Auf „Visite" im Krankenhaus – Teil 7: Der ganz normale Wahnsinn? Die Notaufnahme

Besonders nervig sind aber die ungeduldigen Menschen. Wenn ich persönlich richtig krank bin oder mich schwer verletzt habe, dann werden alle Termine, Treffen und Verabredungen gecancelt. Der Normalbürger aber torkelt immer wieder aus dem Raum auf den Gang und ruft nach dem Personal, weil sie noch wegmüssen oder es schlichtweg zu lange dauert. Immer weniger Menschen gestehen ihrem Körper eine Erholung ein, wenn er sie braucht. Ein junger Mann Mitte dreißig wurde von seinem Freund gegen achtzehn Uhr eingeliefert und mit dem Rollstuhl, der immer an der Eingangspforte steht, zu uns gefahren. Er hatte sich beim Umzug wohl irgendwie an einer Tischplatte verhoben und klagte jetzt über Schmerzen, die laut eigenen Angaben kaum auszuhalten waren. Obwohl seine Wartezeit mit zwanzig Minuten nicht sonderlich lange gewesen war, forderte er seinen Kumpan mehrfach auf, nach uns zu suchen und uns Feuer unterm Hintern zu machen, weil er dringend nach Hause müsse. Er hatte sich die Nervenstränge am Rücken, die aus dem Rückenmark in die Beine führen, gereizt, und vermutlich wurde ein Teil davon durch Blockaden oder Muskelverhärtungen abgedrückt. Wir verpassten ihm einen Schmerztropf, den der behandelnde Arzt auf die veraltete Würzburger Art anmixen ließ. Dieser spezielle Schmerztropf läuft über einen Tropfenzähler gesteuert in einem vorgegebenen Tempo in die Venen des Patienten. Die Verabreichungszeit bei einer beispielsweise 500-Milliliter-Infusion und vorgegebenen hundertfünfundzwanzig Millilitern pro Stunde lässt sich genau ausrechnen.

Er hätte vier Stunden liegen müssen. Das war für ihn in irgendeiner Weise inakzeptabel. Er glaubte tatsächlich, die Kontrolle über seinen Körper zu besitzen. Trotz unserer schönen mathematischen Rechnung ließ er ununterbrochen nach der restlichen Infusionsdauer fragen. So lange, bis er sich selbst den venösen Zugang zog, in den Türrahmen stellte und lauthals verkündete, dass er in fünf Minuten gehen werde, wenn dann kein Arztbrief da sei. Er drohte uns mit Abhauen. Als ob es irgendwen gestört hätte. Es war abzusehen, dass er während seiner Ankündigung im Türrahmen vor Schmerz kollabieren würde. Er hielt sich kreidebleich und mit Schweißperlen auf der Stirn an mir fest, als sei ich sein Fels in der Brandung. Am liebsten hätte ich ihn abgeschüttelt. Groß rummaulen, alles besser wissen und dann an meinem Hals rumbaumeln. Ende vom Lied war, dass er kleinlaut nachgab und sich stationär aufnehmen ließ. Dort erhielt er eine geeignete Schmerztherapie und wurde schmerzfrei entlassen. Ich ließ es mir nicht nehmen, ihn nach oben zu schieben. Ich fragte ihn während der Fahrt, wieso er wie viele Deutsche glaube, ein Anrecht auf sofortige Behandlung zu haben, und dass ihm möglichst eine Wunderheilung zustehe. Er antwortete, dass ich vermutlich recht habe. Er sei halt beruflich stark eingebunden und will präsent sein.

Wenn ein Rettungswagen einfährt, ist die Chance auf einen "wahren" Notfall erhöht

Ausfälle sind im jungen Arbeitsalltag nicht vorgesehen. Genesungszeit ist nicht tolerierbar. Das Problem ist, um die Uhrzeit, zu der dieser Patient erschien, war der reguläre Klinikbetrieb, wenn man so will, bereits eingestellt. Im Prinzip ist es so, dass nur noch ein Chirurg und ein Internist für alle Patienten im Haus und in der Notaufnahme zuständig sind. Bei sehr hohem Patientenaufkommen könnte man den Hintergrunddienst telefonisch um Hilfe bitten, was bisher in meiner Anwesenheit noch niemand, vermutlich aus falschem Stolz, getan hatte. Lediglich für unlösbare Probleme wird er um Rat gebeten. So müssen die Patienten spätabends und in der Nacht recht lange Wartezeiten in Kauf nehmen, wenn es sich nicht um Leben und Tod handelt. Allein diese Gegebenheit verstehen die wenigsten. Was die Patienten aber noch weniger verstehen, ist, dass ununterbrochen Krankenwagen von der anderen Seite die Notaufnahme anfahren und bei einem Notfall der ­Chirurg oder Internist eine weniger »wichtige« Behandlung temporär unterbrechen muss. Zumindest ist die Chance erhöht, einen »wahren« Notfall anzutreffen, wenn ein Rettungswagen einfährt. Der Arzt widmet sich dann so lange dem Notfall, bis eine Lösung für das Problem gefunden wurde oder der Patient notfallmäßig in eine andere Klinik verlegt werden kann. Patienten, die also im Wartezimmer sitzen und nervös werden, weil sie mittlerweile bis zu zwei Stunden warten, und deshalb glauben, dass nicht gearbeitet wird oder man vergessen wurde. Weil in diesen zwei Stunden gar kein neuer Patient ins Wartezimmer getreten ist, sehen sie sich im Recht und marschieren durch die Türe oder klingeln Sturm. Auf den Gedanken zu kommen, dass man nicht der Nabel der Welt ist und auf deutschen Straßen Rettungswagen unterwegs sind, die eine Notaufnahme anfahren können, kommen sie nicht.

