Auf „Visite" im Krankenhaus – Teil 7: Der ganz normale Wahnsinn? Die Notaufnahme

"Wie geht eigentlich Krankenhaus?", fragt Medizinstudent Felix Otto und sucht in bester Günter Wallraff-Manier nach Antworten in den verschiedenen Abteilungen eines großen Klinikums. Exklusiv werden an dieser Stelle Auszüge aus seinem Debüt veröffentlicht.

Felix Otto

Früher Profisportler, heute Medizinstudent und Autor: Felix Otto

Ein Patient kommt zum dritten Mal aus seinem Behandlungsraum. Er geht den Gang entlang und öffnet eine Zimmertür nach der anderen. Ich: »Gehen Sie bitte sofort in Ihr Zimmer zurück. Sie können doch nicht einfach in die anderen Behandlungsräume schauen. Wo sind wir denn hier?« – Patient: »Ich bin jetzt seit einer Stunde hier und warte auf meine Behandlung.« – Ich: »Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte, dass Sie nicht der einzige Notfall in der Gegend sind. Könnte das sein? Zurück ins Zimmer bitte! Gehen Sie mal in die Uni, da warten Sie locker sechs Stunden, wenn Sie überhaupt drankommen. Mal davon abgesehen ist ein Ziehen im Unterarm seit zwei Tagen nach Gartenarbeit kein Notfall.«

Die Notaufnahme in Deutschland ist definitiv ein guter Spiegel unserer gesellschaftlichen Probleme. Wenn nicht sogar »Der Spiegel«. Man sagt, dass es kein Mitarbeiter länger als sieben Jahre hier aushält. Das liegt vor allem am hohen Aufkommen von Nonsensbehandlungen. Ich empfehle jedem Menschen, der sich nicht sicher ist, ob er eine Notaufnahme aufsuchen möchte, vorher gründlich in sich zu gehen und das Wort auf seine Bedeutung hin zu betrachten. Das Wort »Not« gibt einen ersten Anhalt, wer genau in die Notaufnahme kommen sollte und wer sich besser zum niedergelassenen Arzt, dem ärztlichen Notdienst oder direkt in die Notapotheke begibt. Würde ich die Menschen, die sich bei uns zur Behandlung anmelden wollen, nach der Definition des Wortes »Not« einstufen und nur diejenigen reinlassen, die sich definitiv in einer behandlungsbedürftigen Notlage befänden, dann wäre das weniger als die Hälfte, die ich reinlassen würde. Manch einer glaubt vielleicht, dass in der Notaufnahme ein blutüberströmter Patient nach dem anderen eingeliefert wird und sich Menschen mit letzter Kraft und einem Griff an die Brust aufgrund eines Herzinfarktes in die Notaufnahme schleppen. Dem ist sicher nicht so. Natürlich kommen derartige ­Patienten in unserer Notaufnahme vor, aber die meisten haben, wenn überhaupt, nur kleinere Wehwehchen, die nicht unbedingt in die Notaufnahme gehören.

Krankenwagen

Die Notaufnahmen in deutschen Krankenhäusern sind überlastet. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) hat nun ergeben, dass vor allem jüngere Patienten eine Notaufnahme aufsuchen.

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Das Grundproblem ist, dass die Gesellschaft mehr und mehr verweichlicht und zu viel bei Google recherchiert. Im Internet wird ein simpler Kratzer am Handrücken zur Pforte für todbringende Krankheiten. Heute darf jeder seinen unqualifizierten Senf zu jedem Thema dazugeben. Wirkliche Erfahrungen hat niemand von den Autoren. Meist handelt es sich um zusammengetragene Halbwahrheiten und nicht fundiertes Fachwissen. Auch eine noch so medientaugliche Studie ist kein Garant für ihre Richtigkeit. Über dieses Thema könnte man Bücherbände schreiben und Tausende von Studien ansetzen. Das würde den Rahmen meiner Ausführungen sprengen. Fest steht doch, dass ich lieber einmal tief in mich hineinhorchen und meinem Körper zuhören sollte. Glauben Sie mir. Jeder Körper sendet tagtäglich Signale und macht mir, wenn ich ihm Gehör schenke, auf verständliche Art und Weise klar, was er braucht und was nicht. Leider ist der Griff zum Smartphone und die Diskussion auf Facebook oder WhatsApp schnell mit dem Daumen ausgeführt. Die Menschen schüren ihre Ängste und Bedenken selbst auf ein unerträgliches Maximum. Am Ende klingeln Sie unnötigerweise in der Notaufnahme und gehen verärgert nach Hause. Dieser Ärger nimmt in den letzten Jahren spürbar zu. Selbst eine studentische Aushilfe wie ich, die nur sporadisch Dienste auf dieser Station macht, merkt die Steigerung. 

Die Menschen reden nicht mehr wirklich miteinander, während sie versuchen, sich in die Augen zu schauen. Das Autofahren ist das beste Beispiel. Deutschland ist ein wahrer Schilderdschungel. Überall hängen sie und regeln jeden noch so kleinen Scheiß. Dabei könnten wir durch Blickkontakt und Miteinander-Reden schneller ans Ziel kommen und eine ruhigere Lösung finden. Niemand fährt perfekt Auto. So macht man ständig irgendwelche kleineren Fehler im Verkehr, die völlig normal sind. Aber wehe, wenn ein Mitmensch im gleichen Verkehr unterwegs ist und mich aufhält oder versehentlich bedrängt. Dann kracht es tief im Innern, und das wilde Hupen und Fluchen beginnt. Wegen Nichtigkeiten. Aber der Mensch benötigt im Alltagsstress der heutigen Zeit eben irgendein Ventil. Leider gibt das Stadtleben kaum Raum, den Dampf abzulassen. So warten die Leute auf die Situation, ihrem Dampfkessel endlich Luft zu verschaffen. Es trifft zu neunundneunzig Prozent einen Unschuldigen.

