Allgemeinmedizin: Frischer Wind an den Unis

Die Zahl der Lehrstühle für Allgemeinmedizin an den medizinischen Fakultäten steigt stetig, wie auch eine Umfrage des Deutschen Ärzteblattes belegt.

Drachen im Wind

In der Allgemeinmedizin tut sich etwas an den Universitäten. | Pixabay

Wer mit Dorit Aibiry spricht, bemerkt, dass sie vom Fach Allgemeinmedizin begeistert ist. Die Medizinstudentin aus Berlin möchte Hausärztin werden. Dass die Allgemeinmedizin bei ihren Kommilitonen teilweise nicht so angesehen ist, hängt ihrer Meinung nach auch damit zusammen, dass nicht alle Fakultäten einen Lehrstuhl haben. Obwohl sich auch in dieser Hinsicht schon vieles getan hat, wie Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), findet: Inzwischen haben 27 von 37 Medizinischen Fakultäten selbstständige Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin, an denen auch qualitativ hochwertige Forschungsarbeiten entstehen. In Halle, Mainz und Würzburg laufen zudem derzeit Verfahren zur Besetzung weiterer Lehrstühle. „Somit wird in Kürze an mehr als 80 Prozent der medizinischen Fakultäten das Fach Allgemeinmedizin akademisch etabliert sein. Das ist ein großer Erfolg“, betont Gerlach.

Teilen Vertreter der Allgemeinmedizin an den Medizinischen Fakultäten Gerlachs positive Bilanz? Das Deutsche Ärzteblatt hat dazu im vergangenen Jahr alle Medizinischen Fakultäten um Auskunft gebeten. 33 Vertreter der universitären Allgemeinmedizin haben geantwortet (www.aerzteblatt.de/allg2015). Die Antworten zeigen unter anderem, wie unterschiedlich die Ausstattung für das Fach an den Universitäten ist.

Regensburg: Kein Lehrstuhl Allgemeinmedizin

Die Universität Regensburg gehört beispielsweise zu den wenigen, an der es noch keinen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt. Die dortige Lehr- und Forschungseinheit Allgemeinmedizin „Allmed“ wird stattdessen von fünf Lehrbeauftragten getragen. Sie halten Vorlesungen, Kurse und Seminare und sind zuständig für Koordination und Evaluation sowie Forschung. Weiterhin beteiligen sich 68 Lehrpraxen der ostbayerischen Region an der Lehre und bieten Plätze für Blockpraktika an. „Es klappt sehr gut“, findet Dr. med. Carl Rauscher, einer der fünf Lehrbeauftragten. „Die Lehrpraxen sind bei uns absichtlich das Zentrum der allgemeinmedizinischen Ausbildung im Blockpraktikum und im Praktischen Jahr (PJ). Nur hier bilden sich für die Studierenden transparent Praxis und Sprechstundenalltag, Patientenfälle, Praxisorganisation sowie die Schnittstelle zwischen ambulantem und stationärem Bereich ab.“ Ergänzt werde diese „Lehre an der Basis“ durch regelmäßige Treffen mit den Studierenden an der Uni.

Trotz des großen Engagements der Lehrbeauftragten weiß Rauscher, welche Nachteile ein fehlender Lehrstuhl hat. Ist die Allgemeinmedizin an der Universität kein Fach wie die anderen, macht das eine hausärztliche Tätigkeit unattraktiv selbst für diejenigen, die sich dafür interessieren. „Insbesondere das Abgeschnittensein von der Universität oder einer hochschulähnlichen Institution wird als große Hürde gesehen“, erläutert der Regensburger. „Die Aussicht, bis zur Rente immer dasselbe zu tun, schreckt viele ab.“ 

Wie wichtig die Einbindung in die universitären Strukturen für ein Fach ist, betont auch Gerlach: Er verweist auf eine Studie an bayerischen Universitäten von Prof. Dr. med. Antonius Schneider, Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München: Dort, wo Lehrstühle für Allgemeinmedizin etabliert sind, sei das Interesse der Studierenden für das Fach Allgemeinmedizin signifikant höher als an anderen Universitäten. Und noch etwas ist ihm wichtig: Die Allgemeinmedizin habe an den Universitäten jahrelang auch wenig gegolten, weil dort Grundlagenforschung, eingeworbene Drittmittel, Impactfaktoren für Publikationen eine große Rolle spielten. Doch sie habe sich nach vorn gekämpft: „Es sind mehr Habilitierte im Fach, die Allgemeinmedizin holt auf, insbesondere bei der Versorgungsforschung.“

Lübeck: Großes Engagement für hausarztorientierte Medizin

Aufgeholt hat die Allgemeinmedizin beispielsweise auch in Lübeck. Prof. Dr. med. Jost Steinhäuser hat dort das Institut für Allgemeinmedizin aufgebaut. Neben der bereits etablierten 50-Prozent-W2-Professur für Lehre arbeiten dort eine Sekretärin, zwei Wissenschaftler und mehrere Fachärzte. In Lübeck entscheiden sich jährlich bis zu 30 Studierende für ein Praktisches Jahr in der Allgemeinmedizin. Dort sei das Engagement für eine hausarztorientierte Medizin seit längerem groß, nicht nur an der Universität, sondern auch bei Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung (KV), berichtet Steinhäuser. So übernimmt die KV beispielsweise Wegekosten für PJ-Absolventen in Allgemeinmedizin, finanziert Famulaturen mit und bietet Informationsveranstaltungen zur Niederlassung an der Fakultät an. „Das ist nicht in jedem Bundesland der Fall, aber so gelingt eben viel mehr“.