Zugegeben es ist gespenstisch ruhig, wenn man alleine im Wartezimmer sitzt. Das ist aber auch so beabsichtigt, denn die teilweise verstörenden Szenen in der Notaufnahme sollen nicht zu Unterhaltungszwecken dienen. Die Rettungswagen, die unsere Notaufnahme von hinten anfahren, werden natürlich sofort vom Pflegepersonal angenommen, um weiterfahren zu können. Denn erstens kostet so ein Transport ein Schweinegeld, und zweitens müssen die Rettungskräfte, seien sie von der Feuerwehr oder den Johannitern oder sonst wem, arbeiten. Da ein Rettungswagen idealerweise einen Hilfsbedürftigen transportiert, belegt dieser direkt einen Raum, und die Patienten im Wartezimmer müssen weiter warten. Eine richtig ideale Lösung gibt es nicht, um die Patienten besser abarbeiten zu können. Man muss als Patient eben Geduld und Zeit mitbringen, bis sich ein Fenster öffnet.

Ein Geburtstagskind muss warten

Ich persönlich treibe die Diensthabenden immer an, Kinder direkt abzuarbeiten. Da wir keine Pädiatrie, also Kinderabteilung oder Säuglingsstation, geschweige denn eine Gynäkologie mehr haben, sendet man die Eltern mit den Kindern bei schwerwiegenderen Problemen entweder direkt weiter an eine Kinderklinik, oder man nimmt sie sofort dran. Dafür sollte jeder Verständnis haben. Die Ängste von Kindern zu schüren und ihre Geduld und die der Eltern auf eine harte Probe zu stellen, halte ich für falsch. Ich war selbst mit meinem Neffen einmal in der Notaufnahme in einer anderen Stadt gewesen, weil er sich bei einem Versuch, mit einem Wakeboard zu springen, was meiner Meinung nach nicht funktioniert, den Unterarm gebrochen hatte. Dummerweise passierte das an seinem Geburtstag. Ich schnappte mir also mit meinem Schwager den Kleinen und fuhr in die Notaufnahme. Die anderen Kinder und Gäste waren genauso wie ich der Meinung, dass man ein Geburtstagskind ganz gewiss nicht lange warten lassen würde. Falsch gedacht.

Die Notaufnahme war wirklich schön gestaltet, und das Krankenhaus an sich hatte wohl kürzlich eine gute Sanierung erhalten. Im Gegensatz zu unserer Notaufnahme war die Zugangstür verschlossen. Es gab nur eine Klingel. Als sich die Tür öffnete, erkannte ich einen erst kürzlich von uns gegangenen Mitarbeiter und freute mich noch mehr, weil ich dachte, er ließe uns ganz sicher nicht warten. Er gab uns etwas zum Ausfüllen, und ich fragte ihn, wie es ihm ginge. Er war kurz angebunden und machte die Türe zu. Ich hatte keinerlei Probleme mit ihm am Arbeitsplatz gehabt. Er teilte uns vor seiner Kündigung mit, dass er für ein Studium und eine höhere Position den Arbeitsplatz aufgeben müsse. Offenbar hatte er nicht die Eier in der Hose zu sagen, dass er nur die Notaufnahme wechseln wollte. Jedenfalls warteten wir über eine Stunde und sahen zu, wie eine unnötige Behandlung nach der anderen hereingerufen wurde.

Mein Neffe, elf Jahre alt, weinte mittlerweile und stöhnte, weil es ihm so wehtat. Ich fragte noch mal höflichst nach, ob man den Kleinen an seinem Geburtstag nicht vorziehen könne. Als Antwort wurde die Türe zugemacht. Schlimmer noch als die Sturheit des Personals waren die Ignoranz und das Unverständnis der anderen Patienten, von denen keiner den Anstand hatte, uns vorzulassen. Wenn ich ebenfalls ein wartender Patient gewesen wäre, der vor einem Jungen mit gebrochenem Arm dran wäre, dann würde ich meinen Platz sofort übergeben. Als eine weitere Stunde später der Schichtwechsel kam und die offenbar nettere Schicht meinen weinenden Neffen bei uns im Arm liegen sah, zögerte der große Pfleger nicht und lotste uns sofort durch. Wir wurden zum Röntgen geschickt, und eine Schwester empfing uns schon im Behandlungsraum. Sie zeigte dem eigenen Personal einen Vogel, und ihr war es äußerst unangenehm gewesen.

FELIX OTTO, geboren 1983 in Düsseldorf, gewann als Ruderer mit der deutschen Rudernationalmannschaft den Weltmeistertitel. Jetzt studiert er Humanmedizin und will mit seinem Erfahrungsbericht: "Wie geht eigentlich Krankenhaus?" etwas zur Verbesserung der Krankenversorgung beitragen. Mehrere Jahre lang war er als Aushilfskraft auf "Visite". Dabei hat er den Klinikbetrieb intensiv kennengelernt. Der obige Text ist aus einem Kapitel des Buches entnommen. 

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