich sagte naiv, aber forsch, dass ich in der Vergangenheit Schlimmeres gemacht habe, und unterschrieb einen Vertrag, den ich vorerst auf Niedriglohnbasis erfüllte. Nach der Probezeit wurden meine Stunden in Rücksprache auf vierzig Prozent hochgefahren. Neben dem Studium wirklich schwierig zu realisieren.

FELIX OTTO, geboren 1983 in Düsseldorf, gewann als Ruderer mit der deutschen Rudernationalmannschaft den Weltmeistertitel. Jetzt studiert er Humanmedizin und will mit seinem Erfahrungsbericht: "Wie geht eigentlich Krankenhaus?" etwas zur Verbesserung der Krankenversorgung beitragen. Mehrere Jahre lang war er als Aushilfskraft auf "Visite". Dabei hat er den Klinikbetrieb intensiv kennengelernt. Der obige Text ist aus einem Kapitel des Buches entnommen. 

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