Mit Unbehagen registrieren jedoch manche, dass ihre Entwicklungsvorschläge für das Fach Allgemeinmedizin von einigen nahezu ausschließlich danach beurteilt werden, ob dadurch zukünftig genug Hausärztinnen und Hausärzte zur Verfügung stehen. „Unsere Aufgabe als Allgemeinmediziner an den Universitäten ist es, allen zukünftigen Ärztinnen und Ärzten notwendige Kompetenzen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln und damit eine Basis für die ärztliche Berufsausübung zu schaffen“, findet Dr. med. Markus Gulich von der Universität Ulm. „Es werden an den Fakultäten nicht nur zukünftige Hausärzte ausgebildet, sondern Ärzte jeglicher Fachrichtung, die später auf jeden Fall mit der Primärversorgerebene zusammenarbeiten und sich zumindest im Ansatz auskennen müssen.“

3 Fragen an ... Prof. Dr. med. Antje Bergmann, Sektionssprecherin Studium und Hochschule der DEGAM

Lehrstühle für Allgemeinmedizin gibt es mittlerweile an den meisten Fakultäten. Hat das Fach es jetzt geschafft?
Bergmann: Es gibt noch Luft nach oben: Einige Lehrstühle sind noch nicht besetzt oder die Protagonisten befinden sich in Verhandlungen. Zudem reicht es nicht, dass ein Lehrstuhl für Allgemeinmedizin existiert, sondern dieser muss auch finanziell und personell ausreichend ausgestattet werden. Und dies ist leider nicht immer der Fall.

Wie zufrieden sind Sie mit der Qualität der Lehre?
Bergmann: Das Feedback, das wir von den Studierenden bekommen, ist sehr gut. Praxisnahe und qualitativ hervorragende Lehre sind in der Allgemeinmedizin meist Standard. Dass dies einen großen Einfluss auf die Berufswahl haben kann, beweisen unsere Daten aus Dresden: Waren es 2010 erst acht Prozent der Studierenden, die sich vorstellen konnten, eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu beginnen, sind es aktuell 15 bis 20 Prozent der Studierenden – Tendenz steigend.

So hat sich in dieser kurzen Zeit das Interesse der Studierenden an dem Beruf des Hausarztes erhöht . . .
Bergmann: Maßgeblich! Wir legen ja im Studium mit persönlichem Engagement jedes allgemeinmedizinisch Lehrenden den Grundstein: Präsenz, neue Lehrformen, Aktualität, Praxisbezug und 1:1-Betreuung sind unsere Vorteile. Bei Hunderten von Studierenden konnten wir so Interesse für die Allgemeinmedizin wecken und die dazu erforderlichen ärztlichen Basisfähigkeiten vermitteln. Dennoch: Die Bemühungen, Studierende für das Fach zu begeistern und motivierte Ärztinnen und Ärzte in die Weiterbildung zu bekommen, müssen intensiviert werden.

Info-Zeitstrahl: Die Akademische Karriere der Allgemeinmedizin in Deutschland

  • 1966 erhielt Prof. Dr. med. Siegfried Häußler in Freiburg den Lehrauftrag „Tätigkeit des Praktischen Arztes“. Dies war die Geburtsstunde der akademischen Allgemeinmedizin in Deutschland.
  • 1976 entstand die erste universitäre allgemeinmedizinische Einrichtung in Deutschland an der Medizinischen Hochschule Hannover, Lehrstuhlinhaber: Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Haehn.
  • 1999 legte das Bundesforschungsministerium ein Förderprogramm zum Auf- und Ausbau allgemeinmedizinischer Lehrstühle auf. Diese existierten zu dieser Zeit an sieben Standorten.
  • 2003 trat eine neue Approbationsordnung für Ärzte in Kraft. Sie verpflichtete alle Medizinstudierenden, ein Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin zu absolvieren, ein PJ-Abschnitt in Hausarztpraxen wurde möglich.
  • 2010 existierten bereits an 18 von 36 Medizinischen Fakultäten selbstständige Abteilungen oder Institute für Allgemeinmedizin. Zusätzlich gab es an elf Standorten eine allgemein medizinische Stelle.
  • 2015 Es gibt an 27 von 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland selbstständige Abteilungen oder Institute für Allgemeinmedizin. Berufungsverfahren laufen zudem in Halle, Mainz und Würzburg.

Quelle: Dieser Beitrag ist in Heft 1/2016 von Medizin Studieren, dem Magazin des Deutschen Ärzteblattes für Studierende der Medizin, S. 30, erschienen.

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