Vom eingerissenen Fingernagel bis zur Reanimation im Schockraum

In der Notaufnahme wird es momentan auf die Spitze getrieben. Eine Notaufnahme hat nur eine begrenzte Kapazität von Personal. Wem da nicht klar wird, dass es mit einer langen Wartezeit verbunden ist, eine Notaufnahme aufzusuchen, der lebt in seiner eigenen Realität, die nicht der wahren Realität entspricht. Alles fängt damit an, dass an unserer Türe ein schönes großes, rotes Schild hängt, auf dem steht, dass man bitte klingeln und anschließend warten möge. Es ist zum Haareraufen, wie viele Menschen einfach die Milchglastüre öffnen und durch die Notaufnahme marschieren. Im ungünstigsten Fall erlebte ich, wie ein älterer Herr nur mal abklären lassen wollte, was es mit dem eingerissenen Fingernagel auf sich habe. Eigentlich sei es nichts Wildes, er wolle nur sichergehen, dass sich der Nagel nicht schlimmer entzünde. Währenddessen wurde im Schockraum reanimiert und ein anderer Patient am Kopf nach einer Schlägerei und viel Alkohol unter lautem Gebrüll zusammengeflickt. Hinten in der Krankenwageneinfahrt fuhren zwei weitere Rettungswagen ein und warteten auf jemanden, dem sie ihre Patienten übergeben konnten. Der alte Mann watschelte den Flur entlang, sprach mich völlig seelenruhig an und erzählte auch gleich von seinem Nagel. Ich kam gerade aus dem Raum mit den Kopfplatzwunden, hatte blutverschmierte Handschuhe an und wollte eigentlich nur kurz in den Lagerraum neue Kotzbeutel holen, weil der Patient seinen teuer gekauften Alkohol in unserem Raum am Darm vorbei direkt über den Mund entleeren wollte. Der ältere Herr blieb unbeeindruckt und bestand, seiner Ansicht nach, auf sein Behandlungsrecht, schließlich bezahle er mit seinen Beiträgen mein Gehalt. Ich lachte kurz auf und bat ihn, sofort vor die Türe zu gehen und kurz zu warten, bis jemand kommen würde. Währenddessen ging die Notaufnahmetür erneut auf, und ein weiterer Patient steckte seinen Kopf durch den Türspalt. Er hielt Ausschau nach dem Personal, weil er wissen wolle, wie lange er denn noch warten muss, er habe noch Termine, und ob man schneller drankäme, wenn man so wie der alte Herr direkt durchmarschiere.

»Können Sie alle nicht lesen? Gehen Sie beim Bäcker auch einfach hinter die Theke und bedienen sich selbst, ohne zu warten? Bitte Klingel betätigen und warten.« Ich musste aufpassen, dass ich nicht hysterisch zu lachen anfing. Aber mein Bäckerbeispiel zog bisher immer. Wenigstens entschuldigte sich der Mann an der Türe und zog sich zurück. Den alten Herrn musste ich rausschieben. Die Klinikleitung möchte eine verriegelte Türe definitiv nicht installieren. Deshalb wurden zuerst farbige Striche auf den Boden vom Haupteingang bis zur Notaufnahme geklebt. Mit einem großen Stoppaufkleber vor unserer Türe. Diese Maßnahme half genau null Prozent. Die Menschen marschierten weiter einfach in die Räumlichkeiten, weil sie der Meinung waren, dass es völlig in Ordnung sei, sich am Wartezimmer vorbei in einen Behandlungsraum zu befördern. Nun muss ich dem ein oder anderen vielleicht zugestehen, dass ein flaues Gefühl in der Magengegend und eine unterschwellige Angst vor einem Krankenhausbesuch an sich die Sinne vernebeln können. Aber mittlerweile glaube ich, dass viele es drauf ankommen lassen und hoffen, dass man beim Durchmarschieren einfacher in ein Behandlungszimmer gelotst wird. Leider wird derjenige, der dauerhaft nervt, niemals schneller drankommen. Ich könnte einen Boxhandschuh an einem Roboterarmmechanismus an der Türe anbringen, der jedem Menschen, der unaufgefordert eintritt, mitten ins Gesicht schlägt. Die Leute würden sich schütteln und wundern, was das eben war. Dann würden sie erneut die Hand an den Türgriff legen und noch mal versuchen einzutreten. Wir haben aktuell einen großen Pfeil an der Türe kleben, der in Riesenbuchstaben das Wort »Klingel« enthält. Weiter hängt eine große ausgestreckte Hand mit den Worten »STOPP! Bitte erst klingeln und abwarten« an der Scheibe. Resultat ist entweder ein noch verunsicherterer höflicher Patient, der sowieso geklingelt hätte, oder ein noch dreisterer Patient, der jetzt erst recht die Zimmer nach einem Arzt abklappert.

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